erbrauset , unsern Schöpfer zu rühmen , und weil Felsen und Tropfgestein ein Gewölbe bilden , darin die menschliche Stimme voller Wohllaut erklingt . Auch dem Auge beut die Höhle Abenteuer . Es sind allda zwei Götterbilder , von einem Volke grauer Vorzeit aus Tropfgestein gemeißelt . Betrachtet sie mit Fleiß , bevor ich meine Predigt anhebe , und scheltet nicht die alten Heiden . Sie haben auf eigne Art ihr Sehnen und Glauben gestaltet . Mehr zu tun vermögen auch wir nicht . Euch eröffne ich den unterirdischen Dom . Sonsten mag ich ihn den Leuten nicht preisgeben , bin deshalb sogar ein wenig mit jenem bösen Leumund zufrieden , so die abergläubischen Gemüter vor der Abendburghöhle warnet . Seid aber gebeten , an niemand zu verraten , daß euch ein Geheimnis offen , so außer mir und meinem Oheim keinem Lebenden bekannt . Wollet bedenken , daß ich vor Neugier und vor Goldgier die Höhle zu hüten habe . Eure Herzen weiß ich rein davon , inmaßen sie nach dem Schatz des Himmelreiches trachten . Folget also , ich bitte , meiner Einladung in den Felsendom und tut nach meinen Wünschen . Ich bin euer Freund Johannes . « Versiegelt übergab ich dies Schreiben dem Knaben , daß er es seinem Herrn Kiesewald bringe . Seit diesen Begebenheiten schweifte mein Blick gern vom Hohen Stein zum Breiten Berge , und wenn mich der Ferne Holdseligkeit bezauberte , stellte sich der Wunsch ein : Bewahre mich mein Schicksal vor jener Enttäuschung , die nicht erspart bleibt , sobald die Ferne zur Nähe wird ! Ach , von den Menschen gilt das wie von allen Dingen . Noch sind die Leute drüben in der Baude am Breiten Berge mir fern , und ein holdes Rätsel ist Frau Agnete . Wer weiß , ob nicht , wann sie nahe kommt , und wann ich eindringe in ihre Art , statt einer Heiligen ein krankes , wirres Weibsbild vor mir steht ? Doch ich will beflissen sein , auch in der Nähe die Ferne zu schauen . Da nun der Sonntag gekommen , unterwies ich in der Frühe meinen Oheim , wie er die Gäste von der Kiesewaldbaude bewirten , alsdann in den Felsendom einführen , nach der Predigt wieder hinausgeleiten und mit den Gräbern bekannt machen solle . Mit Oheims Hilfe tat ich die Steinplatte vom Eingang des unterirdischen Bereiches und legte Kienfackeln bereit . In meiner Balkenklause meditierte ich , wie die Geschichte von dem Eheweibe der sieben Brüder auszulegen sei . Ein Summen der Kirchenglocke von Schreiberhau drang an mein Ohr , als der Oheim die Stubentür auftat : » Sie kommen ! « Durch das Fenster lugend gewahrte ich , wie die erwarteten Gäste aus dem Walde getreten waren und über die Weidematte auf mein Gehäus zuschritten . Voran Heinrich , wie vormals auf dem Rücken die Hucke und in der Faust den Spieß . Etliche Schritte hinter ihm kam Sibylle mit der andern , einer schlanken , zarten Frauengestalt , deren Antlitz nahezu verhüllet war . Der Weg mußte Agneten schwer fallen , sie stützte sich auf ihre Schwäherin . Wie ausgemacht war , mied ich meine Gäste , nahm die Harfe über die Schulter , begab mich zunächst in die Grotte , und , nachdem ich meinen Kienspan angezündet , durch das aufgetane Loch hinunter zur großen Höhle . Während ich die steinernen Stufen abwärtsstieg und mit dem Brande umherleuchtete , bedachte ich , wie meinen Gästen bei diesem Gange zumute sein werde . Mit ihren Sinnen erlebte ich die düstern , triefend feuchten , rot angestrahlten Zacken , das Unheimliche der Schlucht , wo die Wasser mit dumpfem Tosen in jene Felsengurgel hinuntergeschluckt werden , der ich den heillosen Goldschatz überliefert hatte . Wie ich den Abgrund überschritt , glaubte ich noch einmal den Schrei zu hören , mit dem mein Bruder Zetteritz hinunterstürzte , seinen goldgierigen Mörder mit sich reißend . Und von der Raubtierwelt wandte sich meine Seele zur Friedenspforte , so mein sehnsüchtig Suchen entdeckt und auch schon aufgeschlossen hatte . Ich tat den Aufstieg zum Dome . Das weiße Flinsgestein war wie ein Gewölb aus Schnee , von der Decke zum Boden strebten Säulen aus Tropfstein gleich riesenhaften Eiszapfen . Und lebendig ward das Gewimmel der Gestalten , vom tröpfelnden Kalkwasser gebildet ; es regten sich die milchigen Behänge der Decke , in Grotten lauerten weiß vermummte Gestalten , Hulemännlein mit grauen Spitzkappen kamen durch enge Seitengänge aus der Tiefe geschlichen . Dazu wisperten die feinen Brünnlein , pinkten die fallenden Tropfen , gurgelten und tosten die Fluten der Schlucht . In feierlicher Starrheit aber schauten die beiden Götzenbilder vom Throne über ihr Reich . Hoheit lag auf des Mannes gekrönter Stirne , trutzig rollte sein Aug ; ein Adlerschnabel seine Nase , ein Wasserfall sein Bart. Wie zum Gerichte hielt er das Schwert erhoben . Lieblich hingegen wäre das Antlitz der weißen Königin , stünde nicht zu ihren Füßen die Steintruhe mit den Menschengebeinen , Pferdeschädeln und Waffen . Von der Felsenkanzel beschaute ich dies Abenteuer , wie es beleuchtet ward durch den qualmenden Kienspan . Während düsterrote Lichter über die Zacken und Zapfen huschten , stimmte ich meine Harfe . Da hörte ich des Oheims hohles Husten und sah ihn , eine Fackel in der Hand , die Kiesewaldischen herbeiführen . Auch ich entzündete eine Fackel , die stärker leuchtete als der Kienspan , und steckte sie in einen Felsenspalt bei der Kanzel . Staunend betrachteten meine Gäste den Dom und die Götterbilder . Nach einer Weile saßen sie nieder auf dem Stein , so unterhalb der Kanzel eine natürliche Bank bildet , und schauten erwartungsvoll zu mir hinan . Frau Agnete schien geflissentlich im Schatten zu bleiben und hielt noch immer das Angesicht verhüllt . Auf der Harfe spielte ich ein Präludium ; wie Glocken hallten die Akkorde . Dann hub ich diese Rede an : » Liebe Freunde ! Von der lichten Oberwelt sind wir herabgestiegen in