Weib wegwirfst , das Deiner unwürdig wäre ! “ „ Glaube mir , Mutter , ich verstehe Dich und danke es Dir , aber , wenn Du mich glücklich machen willst , dann liebe mich etwas weniger und Ernestinen etwas mehr ! Das ist Alles , was ich von Dir fordere , willst Du mirs nicht gewähren ? “ „ Das Erstere kann ich nicht — das Letztere aber will ich versuchen , weil Du es wünschest , mein Sohn ! “ „ So ist ’ s recht , Mutter ! “ rief Johannes und küßte ihre immer noch schönen Hände . „ Und nun erlaube ich Dir auch , daß Du unsern Gast weckst , ich möchte sie doch gerne noch sehen , bevor ich ins Kolleg muß ! “ „ Hier ist sie schon ! “ sagte die Staatsrätin und ging der Eintretenden entgegen . „ Guten Morgen , mein liebes Fräulein , wie haben Sie geruht ? “ und sie bog Ernestinens Kopf ein wenig herab und drückte einen Kuß auf ihre Stirn . Ernestine sah sie überrascht und dankbar an : „ O ich schlief wie von Engeln gewiegt . So erfrischt , so erholt fühlt ’ ich mich lange nicht ! “ Dann streckte sie Johannes einen Strauß weißer Rosen hin und fragte : „ Haben Sie die schönen Rosen vor meine Tür legen lassen ? “ Johannes errötete leicht , sein Auge haftete trunken auf der herrlichen Erscheinung : „ Ja , ich legte sie selbst dahin . “ „ Ich danke Ihnen ! “ sagte Ernestine . „ Sie sind so gut gegen mich wie nie ein Mensch ! Ich habe wohl viele Blumen in meinem Garten , aber keine freute mich so — wie diese . Ich bekam , so lange ich lebe , noch keine Blumen geschenkt . Jetzt weiß ich erst , wie wohl das tut . “ „ Hat Ihnen Ihr Oheim nie zum Geburtstag einen Strauß beschert ? “ fragte die Staatsrätin . „ O nein ! Und am Ende hätte es mich auch von ihm nicht einmal so gefreut ! “ meinte Ernestine mit ruhiger Unbefangenheit . Johannes ’ Gesicht strahlte bei diesen Worten . „ Wann ist denn Dein Geburtstag , Ernestine ? “ fragte er , während die Staatsrätin sie zum Frühstücken nötigte . Ernestine setzte die Tasse nieder , die sie eben zum Munde führen wollte und blickte ihn verwundert an : „ Das weiß ich nicht ! “ „ Du weißt es nicht ? “ rief Johannes . „ Ich will meinen Oheim fragen . Er hat mir ’ s wohl einmal gesagt , aber ich habe es vergessen . “ Die Staatsrätin schlug die Hände zusammen : „ Vergessen , den eigenen Geburtstag ? Ist das möglich ! Wurde er denn nie gefeiert ? “ „ Gefeiert ? “ wiederholte Ernestine verwundert . „ Nein ! — Weshalb sollte er gefeiert werden ? “ „ Wie — Sie kennen diesen schönen Liebesbrauch gar nicht ? “ Ernestine schüttelte fast wehmütig den Kopf : „ Ich kenne keinen Liebesbrauch . “ Die Staatsrätin sah sie mitleidig an . „ Da wissen Sie wohl kaum , wie alt Sie sind ? “ „ Genau freilich nicht , aber mein Vater starb , als ich zehn Jahre alt war . Er warf mir kurz vor seinem Tode vor , daß ich als ein zehnjähriges Mädchen noch so klein und schwach sei . Seitdem aber sind zwölf Sommer verstrichen . “ „ Armes Kind , “ sagte die Staatsrätin . „ Jetzt wird mir manches klar ! “ „ Nicht wahr , Mutter ? “ Johannes nickte ihr über den Tisch herüber . „ Da ließ Ihr Oheim Sie viele Lebensfreuden entbehren , “ fuhr die Staatsrätin fort . „ Solche wohl — aber ich will nicht undankbar sein , er gab mir andere dafür — und nicht minder hohe und schöne ! “ „ Und welche wären denn das ? “ „ Er lehrte mich denken und arbeiten ! Größere und reinere Freuden gibt es nicht ! “ Die Stirn der Staatsrätin umwölkte sich wieder . Johannes sah es und brach das Gespräch ab . „ Ernestine , es ist Dir nicht gesund , daß Du den Kaffee ganz schwarz trinkst . Das reizt Deine Nerven noch mehr . “ „ Im Gegenteil , mein Oheim empfahl mir , ihn so zu nehmen , um mich wieder zu beleben . Ich könnte ohne dies Mittel des Morgens mein Tagewerk oft gar nicht beginnen . “ „ Das stimmt vollkommen mit der Erziehungsmethode Deines Oheims überein . Erst spannt er Dich übermäßig durch Wachen und Nachtarbeit ab und dann regt er Dich durch künstliche Mittel wieder auf . Du wirst aber doch endlich einsehen , daß Du Dich bei dieser Lebensweise , wo nur Erschlaffung und Überreizung mit einander wechseln , aufreiben mußt . Ich weiß in der Tat nicht , was ich von dem Gewissen Deines Oheims auch in diesem Punkte denken soll ! “ Ernestine sah betroffen vor sich nieder , sie erkannte die Wahrheit in Johannes ’ Worten . „ Aber sage mir , Johannes , “ bemerkte die Staatsrätin , „ Du beobachtest eine seltsame Etikette — Du nennst das Fräulein < < Du > > , ohne daß sie Dich durch ein Gleiches dazu berechtigt ? “ „ Sie will es ja so ! “ „ O ja , ich bat Ihren Sohn darum . Es ist mir so heimatlich , wenn er zu mir spricht wie damals , als ich noch ein Kind war ! Es ist mir dann , als sei ich wieder ein Kind und könne mein Leben von Neuem beginnen ! “ „ Dann sollten Sie aber wenigstens auch < < Du > > sagen , so etwas darf doch nicht einseitig bleiben . “ Ernestine errötete : „ Ersparen Sie mir das , ich kann es nicht — noch nicht , vielleicht später . “ „