wir beide zu strenge über sie ; vielleicht stimmt mich dagegen zu einer andern Zeit die Erinnerung an so viele mit ihr verlebte Tage , die so schön nie wiederkehren werden , zu einer größern Nachsicht , als sie von einem ganz unbefangenen Richter zu erwarten hätte . Genug , ich bin weit entfernt , die Hoffnung aufzugeben , daß sie sich noch , unvermerkt , und am ehesten ohne fremdes Einmischen , zu dieser ruhigen Selbstgenügsamkeit und Festigkeit des Gemüths läutern werde , ohne welche wir freilich Ursache hätten immer für sie in Sorgen zu seyn . Warum hätte sie sich von Arasambes getrennt , und ihrer Freiheit durch diese Trennung so große Opfer gebracht , wenn das schöne Bild einer reinern Glückseligkeit , welche sie zu geben und zu empfangen fähig ist , nicht lebhaft genug auf sie gewirkt hätte , um über die üppigsten Befriedigungen der Sinne , über alle Forderungen der Eitelkeit , der Prachtliebe , und jeder andern selbstsüchtigen Leidenschaft das Uebergewicht zu erhalten ? Lassen wir ihrer blumenreichen Phantasie noch einige Zeit sich durch rastloses Herumflattern zu ermüden ! Das Bedürfniß der Ruhe wird mit dem erwachenden Gefühl dessen , was sie sich selbst seyn könnte , nur desto dringender werden ; sie wird sich unversehens nach Aegina zurückziehen , ihre lieblichen Haine der Sokratischen Sophrosyne und ihren ernsten Grazien heiligen , und glücklich seyn wie sie es noch nie gewesen ist ; oder das letzte rührende Lebewohl und der weihende Händedruck des scheidenden Weisen müßte alle seine Kraft an ihr verloren haben . Ich glaube gar ich schwärme , Freund Kleonidas ? Beim Anubis34 , es ist nicht ganz richtig mit mir ! Bald werd ' ich mir gestehen müssen , daß ich dir ähnlicher bin als mir meine Bescheidenheit zu denken erlauben wollte . - Ernsthaft zu reden , meine Freundschaft oder Liebe ( wenn du willst ) für dieses wunderbare Wesen ist nie wärmer als wenn etliche tausend Stadien35 zwischen uns liegen . Die Phantasie treibt zuweilen auch mit uns andern kaltblütigen Leuten ihr Gaukelspiel . Mir , zum Beispiel , schiebt sie , in einer solchen Entfernung , unvermerkt eine Art von idealischer Lais unter , wie ich etwa wünsche daß die wirkliche seyn möchte ; und dann dünkt mich , es sey nichts was ich nicht für sie zu thun fähig wäre , wenn sie dadurch glücklich würde , und mir gehen seltsame Grillen durch den Kopf , die ich mir durch allerlei scheinbare Vorspiegelungen wahr zu machen suche . Ich besorge sehr , die Hoffnung , daß der abgeschiedene Geist des Sokrates noch ein Wunder an ihr thun werde , ist eine dieser Grillen ; denn leider ! bei kühler Ueberlegung sehe ich wenig Wahrscheinlichkeit , daß die leibhafte Lais jemals von dem was sie ihr System nennt zurückkommen werde , wiewohl es im Grunde nichts als Blendwerk ist , hinter welchem sie ihre übermüthige Lust , Unheil in unsern armen Köpfen anzurichten , sich selbst zu verbergen sucht . Mit der schönen Cyrene , zu welcher du mich so freundlich einladest , geht es mir wie mit der schönen Lais ; meine Liebe zu ihr wächst mit dem Raum und der Zeit die mich von ihr entfernen ; und wie könnte Liebe ohne Verlangen seyn ? Cyrene , die doch alles , was mir das Liebste ist , enthält , bleibt auch immer das letzte Ziel meiner Wanderungen , das Ithaka36 der freiwilligen Odyssee , die ich - nicht dichte - sondern lebe . Ich nenne sie freiwillig , weil keine feindseligen Götter sich gegen meine Zurückkunft verschworen haben : aber dennoch zweifle ich selbst , daß sie so ganz willkürlich ist , als das täuschende Gefühl der Freiheit sie mir vorspiegelt ; denn die unsichtbaren Seile , die mich nach Korinth und Athen zurückziehen , sind darum nicht minder stark , weil es keine Ankertaue sind . Beide liegen noch zwischen mir und Cyrene , und ich kann jetzt noch nicht ernstlich daran denken , sie hinter mir zu lassen . Ueberdieß werde ich in Rhodus selbst durch mancherlei Verhältnisse aufgehalten , und nach Achaja gedenke ich nicht wieder zu kehren , ohne zuvor alle merkwürdigen Orte in Klein-Asien und die nördliche Küste des Euxins37 besucht zu haben . Kurz , lieber Kleonidas , da ich mich einmal so weit in die Welt hinaus gewagt habe , gebührt es sich entweder gar nicht , oder als ein stattlicher , an Kenntnissen und Erfahrungen reicher , weiser und gefüger Mann nach Cyrene zurück zu kommen . 16. Learchus an Aristipp . Wir erfreuen uns wieder eines Vorzugs , um welchen uns Athen und Syrakus beneiden , des Glücks , die schöne Lais , nach einer mehr als vierjährigen Abwesenheit , wieder in unsern Mauern zu besitzen ; wenn anders die Erlaubniß , seine Augen unentgeltlich an ihrem Anschauen zu weiden , für eine Art von gemeinsamen Besitz gelten kann . Dieß ist ein Recht , oder vielmehr eine Wohlthat , die sie , gleich der Sonne , allen Augen zugesteht , die es auf die Gefahr , eben so wie von einem Blick in die Sonne geblendet zu werden , wagen wollen in die ihrigen zu sehen . Irgend einer höhern oder geheimern Gunst kann sich unter allen , die sich darum zu beeifern scheinen , bis jetzt noch keiner rühmen : aber auch diese ist schon so groß , daß einige Zeit hingehen dürfte , bis irgend ein Uebermüthiger sich erdreisten wird , über die Unzulänglichkeit einer so geistigen Nahrung der ungenügsamsten aller Leidenschaften zu knurren . In der That ist ihre Schönheit noch immer im Zunehmen , und scheint sogar , anstatt durch die Zeit das Geringste von ihrer frischen Blüthe verloren , im Gegentheil in der Blende , worin sie zu Sardes gestanden , einen noch höhern Glanz gewonnen zu haben , - etwas Gebieterisches , Königliches möcht ' ich sagen , das in die Länge kaum erträglich wäre , wenn sie es nicht