Domes wie zur Andacht in einer unsichtbaren Kirche droben über den Sternen . Wie er in die schon erleuchteten Fenster seiner Wohnung hinaufsah , rang sich ihm mit Schmerz der Seufzer von der Brust : Fiat lux in perpetuis ! 8. Die Beraubung des Grabes auf dem Friedhof zu St.-Wolfgang war inzwischen in der Dechanei , wie in ganz Kocher am Fall bekannt geworden . Grützmacher war auf schweißgebadetem Roß zurückgekehrt , hatte aber den muthmaßlichen Thäter nicht ergriffen . Auch daß Bonaventura vielleicht noch den Abend in der Dechanei eintreffen würde , war durch Hedemann bekannt geworden , der auf einen Augenblick daselbst vorsprach und die von Angelika Müller erhaltenen , von Benno , dem zu sehr in Anspruch Genommenen , wieder zurückempfangenen Briefe für den Dechanten an Windhack übergeben hatte . Kein Oberst , kein Benno , kein Thiebold , niemand sonst ließ sich vor Antheil an den Vorgängen in der Stadt sehen , sodaß Lucinde der Frau von Gülpen die räthselhaften Vorgänge allein erzählen mußte , ja wiederholen , mehrfach wiederholen , da die Theestunde geschlagen hatte und einige Freundinnen der gastfreien Frau schon im lebendigsten Mittheilungsgenuß um den siedenden Kessel versammelt saßen . Zur Justizräthin von Nietnagel , zum Stiftsfräulein von Minnerich und wie sie alle hießen , die entweder in Kocher selbst wohnhaft waren oder zu jener Landeswohlthat ( nach andern Landesplage ) gehörten , die die Reihe herum immer auf der Wanderschaft bei ihren Lieben und Guten begriffen sind und das schöne Talent des Sich-Einwohnens und Nothwendigmachens des Jahres bei einem halb Dutzend Familien schon seit dreißig Jahren besitzen , gesellte sich zuletzt auch der tieferschütterte Dechant . Auch er erfuhr nun die unheimliche Kunde und gab dadurch Lucinden Gelegenheit , ihren Bericht zum fünften oder sechsten mal zu wiederholen , sich aber auch zugleich in lebhafter Weise ihm selbst zu empfehlen . Lucinde , die das Wohlgefallen des Greises an seinem wiederholt prüfenden Blick sogleich bemerkte - sie war zwar noch in ihren Reisekleidern , hatte aber manches Krägelchen , manchen Spitzenschmuck zur Hebung ihrer Erscheinung zu benutzen verstanden und besonders schön stand ihr die eigenthümliche thurmartige Krone ihres stattlichen Haares - , suchte sich den Schein der größten Ungefährlichkeit zu geben . Sie wollte sich nur nützlich machen . Sie servirte den Thee wie eine Dienende . Schon erntete sie manchen heimlichen Wink des Beifalls , den Frau von Borchardt an Frau von Nietnagel , diese wieder an Fräulein von Minnerich und Fräulein von Minnerich an die » treue Freundin « , Frau von Gülpen selbst weiter gab . Windhack erinnerte an die Briefe , die Hedemann gebracht ; der Dechant wollte jetzt nichts davon wissen , er wollte ruhig » seine Tasse Thee « trinken , d.h. die Gestalt und den ausdrucksvollen , den Kenner der Antike fesselnden Kopf derjenigen bewundern , die den Thee credenzte . Windhack konnte , da er Grützmachern gesprochen hatte , von der vergeblichen Verfolgung des Knechtes aus dem Weißen Roß berichten . Oben auf der Höhe des St.-Wolfgangsberges , erzählte er , hatte ihn Grützmacher und seinen Wagen fast erreicht . Da aber springt der Mensch herunter vom Wagen , läßt alles im Stich , flüchtet in den unwegsamen Wald und Grützmacher hat halt mit seinem Gaul vorläufig das Nachsehen ... Nun kam die Majorin Schulzendorf . Auch sie kam in der ganzen Eile und Aufregung , die nichts zu versäumen wünschte und vor Thatsachen , die sie so lange zurückgehalten hätten , sich nicht zu lassen wußte ... Erst der Leichenräuber und - ei - ei , daß sie fast vergessen hätte , dem liebenswürdigen Dechanten für das wunderschöne , prächtige Obst zu danken - - Bitte ! Bitte ! Köstliche Birnen ... Na heute Abend , der große Zapfenstreich ... Der Leichenräuber ? ... Nun , nicht wahr ? Aber mein Mann vermuthet schon einen gewissen Bickert , einen Menschen , der jahrelang in Frankreich im Zuchthause gesessen hat , dann über die Ardennen herübergekommen ist , bald da , bald dort herumstreift , mit einer ganzen Bande zusammen im Hundsrück die Roßtäuscherei getrieben hat , rotzkranke Pferde für gesunde aufputzt ... danke , danke , meine Liebe ! der Thee macht mir noch zu heiß ! Ein Stückchen von Ihrem Kuchen - Delicat ! Auf dem Lande und in kleinen Städten gewöhnen sich die Menschen an alles Natürliche und Thatsächliche . Sie können von Krankheiten der Thiere mit demselben Interesse reden hören , wie man in großen Städten nicht einmal von den Krankheiten der Menschen spricht . Der Major war selbst Pferdehändler . Seine Gattin spann seine Vermuthung über die Gefährlichkeit dieses Bickert selbst bis auf eine Schilderung der Künste aus , wie man den sogenannten Rotz auf einige Tage scheinbar beseitigen kann . Mitten in diesem Fragen , Berichten , Wundern kam auch der Major ... Es war eine hagere , mehr bureaukratische als militärische Erscheinung . Er trug Uniform , doch saß sie ihm nicht so stramm und geschlossen , wie man hier in den militärischen Kreisen sich zu zeigen gewohnt ist . Als Candidat der Theologie war er 1815 unter die Fahnen seines Königs getreten und hatte eine Carrière gemacht , die jetzt gewissermaßen wieder in ihre frühere moralische , wenigstens civile Bestimmung zurücklenkte . Als Lieutenant von der Armee abgegangen , war er bei den Gensdarmen allmählich bis zum Major gestiegen und griff nun in Gesetz und Ordnung als Chef eines rings zerstreuten , den Landräthen und Regierungsämtern zur Verfügung gestellten Gensdarmeriecorps ein . Man sollte kaum glauben , daß ein ehemaliger Lateiner so ganz im Berittenen , namentlich im Pferdehandel , aufgehen konnte , wie Schulzendorf , obgleich er immer noch etwas Gelehrsamkeit in Bereitschaft hielt . Seine grauen Augen bekamen oft ein lebhaftes Feuer ; um die spitze Nase legten sich aufs blasse Antlitz zwei lange mephistophelische Furchen ; der Bart auf der Oberlippe zuckte in allen seinen dünnen grauen Härchen ; das Kinn , das in der Mitte gespalten war , streckte sich mit einer