Ich aber nahm vor allen Dingen die Karte wieder aus der Tasche und schlug sie auf , um sie genau zu betrachten . Sobald ich den ersten Blick auf sie geworfen hatte , wußte ich , woran ich war . Ich wendete mich an den Komantschen : » Avat-towah , der Medizinmann der Komantschen , mag mir sagen , ob er eine große Sammlung von Büchern , also eine Bibliothek , besitzt . « » Ich habe keine , « antwortete er . » Es gibt bei allen Männern der Komantschen keine . « » Weiß Avat-towah vielleicht , wo es eine gibt ? « » Hier am Mount Winnetou , bei Tatellah-Satah . « » Sonst nirgends ? « » Ich weiß keine andere . « » So wirst du diese Karte nicht wiederbekommen . Ich habe sie ihrem rechtmäßigen Eigentümer auszuliefern . Sie gehört Tatellah-Satah . Sie wurde ihm gestohlen . « » Das ist eine Lüge ! « brauste der Medizinmann auf . » Das ist keine Lüge , sondern die Wahrheit . « » Beweise es ! « » Sofort ! Nur besitzest du wahrscheinlich nicht die Kenntnisse , welche dazu gehören , zu verstehen , was ich sage . Diese Karte ist nämlich numeriert , und zwar im alten Pokontschidialekt der Mayasprache . Hier unten , in dieser Ecke , stehen die Hunderter : Io-tuc : d.h. fünfmal vierzig ; das bedeutet also zweihundert . Und hier in der anderen Ecke stehen die Zehner und Einer : wuk-laj ; das heißt sieben und zehn , also siebzehn . Diese Karte ist also Nummer zweihundertsiebzehn der betreffenden Bibliothek oder einer ihrer Abteilungen . Ich werde sie Tatellah-Satah zeigen , und es wird sich herausstellen , daß sie ihm gehört . « » Nichts hast du ihm zu zeigen , und nichts hat ihm zu gehören ! Diese Karte ist allerdings gestohlen , aber erst jetzt von dir ! Du bist der Dieb ! « » Schweig , sonst geb ' ich dir eins auf das Maul , alter Spitzbube ! « unterbrach ihn Pappermann . » Wo sind die Brüder Enters ? « Das war kein übler Trick , daß er diesen Namen brachte . Die beiden Roten erfuhren dadurch in bequemster Weise , daß wir nicht so unwissend waren , wie sie wahrscheinlich annahmen . Sie konnten ihre Ueberraschung nicht ganz verbergen , doch beherrschten sie sich schnell , und der Komantsche fragte in gleichgültigem Tone : » Enters ? Wer ist das ? « » Das sind die zwei Brüder , die versprochen haben , uns an euch auszuliefern . Nun wißt ihr genug , um überzeugt sein zu können , daß wir gar keinen Grund und gar keine Lust haben , euch in Samt und Seide einzuwickeln . Sagt noch ein einziges Wort , was uns nicht gefällt , so setzt es Hiebe , ganz gewaltige Hiebe ab ! « Es wäre zwar besser gewesen , wenn Pappermann mich hätte reden lassen ; aber heut war es nach seinen früheren Jahren zum ersten Male seit langer , langer Zeit , daß er wieder einmal Gefangene vor sich hatte , und so gönnte ich dem alten , braven Burschen ganz gern die billige Genugtuung , ein wenig zu bramarbasieren . Die beiden Medizinmänner waren von jetzt an still . Der Name Enters hatte sie bedenklich gemacht . Wir mußten zunächst essen . Des Herzle packte also die mitgebrachten Speisen aus und legte uns vor . Die Pferde wurden abgesattelt . Sie durften trinken und sich dann ihr grünes Futter suchen . Mir war die Karte ganz selbstverständlich wichtiger als das Essen . Ich studierte sie genau und zog dabei Intschu-inta zu Rate , der mir versichert hatte , daß er die Höhle genau kenne . Da stellte sich ein Widerspruch zwischen ihm und der Karte heraus . Nach der letzteren gab es hier unten im Tale allerdings nur den einen Eingang zur Höhle , vor dem wir uns befanden , droben auf der Höhe aber drei verschiedene Ausgänge , zwei schmale und einen breiten . Der breite war der Pferdeweg , der hinter dem Schleierfall mündete . Die beiden anderen waren Fußwege , die an einer gewissen Stelle von dem Pferdeweg abzweigten , noch eine Strecke beisammen blieben und dann sich teilten . Der eine mündete droben im Schlosse ; an welcher Stelle , das war nicht zu sagen ; es genau zu bestimmen , war die Zeichnung zu klein . Der andere stieg nicht ganz so hoch . Er ging im Binnentale aus ; wie es schien , in der Nähe der angefangenen Riesenstatue Winnetous oder einer der beiden Teufelskanzeln . Intschu-inta aber kannte keinen dieser drei Ausgänge . Er wußte zwar , daß früher , in alten Zeiten , mehrere Ausmündungen der Höhle vorhanden gewesen seien , doch habe man sie zugeschüttet . Warum , das wußte er nicht . Er behauptete , daß der Höhlenweg immer breit und sehr gut gangbar , im Innern des Berges aufwärts führe , bis er plötzlich schmal werde und dann vor einer Tropfsteingruppe ende . Diese Gruppe liege etwas seitwärts vor dem Schleierfalle , den man noch in der Höhle stürzen höre , wenn man scharfe Ohren habe . Wer hatte nun recht ? Intschu-inta oder die Karte ? Jedenfalls die letztere . Ich beschloß also , mich auf sie zu verlassen , wenigstens in Beziehung auf den oberen Teil der Höhle und die dort befindlichen Ausgänge . Bis dorthin aber konnte ich der Ortskenntnis des » Dieners « vollständig trauen . Darum beschloß ich , die Pferde nicht hier zu lassen , sondern mitzunehmen . Wir hatten angenommen , nach dem Eingang zurückkehren zu müssen ; aber wenn es oben einen so breiten und bequemen Ausgang gab , wie er auf der Karte verzeichnet war , so befanden wir uns dort ja schon daheim und hatten nicht nötig , den Rückweg durch die Höhle zu machen und dann noch fünf Stunden weit nach Hause