sie auf die romantische Einsamkeit der alten Burg sich gefreuet hatten . Mit nassem Auge und manchem unterdrückten Seufzer trennte sich Gabriele von dem geliebten Aufenthalte ; Moritz hingegen vermaaß sich hoch und theuer in seinem Herzen , die Schwelle des alten verwünschten Schlosses nie wieder zu betreten ; er fand jedoch für gut , diesen Vorsatz nicht laut werden zu lassen . Mit einem sehr unbehaglichen Gefühle , zu welchem die jetzige Gestaltung ihres häuslichen Verhältnisses nicht wenig beitragen mochte , betrat Gabriele in der Residenz abermals die gewohnte Bahn im geselligen Leben der großen Welt . Nie war ihr diese freudenarmer und uninteressanter erschienen , und dennoch durfte sie ihr , um ihres Gemahls willen , nicht entsagen . Letzterer ward mit jedem Tage mürrischer und unleidlicher . Gegen die Freude an Gabrielens glänzender Erscheinung in der Welt , hatte die Zeit ihn abgestumpft ; er bildete sich nicht mehr ein , die Bewunderung , welche sie überall erregte , mit ihr zu theilen , und sein ewiges Ausposaunen ihrer Vortrefflichkeit quälte sie nicht , wie wohl ehemals . Dafür machte ihn aber die fürchterlichste Langeweile zum unerträglichsten Gesellschafter , bis er durch irgend eine schnell aufgefaßte Lieblingsidee wieder angeregt und in Thätigkeit gesetzt ward . Doch als er diese endlich am Spieltisch gefunden hatte , gewährte sie ihm nur neue Anreizung zum ärgerlichsten Mißmuthe . Sein Verlust an demselben konnte bei seinem großen Vermögen zwar nicht in Anschlag gebracht werden , aber leider bildete er sich ein , das Geheimniß erfunden zu haben , den Gang des Spiels im Voraus aus mancherlei Nebenumständen berechnen zu können , und das öftere Mißlingen seiner mühsamen Kalkulazionen versetzte ihn beinahe an jedem Abende in den allerwiderwärtigsten Humor . Der Briefwechsel mit ihren entfernten Freunden gewährte Gabrielen wenig Erheiterung ihres jetzigen trüben Lebens . Ernesto ließ aus Italien selten von sich hören , und Frau von Willnangen mit ihrer Auguste waren selbst des Trostes bedürftig . Denn der General fand für gut , Adelberten noch immer entfernt zu halten , und beide Frauen führten auf dem Lande , in Sehnsucht und banger Erwartung , ein sehr einförmiges Leben . Gabriele hatte ihrer Freundin die Ereignisse nicht mitgetheilt , welche Hippolits Entfernung aus ihrer Nähe herbeiführten , denn sie achtete sich nicht berechtigt , das Geheimniß ihres Freundes ohne Noth zu verrathen . Indessen hatte sich doch eine Art Zwang in den Briefwechsel der Freundinnen durch dieses Verschweigen eingeschlichen , den beide fühlten , ohne sich ihn zu gestehen . Stille Trauer über den Jüngling , den sie gezwungen hinaus in die Verbannung gestoßen , waltete noch immer in Gabrielens Gemüth ; überall vermißte sie ihn , und seine Briefe , eigentlich das Tagebuch seines Lebens , waren fast die einzige Unterbrechung ihres bis zum Ueberdruß einförmigen Umhertreibens mitten im Geräusche . » Ich muß fort , « schrieb Hippolit Gabrielen , wenige Wochen nach seiner Ankunft im Vaterlande , » ich muß fort , ich halte es so nicht länger aus . Ruhe zu hoffen , wäre lächerlich ; so will ich denn Betäubung suchen . Betäubung andrer Art als mir die glänzenden Feste , die großen Jagdparthien geben , welche meine Verwandten mir zu Ehren hier anstellen . Wenn sich Abends , von unzähligen Fackeln beleuchtet , unsere oft aus zwanzig und mehr Wagen bestehenden Karavanen von dem Schloße eines Verwandten , wo wir einige Tage oder Wochen lang hauseten , zu dem Gute eines andern begeben , wo wir uns wieder im nehmlichen Kreise von Lustbarkeiten umherzutreiben gedenken , dann kommt mir unser Zug , dem die Landleute bewundernd nachstaunen , oft wie ein prächtiges Leichenbegängniß vor . Ich hörte einmal ein altes einfaches Lied singen , sein Anfang war : « » Mein Herz , das ist begraben , Tief und gar weit von hier « Mein Gedächtniß hat von dem Liede nichts aufbewahrt als diese wenigen Worte , aber ich kann sie nicht wieder los werden . Oft möchte ich meine Verwunderung laut darüber ausdrücken , daß man so viel Umstände mit mir macht , um mich zu ergötzen , aber die guten Leute wissen nicht , daß es eben sowohl Scheinlebende als Scheintodte gibt . Sie ahnen nicht , daß ich mit kalter , hohler Brust unter ihnen herumwandle , weil ich ohngefähr eben so aussehe wie alle andere Menschen , aber - Mein Herz , das ist begraben tief und gar weit von hier ! Eine freudige Regung , einen Strahl jugendlichen Lebens , hat mir denn doch das Wiedersehen , oder ich sollte lieber sagen , das Widerfinden , eines ehemaligen Jugendgefährten hier gewährt . Auf einer jener glänzenden Familienreisen führte unser Weg dicht neben dem Schlosse meines Oheims vorbei , dem ich als ein Unmündiger vom sterbenden Vater anvertraut ward , und der mich zum Lohne dieses Vertrauens für einen der Familie aufgedrungnen Bastard erklären lassen wollte , um mein reiches Erbtheil seinem eignen Sohne zuzuwenden . Seit einem halben Jahre ist der Oheim todt , aber ich mochte selbst den Ort nicht wiedersehen , wo er mit heuchlerischer Freundlichkeit mich umfing , und mich Sohn nannte , während er im Herzen den Plan , mich zu verderben , umhertrug . Sein Sohn , mein ehemaliger Spielgefährte , bewohnt jetzt das Gut , ich schlug indessen das Frühstück aus , das uns bei ihm erwartete , und bestand darauf , weiter zu fahren . Ich mochte die Brut des heuchlerischen Alten nicht sehen , die durch meinen Raub hatte bereichert werden sollen , und äußerte dieses ganz unverholen . Heute früh stand Vetter Max vor mir in meinem eignen Zimmer , ehe ich mich dessen versah , und bot mir die Hand zur Versöhnung . Ein einziger Blick in sein ehrliches , treuherziges Gesicht entwaffnete mich , und nun höre und sehe ich zu meiner unsäglichen Beschämung , was Max alles für mich gethan hat . Selbst mit Vernachlässigung seiner eignen Geschäfte , hat er Tag und Nacht nur dahin getrachtet , die