» Lenore , du bist durchgebrannt ! « sagte sie in jenem gefürchteten Tone , mit welchem sie mir einst auch meine Kindersünden auf den Kopf schuld gegeben hatte . Bei allem inneren Weh mußte ich lächeln . Ich setzte mich auf Heinzens Holzstuhl und erzählte ihr von dem Feuerunglück und der Krankheit meines Vaters , wobei sie einmal über das andere die Hände über dem Kopfe zusammenschlug . Das hinderte sie jedoch nicht , das Feuer im Herd neu zu schüren , den Wasserkessel aufzusetzen und mich mit einem Butterbrot sehr gegen meinen Willen , Bissen um Bissen , zu füttern . » Ja , ja , das war freilich das Gescheiteste , « meinte sie , als ich ihr schließlich mitteilte , daß die Aerzte mich auf den Dierkhof geschickt hätten . Dann verschwand sie im Innern des Hauses , um mich bald darauf vor ein himmelhoch aufgetürmtes Bett zu führen . » So , Kind - nun gehst du zu Bett , und den Fliederthee bringe ich auch gleich . Auf zwanzig Schritte sieht man dir ' s an , daß du dich auf der Reise erkältet hast - das ist ja das reine Fiebergesicht ... Und gesprochen wird nun gar nichts mehr - morgen erzählst du weiter . « Auf mein entsetzliches Sträuben hin wurde mir der Fliederthee erlassen - ins Bett aber wurde ich ohne Gnade gesteckt ... Da sah nun wieder das verräucherte Bild Karls des Großen unverwandt auf mich nieder . Ich sprang auf , nahm es vom Nagel und kehrte es gegen die Wand ... Wie haßte ich dieses Gesicht ! Wie viel Leichtfertigkeit , Lug und Trug deckte die weiße Stirn , die mich am Hünengrabe förmlich geblendet ! ... Sie hatte mir wie ein Licht in die dunkle Welt hineingeleuchtet - diesem trügerischen Schein war ich damals halb unbewußt gefolgt , um seinetwillen hatte ich mich von der Heimat losgerissen ; jetzt sah ich klar in meine damaligen Empfindungen und verabscheute sie - sie hatten mich blind gemacht und auf einen Weg voll Irrtümer geführt . Ich setzte mich wieder , wie in der Sterbenacht meiner Großmutter , auf das Fußende des Bettes und sah hinaus in die unermeßliche Weite . Nein - auch auf dem Dierkhof fand ich keine Ruhe , und je tiefer und lautloser die Stille um mich webte , desto furchtbarer schrie mein einsames Herz auf ... Jetzt begriff ich , wie meine Großmutter stundenlang dort in der Baumhofecke hatte stehen und unverwandt in die weite Welt hinausstarren können - die umschleierten Augen hatten ein Wesen in der Nebelferne gesucht , die Verlorene , Entartete , die das schwergekränkte Mutterherz dennoch nicht vergessen konnte . Und für mich breitete sich der weite , von Millionen Goldflittern betupfte Nachthimmel auch nur über einen einzigen Punkt , über das ferne , alte Kaufmannshaus . Draußen fuhr der Wind auf und machte die dürren Zweige des Ebereschenbaumes leise an die Scheiben klopfen ; ich wich zurück und legte die Hand über die Augen - unter dem Fenster stand ja die Bank , auf welcher ich Tante Christinens Brief zum erstenmal gelesen . Nun hatte ich sie in der That auf den Knieen liegen sehen , die märchenhafte Gestalt , schöner als die schönsten Blumenleiber , die in meinem Kinderbuche aus Lilien- und Rosenkelchen emporwuchsen . Und aus den weißen Atlaswogen hatten sich zwei zarte Arme ausgestreckt , um den einst tief beleidigten Mann schmeichelnd wieder an das treulose Herz zu ziehen ... Ich schlug mich unwillkürlich mit den geballten Händen gegen die Brust - ich war schwach und feig gewesen in jenem verhängnisvollen Augenblicke , ich durfte nicht hinausgehen , meinen Kopf mußte ich , wie wenige Stunden zuvor , fest an seine Brust legen - er selbst hatte mir diesen Platz angewiesen , und ich wußte , daß es in Zärtlichkeit geschehen war ; ich hatte es an dem Klopfen seines Herzens , an der leise zitternden Hand gefühlt , die , während ich gebeichtet , immer wieder behutsam , aber zartschmeichelnd über meine Locken hingeglitten war . Ich durfte nicht dulden , daß diese rosig weißen Hände ihn berührten , dann wäre vielleicht der böse Zauber nicht über ihn gekommen ... Jetzt war es wohl hell im Vorderhause , so hell , wie an jenem Theeabend , wo die Prinzessin dagewesen ... Und er saß am Flügel - vergessen war die Zeit , wo er um ihretwillen keine Taste mehr berührt hatte ; sie sang ihm ja jetzt die berauschende dämonische Tarantella ... Und binnen wenigen Wochen schritt eine neue Hausfrau durch die hallenden Gänge des Claudiushauses - nicht im klaren Stirnschleier , wohl aber mit langer , seidenrauschender Schleppe , Blumen in das Haar gestreut und ein Trällern auf den Lippen - und es wurde lebendig in den stillen Gesellschaftszimmern , Gäste flogen ein und aus , und Champagnerpfropfen knallten , und niemand verdachte dem Manne seine Wahl , die Frau war ja noch » von hinreißender Schönheit « ... Nun wurde er mein Onkel - ich sprang auf und rannte außer mir auf und ab ... nein , ich war kein sanftes Engelsgemüt , ich konnte nicht mit heißen Thränen in den Augen lächeln , ich wehrte mich aufschreiend gegen das Messer , das mir erbarmungslos immer wieder in der Brust umgewendet wurde ! ... Nach K. kehrte ich nicht wieder zurück ; ich wollte meinen Vater beschwören , einen andern Aufenthaltsort zu wählen - wie konnte ich je das Wort » Onkel « über meine Lippen bringen ? Nie , nie ! Das sanfte Klopfen draußen an den Scheiben verwandelte sich in ein heftiges Peitschen und Schlagen - - der Frühlingssturm brauste über die Heide hin ... Nun hörte ich ' s wieder , das Knistern und Knacken der alten Balken , das Schnauben und Pfauchen um die Ecken , und in den Eichenwipfeln das Gerassel der verdorrten Blätter , die , längst tot und modernd , sich doch noch unter gespensterhaftem Rauschen an