und mannigfaltige Instrumente nach und nach ein zierliches Gerät hervorgeht , in welchem man nur durch anstrengende Erinnerung seine erste ursprüngliche Gestalt wiedererkennt . » Und doch ist jenes erste Brett « , sagte sie , » schon von der künstlichen Sägemühle bearbeitet , die es vom Baumstamm so sicher und glatt abschneidet . « In dieser Freude und Liebhaberei traf sie ganz mit Friedriken zusammen , die auch so große Lust an der verständigen menschlichen Tätigkeit hatte . Diese meinte oft , die Welt sei nur dazu geschaffen , daß sich alles auf ihr rühre und bewege , und je mehr Maschinen klapperten und spännen , Mühlen rauschten und Eisenhämmer tobten , die Webestühle sausten , und Bauleute , Maurer , Bergmänner klopften , rutschten und hämmerten , um so glücklicher sei das Menschengeschlecht . Deshalb war sie oft in hoher Freude , wenn sie von den Werkstätten ihres Mannes her die Arbeit rauschen und raspeln hörte , die an manchen Tagen in das lauteste Toben ausartete . Sie pflegte zu sagen : » Dadurch hat die Stille des Sonntags erst einen Sinn , daß sie einen so schönen und heiligen Gegensatz mit dem alltäglichen Lärmen macht . « Leonhard , sosehr er mit Leib und Seele Handwerker war , widersprach dem oft , und es gab Stunden , in denen ihm das Geräusch seiner Arbeitssäle nicht wohlgefiel . Heut war Dorothea mit Elsheim gekommen , und nachdem sie sich lange an der Tätigkeit erfreut hatte , ging sie zu Friedriken , die nun sehr mit ihr darüber lachte , daß ihr Mann auf des Barons Schlosse für einen berühmten Professor der Baukunst gegolten habe . Die heitere Friedrike ergötzte sich sehr an den vielen kleinen Anekdoten und Lächerlichkeiten , die dort vorgefallen waren , doch hütete sich das kluge Mädchen , viel von Charlotten und deren verführerischer Schönheit zu erzählen . Elsheim ging mit Leonhard über den Hof zu dessen abgelegenem Stübchen , wo sie vor den Fenstern den alten Nußbaum sahen und nichts von dem Geräusch der Tätigkeit vernahmen . Elsheim gab dem Freunde den Brief des Magisters zurück und sagte : » Mein Leonhard , man dünkt sich klug und erfahren , man meint Gedanken und Schicksale erlebt zu haben , und dennoch möcht ich mich nicht unterfangen zu sagen , daß ich diese seltsame Epistel ganz verstanden habe . Aber ebensowenig möcht ich behaupten , sie sei Unsinn und enthalte gar kein Verständnis . Wenn ich mich so ausdrücken darf , so gibt es wohl eine Staffel der Verrücktheit oder des Wahnsinus , die durch das Überschreiten der Vernunftgrenze eine gewisse Heiligkeit und Weihe erhalten hat . So sahen es oft die Alten an , und im Orient herrscht noch dieser Glaube . Manche alten Einsiedler und religiösen Erscheinungen , vieles , was wir so geradehin Schwärmerei nennen , muß wohl aus diesem Standpunkt angesehen werden , nur daß diese Überschreitung oder Freimachung des Geistes von der Vernunft aus einer anderen Ursache herrührte . Und doch war es auch die Liebe , welche eine heilige Therese und ähnliche Gemüter , wie die seltsame Guyon und so viele andere , erregte , vor deren Schriften wir jetzt , wenn wir nicht unbillig sein wollen , mit jener stummen Ehrfurcht stehen , bei der uns das , was wir begreifen , mit Entzücken erfüllt , und die mit einer Art von Gespensterfurcht gemischt ist . « Leonhard billigte diesen Ausspruch , und erzählte dann , wie er die näheren sonderbaren Umstände von der Verwirrung des Magisters erst bei seiner Zurückkunft von Friedriken erfahren habe . » Diesen Brief « , fuhr Leonhard fort , » schickte sie mir , weil sie ihn gar nicht verstand . Der alte Mann blieb aber immer wunderlich , und in einem solchen Zustand poetischer Aufregung , daß ihn Friedrike vermied , und noch weniger mit ihm allein sein mochte , weil seine sonderbaren Reden sie ängstigten , und der kleine Franz sie einmal weinend bat , sie möchte ihm einen andern Lehrer geben , denn bei diesem könne er nichts mehr lernen , da der Alte selber alles vergesse , Ober- und Niedersachsen , Schwaben und Pommern miteinander verwechsle , und ihm die Grammatik so wunderlich erkläre , daß er selber auch ganz verwirrt werden müsse . Vom Einmaleins und dem Rechnen wolle er gar nichts mehr hören , denn der verwirrte Mann behauptete , zwei mal zwei mache gar nicht vier , es gäbe keine Zwei , und es sei Sünde und Bosheit , von dieser Zwei nur zu sprechen . Das Kind selbst war außer sich , und unter dem Vorwand , daß Franz krank sei und sich jetzt nicht anstrengen könne , ließ sie wenigstens fürs erste die Stunden aufhören . Der Alte aber kam nach wie vor alltäglich in unser Haus , aß am Tisch und schien , wenn sich Menschen zugegen fanden , so wie sonst , nur daß er viel schweigsamer war , vor sich hin grübelte , und nur selten an den Reden der andern teilnahm . An einem Nachmittage , als der Alte geblieben war , faßte sich Friedrike ein Herz und sagte zu ihm : Lieber Herr Magister , warum wollen Sie nicht wieder so werden , wie Sie ehemals waren ? man verkennt Sie ganz , und dadurch wird man sich fremd . Sie verdienen aber unser bestes Vertrauen . - Schöne Frau , fing der Alte an , es kann geschehen , wenn wir ein Paktum aufrichten , und wenn Sie dies halten und erfüllen , so kann ich wohl wieder ein solcher Mensch werden , wie ich vordem war . - Und was verlangen Sie ? fragte Friedrike . - Wir kennen uns nun schon seit lange , sagte er feierlich , aber die Freundschaftsbezeigung haben Sie noch nie an mich gewendet , daß Sie mir einen Kuß gegeben hätten , wie Sie doch manchmal sogar an den kleinen Krummschuh verschwendeten . Erlauben Sie mir einen einzigen Kuß ,