bloße Betrachtung der Natur führt , folglich die bloße Idee eines höchsten Wesens und einer Fortdauer nach dem Tode , hinreichend zur Sittlichkeit und Glückseligkeit des Menschen auf jeder Stufe der Cultur sey . Ich will nichts davon sagen , daß bis jetzt weder die ältere noch neuere Geschichte uns ein Beispiel eines , wenn auch noch so kleinen , Volkes aufstellt , das sich mit dieser bloßen Vernunft-Religion begnügt hätte ! Ich bitte dich blos umherzusehen , und unter den Menschen , welche sich gesittet , gebildet , gelehrt nennen , mit scharfer Prüfung diejenigen auszusondern , deren Seelen erhaben und reich genug wären , um zum Guten und Schönen keines andern Antriebes , als der heiligen Stimme in ihrer reinen Brust zu bedürfen . Wie klein wird diese Anzahl seyn ! Und kann es wohl mehr als ein schöner Traum genannt werden , wenn wir hoffen wollten , die ganze Menschheit einst auf einer hohen Stufe der Cultur zu sehen ? Würden nicht selbst in dieser mehr als platonischen Republik die Menschen noch immer dem Irrthum der Sinne , den Grübeleien , den Täuschungen der Vernunft unterworfen , dem Einfluß und der Gewalt der Elemente , der Naturwirkungen hülflos blos gestellt seyn ? Was können spitzfindige Systeme gegen die Macht des Unglücks ? Was vermag die so oft irrende Vernunft , die über die wichtigsten Punkte nichts als Vermuthungen hat , gegen die furchtbare Gewalt des nagenden Zweifels , wenn er einmal angefangen hat , die Grundfesten unserer Ruhe zu untergraben ? O Phocion ! Denke deinem Schicksale nach - meine Hand würde zittern , wenn ich jene alten , vielleicht jetzt nicht ganz geheilten Wunden berühren sollte - denke deinem Schicksale nach , und wenn du wünschest , daß das Menschengeschlecht nur durch Vernunft zu fester Ruhe und Sittlichkeit gelange , so erinnere dich jener Stunden , in welchen die Hand des Geschicks schwer auf deinem Herzen lag , dies Herz durch keine Vernunftgründe sich vor stechenden Zweifeln schützen konnte , und alle Systeme der Philosophen , die dein vielgebildeter Geist sich gegenwärtig hielt , nicht hinreichen , dir Beruhigung zu verschaffen , weil eben dein hoher Geist ihre Lücken und Blößen schmerzlich in diesem Augenblick erkannte . Nein , Phocion , es ist nicht möglich ! Diesem vielgestaltigen , jeder Täuschung unterworfenen , jeder Form sich anschmiegenden Wesen kann die Vorsicht unsere Ruhe , unser Glück nicht allein anvertraut haben . Denke an die erst genannten Secten , deren jede nachfolgende die vorhergehenden aufzuheben , und Alles , was vergangne Alter mit Mühe ersannen und für wahr hielten , Lügen zu strafen scheint ; denke an die Versammlungen des Senats , an jede noch so kleine Verbindung mehrerer Menschen , wo jeder mit gleich starken Gründen den Satz vertheidigt , der ihm wahr und ausgemacht ist , und jeder sich rühmt , die Vernunft auf seiner Seite zu haben ! Sollte es wirklich diese vielgetäuschte und vieltäuschende Erkenntniß seyn , in der wir Alles suchen und finden müssen , was wir zu unserer Beruhigung so nothwendig bedürfen ? O nein , Phocion , es muß etwas Anderes sein , Etwas , das in allen Menschen gleich ist , das in dem wilden Gothen , wie in dem weichlichen Bewohner Asiens , in einem Caligula , wie in einem Sokrates liegt , und nur durch Clima , Erziehung und Gewohnheit gestimmt , sich stärker oder schwächer äußert - das Gemüth , das , was wir mit einem metaphorischen Ausdrucke das Herz , den Sitz aller Empfindung , alles Willens , des innersten Lebens nennen ! Hierin sind alle Sterblichen gleich . Alle fliehen sie den Schmerz , Alle suchen sie die Lust , sie mögen sie nun setzen , in was sie wollen ; Alle streben glücklich , ruhig zu seyn , wie das Wasser aus jeder Störung durch jedes Hinderniß nach seiner horizontalen Lage strebt - Alle hassen , Alle lieben auf gleiche Art , nur verborgener oder offenbarer , stärker oder schwächer , je nachdem Sitte oder Wildheit , Unschuld oder Verstellung ihrem Gefühl Schranken auferlegt , und in das Herz , in das Gemüth des Menschen hat der Schöpfer die Religion gelegt . Mit dem Gemüthe sollen wir ihn suchen , und mit festem Glauben ergreifen , wenn er sich uns durch sinnliche und übersinnliche Wege offenbart . Die Vernunft soll nur dazu dienen , das , was jene geheimen Stimmen sagten , durch ihre kalten Erfahrungen zu bestätigen . So ist unser Glaube an Unsterblichkeit , an einen allweisen Schöpfer des Ganzen , an seine nie schlummernde Vatersorge , an eine künftige Vergeltung , an eine allgemeine Brüderschaft des ganzen Menschengeschlechts nicht blos Resultat grübelnder Untersuchungen und kalter Schlüsse ; es ist ein lebendiger Glaube , eine feste Ueberzeugung , die keine neuerfundene Theorie wankend machen kann , denn sie ist aus mehr als menschlichen Quellen geflossen , und in dem Ewigen und Heiligen unserer Brust niedergelegt . Wenn jetzt der Frühling dem Christen in der rings erwachenden Natur das wiederkehrende Leben zeigt , wie Alles neu entsteht , und vom Winterschlafe sich fröhlich losringt , dann lockt ihn nicht gereizte Sinnlichkeit , nur überall den Trieb der Liebe zu suchen und zu erkennen , er feiert keine Nachtfeier der Venus1 mit üppigen Gesängen und Tänzen . Ihm ersteht die todte Natur in neues Leben , ihm keimt Unsterblichkeit aus dem Grabe , ihm erhebt sie sich in der Person seines göttlichen Meisters und Lehrers mit dem Strahl der Morgensonne siegreich aus der umschließenden Felsengruft . So belebt jeder kommende Frühling mit neuer Kraft die hohe Zuversicht in seiner Brust , und durch sinnliche Wahrnehmungen und vernünftige Schlüsse wird der Glaube in ihm fest und unerschütterlich . Ich könnte dir in unsern übrigen Glaubenssätzen , in unsern Offenbarungen noch mehr Beispiele dieser Art liefern , wenn eine solche Auseinandersetzung nicht für einen Brief zu weitläufig würde . Kann es mir auch nicht gelingen , dich ganz zu überzeugen , so wünsche ich doch