aber über all dies hinaus reizte ihn , seiner ganzen Natur nach , auch wohl das Scherzhafte , das in der selbstgewählten Bezeichnung eines » Hauptmanns von Capernaum « lag . Kein Zweifel , seine Popularität zog Nahrung aus diesem Namen , was ihn indes in der ganzen Gegend am populärsten machte , das waren doch seine vielen Brautwerbungen , die nicht abrissen und ihn befähigten , es bis auf vier Frauen zu bringen . 77 Dies allein schon würde genügt haben , alle Zeugen der Grafschaft über ihn in Bewegung zu setzen , unser Hauptmann von Capernaum aber wußte nebenher noch dem immer wiederkehrenden Begräbnis- und Freiwerbungszeremoniell so viel eigentümlichen Beisatz zu geben , daß auch die jedem Klatschbasentum abgeneigtesten Kreise notwendig Notiz davon nehmen mußten . An dem jedesmaligen Begräbnistage ließ er singen : » Lobe den Herrn meine Seele « , hielt in Promptheit und Treue das Trauerjahr und sprach dann mit einem gewissen humoristischen Trotze : » nimmt Gott , so nehm ich wieder . « War aber dies Wort erst mal gesprochen , so begannen auch , vom nächsten Tag an , seine Freiwerbungen aufs neue , bei denen er ebenso konsequent und systematisch verfuhr , wie bei dem vorgeschilderten Funeralzeremoniell . Und auch bei diesen Freiwerbungen ist näher zu verweilen . Georg Moritz von Rohr hatte nämlich drei nicht mehr junge Kusinen , die zu Tornow lebten und die Namen führten : Henriette , Jeannette und Babette von Bruhn . Im Trieplatzer Herrenhause , wo sie bloß als eine dreigegliederte Einheit galten , lief ihr Unterschied auf einen einzigen Buchstaben hinaus : Jettchen , Nettchen und Bettchen . Namentlich die beiden letztern von anheimelndem Klang . Es war jedoch nicht dieser anheimelnde Klang , sondern lediglich eine Donquixotisch-ritterliche Vorstellung von pflichtschuldiger Kusingalanterie , was unsern Hauptmann immer wieder veranlaßte , nach Absolvierung seines Trauerjahres , erst um die Hand seiner drei Kusinen anzuhalten . Läufer vorauf und gekleidet in den Uniformrock , den er bei Prag getragen , fuhr er dann in Gala nach Tornow hinüber , ließ sich bei den Fräuleins melden und begann seine Werbung bei » Jettchen « , um sie bei » Bettchen « zu beschließen . Immer mit demselben Erfolge , denn die Fräuleins waren längst gewillt , in dem stillen Hafen ihrer Jungfräulichkeit zu verharren und das sturmgepeitschte Meer der Ehe nicht zu befahren . So hatte denn diese regelmäßig wiederkehrende Szene nur noch eine symbolische Bedeutung und bezweckte nichts weiter , als den drei Fräuleins von Bruhn eine exzeptionelle Stellung vor allen andern Jungfrauen des Landes zu geben . Es war die Konservierung eines Muhmenkultus , zuletzt mehr als » Muhme « . Gleichviel , bei den Kusinen in Tornow lag , in Rücksicht auf die Wandelbarkeit menschlicher Natur , immer wieder das entscheidende Wort und erst der dreimal wiederholte , verbindlich ablehnende Knix schuf unserm » Hauptmann von Capernaum « jene Freiheit der Aktion , von der bis diesen Tag nicht genau festzustellen gewesen ist , ob er sie segnete oder beklagte . Denn die Kusinen waren reich und die Zeiten waren arm . Aber wenn ihm die Freiheit der Aktion kein überhohes Glück schaffen mochte , so schuf ihm andererseits der » Refus « keinen allzutiefen Schmerz , zu welcher Annahme die vorerwähnten vier Frauen wohl eine genügende Berechtigung geben dürften . 78 Alle vier waren Nachbarstöchter aus dem Adel der Grafschaft oder der angrenzenden Priegnitz . Die erste Frau eine Platen , die zweite eine Jürgaß , die dritte eine Hagen , die vierte eine Putlitz . Durch die Platen und Jürgaß ergab sich denn auch eine nahe Verwandtschaft mit den Zietens , so daß unser Hauptmann mit dem gesamten Adel der Nachbarschaft verschwägert war . Georg Moritz von Rohr kam zu hohen Jahren , und wenn er bald nach seiner Geburt die Kanonen von Landau ( 1713 ) gehört hatte , so kurz vor seinem Tode die Kanonen von Valmy . Achtzig Jahre lagen dazwischen und drei Kriege , die er selbst bestand . Mit dem Älterwerden wuchsen auch seine Schrullenhaftigkeiten und er mußte den Tribut entrichten , den das Alter ohnehin so leicht zu zahlen hat . Dem Ehrwürdigen gesellte sich das Komische . Jeden Morgen stieg er mittelst einer Leiter in eine Pappelweide hinein , um in den Zweigen derselben seine Morgenandacht abzuhalten , und sang , während sein weißes Haar im Winde flatterte , mit klarer Stimme : » Wie schön leucht ' t mir der Morgenstern . « Grotesk und rührend zugleich . Für die Dorfjugend aber herrschte das erstere vor und ein paar Übermütige sägten den Ast an , mit dem der Alte denn auch zusammenbrach , als er andern Tags seinen Platz in dem Gezweige wieder einnehmen wollte . Daß er gezürnt habe , wird nicht berichtet . Er stand bereits da , wo Leid und Lust nur noch traumhaft wirken und selbst Unbill nichts weiter als ein Lächeln weckt . Seine Zeit war um , und seine Seele flog dem Morgensterne zu , zu dem er so oft emporgesungen hatte . Den 14. Juni 1793 ward er in Trieplatz begraben . Die Dorfjungen aber waren ernsthaft geworden , folgten seinem Sarge und sangen diesmal ihm : Lobe den Herrn , meine Seele ! Der Akazienbaum Der Akazienbaum Dem Hauptmann von Capernaum waren aus seiner zweiten Ehe mit dem Fräulein von Jürgaß zwei Söhne geboren worden , von denen der jüngere den Namen des Vaters , Georg Moritz , führte . Der ältere dagegen war Otto von Rohr . Sein Gedächtnis lebt in Trieplatz in einem schönen Akazienbaume fort , der vom Park aus in das Gartenzimmer blickt . Otto von Rohr war 1763 geboren . Er trat früh in ein Infanterieregiment und stand 1792 , als der Krieg gegen Frankreich ausbrach , beim Grenadierbataillon von Kalkstein . Über die Charge , die er bekleidete , verlautet nichts Bestimmtes ; wahrscheinlich war er Stabskapitän . 1793 nahm er teil an der Rheinkampagne und gehörte jenem Heeresteile zu