, unter denen wir zogen , und warf ein wunderbares Zwielicht in die schattigen Hallen unseres Tannenwaldes . Der Boden wurde jetzt so abschüssig , daß wir absteigen mußten . Als ich Anna vom Pferde hob , küßten wir uns zum zweiten Male , sie sprang aber sogleich weg und wandelte vor mir über den weichen grünen Teppich hinunter , während ich die beiden Tiere führte . Wie ich die reizende , fast märchenhafte Gestalt so durch die Tannen gehen sah , glaubte ich wieder zu träumen und hatte die größte Mühe , die Pferde nicht fahrenzulassen , um mich von der Wirklichkeit zu überzeugen , indem ich ihr nachstürzte und sie in die Arme schloß . So kamen wir endlich an das Wasser und sahen nun , daß wir uns bei der Heidenstube befanden , in einem wohlbekannten Bezirke . Hier war es womöglich noch stiller als in dem Tannenwalde , und am allerheimlichsten ; die besonnte Felswand spiegelte sich in dem reinen Wasser , über ihr kreisten drei große Weihen in der Luft , sich unaufhörlich begegnend , und das Braun auf ihren Schwingen und das Weiß an der inneren Seite wechselten und blitzten mit dem Flügelschlage und den Schwenkungen im Sonnenscheine , während wir unten im Schatten waren . Ich sah dies alles in meinem Glücke , indessen ich den guten Gäulen , welche nach dem Wasser begehrten , die Zäume abnahm . Anna erblickte ein weißes Blümchen , ich weiß nicht , was für eines , brach es und trat auf mich zu , es auf meinen Hut zu stecken ; ich sah und hörte jetzt nichts mehr , als wir uns zum dritten Male küßten . Zugleich umschlang ich sie mit den Armen , drückte sie mit Heftigkeit an mich und fing an , sie mit Küssen zu bedecken . Erst hielt sie zitternd einen Augenblick still , dann legte sie ihre Arme um meinen Hals und küßte mich wieder ; aber bei dem fünften oder sechsten Kusse wurde sie totenbleich und suchte sich loszumachen , indessen ich ebenfalls eine sonderbare Verwandlung fühlte . Die Küsse erloschen wie von selbst , es war mir , als ob ich einen urfremden , wesenlosen Gegenstand im Arme hielte , wir sahen uns fremd und erschreckt ins Gesicht , unentschlossen hielt ich meine Arme immer noch um sie geschlungen und wagte sie weder loszulassen noch fester an mich zu ziehen . Mich dünkte , ich müßte sie in eine grundlose Tiefe fallen lassen , wenn ich sie losließe , und töten , wenn ich sie ferner gefangenhielt ; eine große Angst und Traurigkeit senkte sich auf unsere kindischen Herzen . Endlich wurden mir die Arme locker und fielen auseinander , beschämt und niedergeschlagen standen wir da und blickten auf den Boden . Dann setzte sich Anna auf einen Stein , dicht an dem klaren tiefen Wasser , und fing bitterlich an zu weinen . Erst als ich dies sah , konnte ich mich wieder mit ihr beschäftigen , so sehr war ich in meine eigene Verwirrung und in die eisige Kälte versunken , die uns überfallen hatte . Ich näherte mich dem schönen , trauernden Mädchen und suchte eine Hand zu fassen , indem ich zaghaft ihren Namen nannte . Aber sie hüllte ihr Gesicht fest in die Falten des langen grünen Kleides , fortwährend reichliche Tränen vergießend . Endlich erholte sie sich ein wenig und sagte bloß » Oh , es war so schön ! wir waren so glücklich bis jetzt ! « Ich glaubte sie zu verstehen , weil ich ziemlich das gleiche fühlte , nur nicht so tief und fein wie sie ; daher erwiderte ich nichts , sondern setzte mich still neben sie , sie lehnte sich auf meine Schulter , und so blickten wir mit düsterm Schweigen in das feuchte Element , von dessen Grund unser Spiegelbild , Haupt neben Haupt , zu uns heraufsah . Nicht nur unsere Neigung , sondern unsere ganze gegenseitige Art war zu ernst und zu tief , als daß ein so frühzeitiges unbeschränktes Liebkosen , Herzen und Küssen derselben hätte entsprechen können ; wir waren keine Kinder mehr , und doch lagen noch zu viele Jugendjahre vor uns , deren allmähliche Blüten voraus zu brechen unsere Natur zu stolz war . Meine Phantasie war zwar schon seit geraumer Zeit , eigentlich von jeher wach ; allein abgesehen davon , daß zwischen Phantasie und Wirklichkeit eine jähe Kluft liegt , hatte ich , wenn mich verlangte , schöne Frauen zu liebkosen , immer mir sonst gleichgültige , meist nicht ganz junge Weiber im Sinne , nicht ein einziges Mal aber Anna , welcher immer nah zu sein und sie mein eigen zu wissen mein einziger Wunsch war . Um wieviel mehr mußte sie betroffen sein , welche ein Mädchen und dazu tausendmal feiner , reiner und stolzer war als alle anderen ! Indem ich sie so gewaltsam an mich drückte und küßte und sie in der Verwirrung dies erwiderte , neigten wir den Becher unserer unschuldigen Lust zu sehr ; sein Trank überschüttete uns mit plötzlicher Kälte , und das fast feindliche Fühlen des Körpers riß uns vollends aus dem Himmel . Diese Folgen einer so unschuldigen und herzlichen Aufwallung zwischen zwei jungen Leutchen , welche als Kinder schon genau dasselbe getan ohne alle Bekümmernis , mögen vielen närrisch vorkommen ; uns aber dünkte die Sache gar nicht spaßhaft , und wir saßen mit wirklichem Grame an dem Wasser , das um keinen Grad reiner war als Annas Seele . Unsere Lage war um so peinlicher , als wir uns diese Rechenschaft darüber damals nicht zu geben vermochten . Ich meinerseits befand mich in der völligsten Verwirrung . Daß wir etwas Unrechtes getan , konnte mir nicht einfallen ; ich glaubte daher , daß der Vorfall irgend etwas Fremdes , Unheimliches zwischen uns ans Licht geführt , gar gezeigt hätte , daß eines von uns das andere nicht liebe ; und doch fühlte ich wahrer als je meine