mit den längst verwesten Körpern unserer Ahnen ? Nichts , nichts und wieder nichts ! Das , was ich Verwandtschaft nenne , besteht nur und allein in der liebenden Zuneigung zwischen Geist und Geist , zwischen Seele und Seele . Kann ich da aber von Onkel und Tante , von Neffe und Nichte sprechen ? Giebt es da Vater und Mutter , Sohn und Tochter ? Wenn ein großer , hoch entwickelter Geist einen kleinen , unentwickelten an sich zieht und zu sich emporhebt , ist der eine dann der Vater und der andere der Sohn ? Oder wenn eine zarte , kindlich schwache Seele sich an eine gottbegnadete , starke schmiegt , um bei ihr Schutz und Sicherheit zu finden , ist die eine dann die Mutter und die andere die Tochter ? Trachtet dein Geist , den meinen zu begreifen , so wirst du mir mehr und mehr verwandt , und verbindet deine Seele sich immer inniger und inniger mit der meinen , so treten wir uns durch diese Freundschaft näher , als wir durch die körperliche Geburt uns nähern konnten ; aber in keiner Sprache der Menschen giebt es passende Worte , die Grade dieser geistigen und seelischen Verwandtschaft zu bezeichnen . Ich sage dir ein großes Geheimnis , mein liebes Kind : Es kann ein neuer Geist von einem oder einigen anderen geboren werden ; Seelen aber stammen nicht von Menschenseelen , sondern nur allein von Gott , dem Herrn ! Mein Leib und Marah Durimehs Leib gehen einander nichts an , obwohl wir gleiche Ahnen haben . Unsere Seelen kamen von Chodeh . Aber mein Geist wurde aus dem ihrigen geboren . Willst du nun noch fragen , ob ich vielleicht ihr Vetter oder wohl ihr Neffe sei ? - - So oder ähnlich antwortete mir der Ustad . Ich habe viel darüber nachgedacht und endlich es begriffen . Begreifst du es auch , Effendi ? « » Ja . Sein Geist verschmäht schon längst die Oberfläche des Lebens ; er schöpft nur aus der Tiefe . Und seine Seele wurde zwar in das Thal gesandt , nun aber wohnt sie hoch oben auf dem Berge . Wie glücklich seid ihr , in ihm ein Vorbild zu besitzen , nach welchem ihr , ungestört von andern , streben könnt ! « » Habt ihr nicht auch Vorbilder ? Strebt ihr ihnen nicht nach ? « » Unser Leben ist unendlich vielgestaltig . Ueber tausend , tausend Nichtigkeiten stolpert unser Fuß . Der eine beschimpft , was dem andern heilig ist . Es giebt kein Ideal , welches nicht von feindlicher Seite mit Schmutz beworfen würde . Jeder hält allein nur sich für klug . Keiner ist nur allein Mensch , sondern hauptsächlich etwas Anderes . Alle verlangen , daß ihnen vergeben werde , aber wo ist der , der auch selbst vergeben will ? Wer - - - « Ich hielt inne . Beinahe erschrak ich über mich selbst . Ich hätte ja stundenlang in diesem Tone fortfahren können , aber was sollte da Schakara von unserm schönen , stolzen Abendlande denken ! Durfte ich so unvorsichtig sein , von Dingen zu sprechen , welche ich hier unbedingt zu verschweigen hatte ? Die junge , unverdorbene Kurdin sah mich , als ich so plötzlich schwieg , fragend an . Ich öffnete schon den Mund , um von etwas Anderem anzufangen , da glitt ein verständnisvolles Lächeln über ihr Gesicht , und sie sagte : » Ich weiß , ich weiß , Effendi ! Es ist bei euch nicht alles so , daß wir es wissen dürfen . Christen gegen Heiden , Christen gegen Juden , Christen gegen Christen , so sieht es bei euch aus . Und alle , alle , alle diese Feindseligkeit nur um des wahren Christentumes willen ! Wir wissen es ; du brauchst es nicht zu verschweigen . Ein einziges Wort Christi , welches dieser so und jener anders deutet , kann bei euch die Liebe , welche der Heiland predigte , in den grimmigsten Haß verwandeln . Wir haben gehört von - - - doch , du hast ja geschwiegen , und da habe auch ich still zu sein . Wirst du heut wieder hinaus auf den Platz gehen ? « » Ja , und zwar sogleich . « » So werde ich dir die Kissen hinausschaffen lassen . Soll ich dich führen ? « » Nein . Ich danke dir ! Der Stock genügt vollständig . « Ich stand auf und ging zunächst zu meinem Hadschi Halef Omar hin . Sein Gesicht gefiel mir heut mehr als gestern . Hanneh sah , daß ich mich freute . Sie gab mir froh die Hand . Hierauf begab ich mich hinaus , die Stufen hinunter und dorthin , wo ich gestern gesessen hatte . Noch war ich nicht lange da , so kam Pekala . Sie hatte in der einen Hand ein Körbchen mit Pflaumen und in der andern einige Rosen . » Ich habe auf dich gewartet , Effendi , « sagte sie . » Unser Ustad sendet dir diese Früchte , und ich lege diese Rosen hinzu , weil du beide , die Früchte und die Blumen , liebst . « » Sag dem Ustad meinen Dank ; dir gebe ich ihn selbst ! « » Du sollst täglich welche haben , so lange es welche giebt . Erlaubst du mir nun eine Frage ? « » Gern . Aber welche ? « » Ich möchte so gern wissen , ob du gestern abend mit meiner Frenk maidanosu-Suppe zufrieden gewesen bist . « » Sie war gut . « » Wirklich ? « » Ja . « » Erinnerst du dich an das , was du mir versprochen hast , falls sie dir schmecken würde ? « » Ah ! Du meinst die Erziehung ? « » Ja . Du versichertest , mir eine Antwort zu geben . « » Nun wohlan ! « Ich machte eine sehr ernste