Paris nachgegeben und vor ihrer Abreise noch einen Besuch in den Tuillerien gemacht . Paris ist ein Saal der Freude ! Die Straßen sind Gärten , in denen das Volk tanzt und spielt , die beiden Königinnen , von ihrem ganzen Hofstaate umgeben , durchziehen sie in offnen Triumphwagen , welche die Stadt hat bauen lassen . - Unsere Reisewagen sind gepackt ; wir erwarteten nur Ihre Rückkehr , um das Hotel Soubise zu beziehen ; machen Sie danach Ihre Einrichtungen ! « » Ich werde schwerlich mit Ihnen zugleich dem Hofe aufwarten können , « erwiederte Leonin - » ich fühle mich sehr unwohl - etwas Ruhe ist mir durchaus nöthig ! « Einen Augenblick sah die Marschallin zu ihrem Sohne auf , mit dem Wunsche , zu widersprechen ; aber aufs neue leuchtete ihr die Ueberzeugung seiner sichtlichen Erschöpfung ein . So gern sie sich ' s geläugnet hätte , es war gar nicht zu übersehen - er war krank - jedenfalls in einer Gemüthsstimmung , die eine kleine Sammlung wünschen ließ ; da sie ihn wenig so darzustellen verhieß , wie es die Marschallin wünschte . So trennte man sich . Kein Wort hatte das überfüllte Herz Leonin ' s erleichtert . Diese harte Frau , die ihn so ohne Bedenken zu dem Verbrechen gereizt , das er fühlte begangen zu haben , zeigte eine Gleichgültigkeit , die nicht einmal nachfrug , ob oder wie es vollzogen . Keine Theilnahme , kein Dank , Nichts versöhnte den ungeheuren Schritt , den er gethan . Zurückgedrängt ward er mit jeder Empfindung , die ihn fast zu ersticken drohte , als nehme man ihr Dasein für unmöglich an ; und was man ihm dagegen bot , waren die erbärmlichen Wichtigkeiten dieser äußern Welt ! Sein Herz krampfte sich in Bitterkeit zusammen ; ein finsterer Groll gegen sich und die ganze Welt ergriff ihn , ja , eine Ansicht über seine Mutter brach sich Bahn , die ganz gegen den kindlichen Enthusiasmus stritt , den er bisher empfunden . Es war ein fürchterliches Gericht in ihm , und die größte Strafe der Sünde erreichte ihn : der Preis , um den er gesündigt , sank in dem Augenblicke , wie er ihn errungen hatte ! - Eine glühende Hölle schien ihm dies glänzende Treiben des Hofes , welches jede Besinnung erstickte , jede Regung verstieß , die nicht in ihre erkünstelten Zustände paßte . Eine Einöde schien sie ihm zugleich , von tödtender Langweile erfüllt , ohne Reiz , ohne Erquickung - der Felsblock des Sysiphus - mühsam täglich emporgewälzt , täglich zurückstürzend dieselbe Bahn - für das Erfolglose immer denselben Aufwand von Mühe begehrend . Fast bewußtlos sank er auf sein Lager , und Keiner aus seiner Umgebung wagte mehr , den jungen Erben zu stören , dessen Ansehn so wenig den glänzenden Aussichten entsprach , die Alle für ihn eröffnet wußten . Bald fuhren die Karossen der Marschallin vor , und sie verließ , nach den passendsten Instruktionen an ihren Arzt und Beichtvater , das Palais Crecy , ohne daß sie selbst ihren Sohn wiedergesehn , oder die Bitte der trauernden Louise um diese Gunst gestattet hätte . Dies Mal sollte der Marschall ihr zu Hülfe kommen ! Er befand sich bereits in Paris ; aber sie wußte es mit Sicherheit , daß sie ihm nur zu sagen brauche , Leonin sei krank in Versailles angekommen , und er werde in der nächsten Stunde dahin reisen , wo sie dann seinem unbezwinglichen Ungestüm vertrauen durfte , der weder die Einwendungen Anderer hörte , noch sich ihnen fügte , und unfehlbar Leonin ' s Krankheit für nicht bedeutend genug ansehn mußte , um ihn länger von dem Schauplatze entfernt zu halten , den ihn einnehmen zu sehen , seine ganze Seele erfüllte . Dagegen erschien die Marschallin sogleich mit der Miene einer betrübten Mutter , das Unwohlsein Leonin ' s der Königin und seiner nun öffentlich erklärten Braut mitzutheilen . Da Niemand zur Besinnung kam in dem Taumel , der in Paris herrschte , der Volk und Hof fast in einem Feste vom Morgen bis Abend zu vereinigen schien , so fand jede Erklärung gefälligen Eingang , die von Niemandem ein langes Nachdenken oder Zuhören begehrte . Nur Viktorine , die sich stets selbst behielt , der diese Dinge nur so nahe traten , als sie wollte , hörte die Nachricht der Marschallin mit veränderter Farbe ; und als der Marschall in Reisekleidern bei ihr eintrat , um ihr Muth einzureden , fühlte sie die kindlichste Zärtlichkeit gegen ihn , und Beide trennten sich mit erhöhter Liebe . Diese Empfindung war Viktorine überhaupt viel mehr geneigt , ihrem künftigen Schwiegervater , als der Marschallin zu widmen . Sie mißtraute ihr . Dies vollendet gehaltene Wesen , welches , wie das untrüglichste Rechenexempel sich immer in den Forderungen der großen Welt auflöste , empörte ihren offenen Karakter , der durch freie geistige Entwickelung , so viel es diese Zeit zuließ , die Etikette lästerte . Sie hatte überdies einen ahnenden Verstand . Sie war zu unschuldig , um manche Dinge wissen zu können ; aber sie ahnte dann eben , daß nicht Alles in Ordnung sei , und fehlte selten in ihren Voraussetzungen . Am nächsten Abend stand sie neben ihrer Schwiegermutter in dem großen Spielzimmer der Königin , während sich im Nebensaale der glänzendste Ball entwickelte , welchen die Königin als Abschiedsfest gab , und an dem Theil zu nehmen , ihr unmöglich war , als die Marschallin plötzlich zusammenschreckte und einen Augenblick starr nach der Thür blickte . Viktorinens Augen folgten diesem Blick , und sie konnte die Ursache nicht errathen , bis der Marquis de Souvré ihr auffallend ward , der sich mit seiner gewöhnlichen Dreistigkeit halb lachend , halb neckend durch die Menge drängte . Viktorine glaubte jetzt die Bewegung der Marschallin erklärt . Er kommt aus Leonin ' s Krankenzimmer , sagte sie sich ; sie selbst fühlte ein tiefes Erbeben und zugleich ein sanfteres