, mit schlecht verhehltem Spott über die rare Erscheinung , befragte , worauf sie warte . Sie kehrte ihm den Rücken und ging . Sie machte einen Umweg über den Jakobsplatz und sprach für ein Viertelstündchen bei ihrer Freundin , der Frau Hadebusch , vor . Es war ein Sonntag . Benjamin Dorn kam eben von der Kirche und machte Philippine eine tiefe Verbeugung . Frau Hadebusch klopfte Philippine auf den Schenkel und zwinkerte bedeutungsvoll . Herr Francke wohnte nicht mehr bei Frau Hadebusch . Herr Francke wohnte im Gefängnis . Er hatte einer herrschaftlichen Köchin die Ehe versprochen , hatte sich aber nicht damit beeilt , sondern einstweilen nur die Ersparnisse seiner Braut im Billardspiel vertan . 2 Daniel hatte Empfehlungen an den Prior des Klosters zu Löhriedt . Dort suchte er nach einer Handschrift , die von einem Zeitgenossen des Orlando di Lasso , wenn nicht von diesem selbst sein sollte . Er blieb über zwei Monate und arbeitete an dem Sammelwerk . Den Verkehr mit den Mönchen fand er angenehm und war auch bei ihnen wohl gelitten . Einer , der ihn wegen seines Orgelspiels besonders schätzte , aber von strenger Frömmigkeit war , gab ihm zu verstehen , wie sehr er es bedauerte , daß er ihm als Protestanten nicht mit jenem Vertrauen entgegenkommen könne , mit dem ein Mann seinesgleichen ausgezeichnet zu werden verdiene . » Ei , da wollt ich doch , daß ich ein Jud wär , « erwiderte ihm Daniel , » dann könntet ihr erst recht sehn , was unser Herrgott ohne euer Zutun zu machen imstande ist . « Der betreffende Klosterbruder hieß Pater Leonhardt und war ein kleiner , sehniger Mensch mit schwarzen Augen und dunklem Teint . Er schien viel erlebt , schien manchen Anlaß zu Reue und Buße zu haben , denn seine religiösen Übungen hatten nichts Gewohnheitsmäßiges , sondern echte Inbrunst und Hingebung . Seine Gläubigkeit ergriff Daniel , aber er hatte Angst vor dem Zuschauer in seinem Innern ; er hielt den Zuschauer für einen Feind , für einen Philister , und daher sah er den Pater Leonhardt lieber gar nicht an . Er wohnte in der Nähe des Klosters bei einem Bahnoffizial , und einmal besuchte ihn der Pater Leonhardt . Daniel saß am Fenster und wollte noch rasch eine Korrektur beenden , der Pater schaute sich im Zimmer um , und seine Blicke fielen auf eine runde , hölzerne Schachtel , die auf einem Stuhle lag und einer Tortenschachtel ähnlich war . » Da haben sie Ihnen wohl aus der Heimat was zum Schleckern geschickt , « bemerkte der Pater , als sich Daniel erhob . Daniels Blick folgte dem des Mönchs . Er nahm die Schachtel , zögerte eine Weile und machte dann den Deckel auf . In der Schachtel befand sich , ganz in Sägespäne gebettet , die Maske der Zingarella . Sie war ein Teil von Daniels geringem Gepäck , und er führte sie überall mit sich . Erschrocken prallte Pater Leonhardt zurück . » Was bedeutet das ? « fragte er . » Es bedeutet Sünde , und es bedeutet Reinigung , « antwortete Daniel , indem er die Maske gegen das vergehende Tageslicht hielt ; » es bedeutet Schmerz und bedeutet Erlösung , es bedeutet Verzweiflung und bedeutet Gnade , es bedeutet Liebe und bedeutet Tod , es bedeutet Chaos und bedeutet Gestalt . « Von dem Tag ab richtete Pater Leonhardt das Wort nicht mehr an Daniel . Und wenn der fremde Musiker die Orgel spielte , verließ er eilends die Kirche und floh an einen Ort , wohin die Töne nicht drangen . 3 Im Sommer kam Daniel nach Aachen und in die Gegend von Lüttich , Löwen und Mecheln , von da an wanderte er zu Fuß weiter , nach Gent und nach Brügge . An den Stellen , wo er Nachforschungen zu betreiben hatte , konnte er sich meist nur durch Briefe verständlich machen , die ihm das Verlagshaus geschickt hatte . Zur Stummheit verurteilt , lebte er fremd und allein . Sehenswürdigkeiten lockten ihn nicht . Selten stand er vor einem alten Gemälde ; nur wenn das Schöne seinen Weg versperrte , zwang es ihn zum Aufenthalt . Er ging immer wie zwischen zwei Mauern , immer der Nase nach , kehrte ungern um und spürte erst Müdigkeit , wenn er sich zum Schlafen hinlegte . Auch in der Müdigkeit war noch ein nagendes Gefühl des Beraubtseins , Unruhe auch noch im Schlummer . Hast drückte sich aus in seinem Auge , in seinem Gang , in seinen Verrichtungen . Hastig nahm er die Mahlzeiten , hastig schrieb er seine Briefe , hastig redete er . Die Blicke der Menschen auf sich gerichtet zu wissen war ihm eine Pein . Obwohl er sich in jedem Wirtshaus in die verborgenste Ecke begab und jeden Anlaß vermied , der ihn zum Zielpunkt der Neugier machen konnte , wurde er doch überall sofort gesehen , beobachtet und bestaunt . Denn alles an ihm war auffallend , die Energie seiner Mimik , seine heftigen Gesten , das Fletschen der Zähne , der eilige , hackende Schritt , mit dem er durch Gruppen schwatzender Leute ging . Er hatte sich auf den Anblick des Meeres gefreut . Auf Ungeheures war er gefaßt gewesen , auf ein titanisch brodelndes Element , den Sturm der Apokalypse . Das friedliche Schwanken und harmlose Brausen enttäuschte ihn . Man sollte die Dinge , vor denen einem die Phantasie Ehrfurcht eingeimpft hat , nicht kennen lernen , dachte er . Er konnte mit der Natur hadern wie mit einem Menschen ; was er ihre Unvollkommenheit nannte , erregte seinen Groll . Doch liebte er eine bestimmte Stelle in einem Wald , wohin es ihn immer wieder trieb ; oder einen Baum in der Ebene ; oder die Abendstunde an einem Kanal . Am meisten liebte er die engen Gassen der Städte , wenn aus offenen Fenstern Stimmengemurmel drang und aus geschlossenen das Licht