und dabei hatte sein Wesen doch etwas Kindliches . Wir wurden bald vertraut , und er erzählte mir von seiner Heimat , von den alten Städten im Norden , vom Meere und von der mächtigen Hansa . Wohlunterrichtet , erzählte er mir von der Vergangenheit , den Sitten und Gebräuchen jener Seeküsten ; ich sah den langen und hartnäckigen Kampf der Städte mit den Seeräubern , den Vitalienbrüdern , und wie Klaus Stürzenbecher mit vielen Gesellen von den Hamburgern geköpft wurde ; dann sah ich wieder , wie am ersten Mai aus den Toren von Stralsund der jüngste Ratsherr mit einem glänzenden Jugendgefolge im Waffenschmuck zog und in den prächtigen Buchenwäldern zum Maigrafen gekrönt wurde mit einer grünen Laubkrone und wie er abends mit einer schönen Maigräfin tanzte . Auch beschrieb er die Wohnungen und Trachten nordischer Bauern , von den Hinterpommern bis zu den tüchtigen Friesen , bei welchen noch Spuren männlichen Freiheitsinnes zu finden ; ich sah ihre Hochzeiten und Leichenbegängnisse , bis der Geselle endlich auch von der Freiheit deutscher Nation redete und wie bald die stattliche Republik eingeführt werden müßte . Ich schnitzte unterdessen nach seiner Anleitung eine Anzahl hölzerner Nägel ; er aber führte schon mit dem Doppelhobel die letzten Stöße über die Bretter , feine Späne lösten sich gleich zarten glänzenden Seidenbändern und mit einem hell singenden Tone , welcher unter den Bäumen ein seltsames Lied war . Die Herbstsonne schien warm und lieblich drein , glänzte frei auf dem Wasser und verlor sich im blauen Duft der Waldnacht , an deren Eingang wir uns angesiedelt . Jetzt baueten wir die glatten weißen Bretter zusammen , die Hammerschläge hallten wider durch den Wald , daß die Vögel überrascht aufflogen und erschreckt über den Seespiegel streiften , und bald stand der fertige Sarg in seiner Einfachheit vor uns , schlank und ebenmäßig , der Deckel schön gewölbt . Der Schreiner hobelte mit wenigen Zügen eine schmale zierliche Hohlkehle um die Kanten , und ich sah verwundert , wie die Linien sich spielend dem weichen Holze eindrückten ; dann zog er zwei Stücke Bimsstein hervor und rieb sie aneinander , indem er sie über den Sarg hielt und das weiße Pulver über denselben verbreitete ; ich mußte lachen , als er die Stücke geradeso gewandt handhabte und abklopfte , wie ich bei meiner Mutter gesehen , wenn sie zwei Zuckerschollen über einem Kuchen rieb . Als er aber den Sarg vollends mit dem Steine abschliff , wurde derselbe so weiß wie Schnee , und kaum der leiseste rötliche Hauch des Tannenholzes schimmerte noch durch , wie bei einer Apfelblüte . Er sah so weit schöner und edler aus , als wenn er bemalt , vergoldet oder gar mit Erz beschlagen gewesen wäre . Am Haupte hatte der Schreiner der Sitte gemäß eine Öffnung mit einem Schieber angebracht , durch welche man das Gesicht sehen konnte , bis der Sarg versenkt wurde ; es galt nun noch eine Glasscheibe einzusetzen , welche man vergessen , und ich fuhr nach dem Hause , um eine solche zu holen . Ich wußte schon , daß auf einem Schranke ein alter kleiner Rahmen lag , aus welchem das Bild lange verschwunden . Ich nahm das vergessene Glas , legte es vorsichtig in den Nachen und fuhr zurück . Der Geselle streifte ein wenig im Gehölze umher und suchte Haselnüsse ; ich probierte indessen die Scheibe , und als ich fand , daß sie in die ; Öffnung paßte , tauchte ich sie , da sie ganz bestaubt und verdunkelt war , in den klaren Bach und wusch sie sorgfältig , ohne sie an den Steinen zu zerbrechen . Dann hob ich sie empor und ließ das lautere Wasser ablaufen , und indem ich das glänzende Glas hoch gegen die Sonne hielt und durch dasselbe schaute , erblickte ich das lieblichste Wunder , das ich je gesehen . Ich sah nämlich drei musizierende Engelknaben der mittlere hielt ein Notenblatt und sang , die beiden anderen spielten auf altertümlichen Geigen , und alle schauten freudig und andachtsvoll nach oben ; aber die Erscheinung war so luftig und zart durchsichtig , daß ich nicht wußte , ob sie auf den Sonnenstrahlen , im Glase oder nur in meiner Phantasie schwebte . Wenn ich die Scheibe bewegte , so verschwanden die Engel auf Augenblicke , bis ich sie plötzlich mit einer anderen Wendung wieder bemerkte . Ich habe seither erfahren , daß Kupferstiche oder Zeichnungen , welche lange Jahre hinter einem Glase ungestört liegen , während der dunklen Nächte dieser Jahre sich dem Glase mitteilen und gleichsam ihr Spiegelbild in demselben zurücklassen . Ich ahnte jetzt auch etwas dergleichen , als ich die Schrafierung alter Kupferstecherei und in dem Bilde die Art van Eyckscher Engel erkannte . Eine Schrift war nicht zu sehen und also das Blatt vielleicht ein seltener Probedruck gewesen . Jetzt aber galt mir die kostbare Scheibe als die schönste Gabe , welche ich in den Sarg legen konnte , und ich befestigte sie selbst an dem Deckel , ohne jemandem etwas von dem Geheimnis zu sagen . Der Deutsche kam wieder herbei ; wir suchten die feinsten Hobelspäne , unter welche sich manches rötliche Laub mischte , zusammen und breiteten sie zum letzten Bett in den Sarg ; dann schlossen wir ihn zu , trugen ihn in den Kahn und schifften mit dem weißen Gerät über den glänzenden stillen See , und die Frauen mit dem Schulmeister brachen in lautes Weinen aus , als sie uns heranfahren und landen sahen . Am folgenden Tage wurde die Ärmste in den Sarg gelegt , von allen Blumen umgeben , welche in Haus und Garten augenblicklich blüheten ; aber auf die Wölbung des Sarges wurde ein schwerer Kranz von Myrtenzweigen und weißen Rosen gebreitet , welchen die Jungfrauen aus der Kirchgemeinde brachten , und außerdem noch so viele einzelne Sträuße blasser herbstlicher Blüten aller Art , daß die ganze Oberfläche davon bedeckt wurde und nur die Glasscheibe frei blieb , durch welche man