das eilige Rauschen der seidenen Gewänder auf den Treppen und in den Gängen waren verhallt ; aber der arme Vater und das Fränzchen saßen doch , horchten auf und senkten die Häupter , wenn sie irgendein anderes Geräusch für den Schritt der Verlorenen genommen hatten . Am dritten Tage nach der Flucht der Tochter trat die Mutter wieder aus ihren Gemächern hervor , und wenn sie früher noch einige bunte Zeichen weltlicher Eitelkeit an sich trug , so hatte sie solche jetzt vollständig abgelegt . Sie war ein wenig hagerer und gelblicher geworden , aber sie hatte auch ihre Seele ausgekehrt , kein Zug ihres Gesichtes bewegte sich ; ihre Stimme war ein wenig hohler , aber auch sie war von aller sündhaften Leidenschaftlichkeit gereinigt und konnte im Notfall tonlos der Welt den Anfang des Jüngsten Gerichtes und das ewige Verderben von neun Zehnteln aller Geschaffenen verkünden . Augenblicklich aber verkündigte die gnädige Frau ihrem Gemahl , ihrer Nichte und dem übrigen Hausstand nur , daß der Name ihrer Tochter nie mehr vor ihren Ohren genannt werden dürfe . Sie ließ sich von ihrem Gatten den Brief geben , den Kleophea gleich nach ihrer Flucht geschrieben hatte , und zerriß ihn vor ihrem Hausgesinde . Sie war sich keiner Schuld an der verderblichen Charakterentwicklung Kleopheas bewußt , sie konnte sich deshalb jetzt auch vollständig von ihr lossagen ; der Gott , welchem sie - Aurelie von Lichtenhahn - angehörte , sah es mit Wohlgefallen . Die Mutter zürnte dem Doktor Stein lange nicht so sehr wie ihrem Kinde ; und in den Zorn gegen das letztere mischte sich sogar eine gewisse Befriedigung , ein gewisser schrecklicher Triumph . Die Mutter hatte recht behalten in ihrer Antipathie ; alle Demütigungen und alles Elend , die der Tochter widerfahren mochten , konnten nur das geheime Gefühl der Befriedigung erhöhen . Die Geheime Rätin konnte hier mit der Welt in einer Weise abschließen , bei der sich ein erkleckliches Guthaben ihrerseits herausstellte , und so schloß sie ab . Auch der Vater Kleopheas zog das Fazit seines Lebens , ihm aber konnte niemand helfen , und er sich selber am wenigsten ; er war bankerott geworden und leugnete es auch nicht . Viel nutzlose Arbeit hatte er in seinem mühseligen Leben gehabt , nun ging er kummervoll und hungrig dem Grabe entgegen , und sein einziger Halt war die treue , sanfte Hand des Fränzchens , die er jetzt hielt , wie sie auch der tolle Felix in seinen letzten Schmerzenstagen gehalten hatte . Das war eins der tragischen Wunder , welche auf dieser Erde geschehen , daß das Fränzchen an den Sterbebetten dieser beiden Männer saß , die so verschiedene Pfade gegangen waren , um am Ziel ihres Daseins in gleicher Weise verloren , bettelarm , mit leerer Hand und leerem Herzen , aufgegeben von sich selber und der Welt , anzulangen . Alles Licht , was in ihre letzten Stunden fiel , ging von diesem Kinde aus , es war der Engel , welcher den Dürstenden den letzten Tropfen kühlen Wassers in die Todesstunde trug , welcher den Hungernden die letzte Labung reichte . Sie hatten , ein jeder in seiner Art , soviel erstrebt , jeder hatte soviel gewinnen wollen , und als Almosen wurde ihnen das Herz dieses Kindes gegeben . Kleophea hatte an das Fränzchen geschrieben , und Hans las den Brief . Noch sprach die alte Kleophea aus diesen flüchtigen Zeilen , aber stellenweise erschien bereits eine Gezwungenheit , eine Befangenheit in den Herzensergüssen und Schilderungen , mit welchen die frühere Kleophea nichts mehr zu tun hatte . Das Weib des Doktors Theophile Stein erinnerte sich inmitten ihres jetzigen bewegten Lebens an manche Einzelheiten ihres frühesten harmlosen Verkehrs mit der Kusine , daß dem Fränzchen darüber das Herz sehr schwer werden mußte . Kleophea Stein schrieb von » einsamen , herzweichen Stunden « , in denen sie sich solcher » minuties « erinnere , und dann bat sie in dem nächsten Satze das Bäschen , den Papa zu küssen und ihm zu sagen , daß sie » soviel , soviel « an ihn gedenke und daß sie ihn des Nachts im Traum in seiner Studierstube sehe und um ihn weine . Auf dieses folgte eine Beschreibung eines glänzenden Balles und eines Murillo im Louvre , dann kam eine Schilderung des kleinen Grafen von Paris sowie des Bürgerkönigs Louis Philipp samt seinem Regenschirm und in Verbindung damit die Frage , wie Aimé den Verlust seiner Schwester ertrage . Von der Mutter war in dem ganzen Briefe nicht die Rede , und der Doktor Stein erschien erst ganz gegen den Schluß darin . Es wurde von ihm gesagt , daß er einen großen Kreis von Bekannten und Freunden in Paris habe , daß er dadurch oft länger vom Hause ferngehalten werde , als einer jungen Frau lieb sein könne , daß sie Kleophea - es aber begreiflich finde und glücklich sei . Noch sprach die Schreiberin von den Erfolgen des Doktors in der deutschen Stadt und den Verbindungen daselbst . Sie sprach die feste Überzeugung aus , daß alle Verwirrungen sich bald durch gegenseitiges Entgegenkommen lösen würden und daß man die Hoffnung auf eine » rosige Zukunft « nie aufgeben dürfe . In einem Postskript würde der liebenswürdige Herr Johannes Unwirrsch bestens gegrüßt , und es wurde hinzugefügt , daß man ihm mancherlei abzubitten habe und daß man dafür in Zukunft wohl ein ruhiges Stündchen finden werde . In sehr wehmütiger Stimmung schloß der Brief , und unter tausend und aber tausend Grüßen und Küssen wurde das Fränzchen gebeten , das » dumme , nichtsnutzige Gekritzel « zu zerreißen und in alle vier Winde zu verstreuen , damit es ihm gehe wie allem übrigen » Gedankenhirngespinst der armen Kleophea « , das auch zerrissen , von allen vier Winden umgetrieben , durcheinanderflattere . - Franziska hatte ebenfalls wieder einen langen Brief an die Kusine geschrieben und in demselben mit Tränen treue Nachricht von den Zuständen im Elternhause Kleopheas gegeben