Mensch nicht seyn möchte , und wünsche dir Glück daß du es eben so wenig bist als ich . Den andern Punkt betreffend , hätte sich , dünkt mich , jeder Mann , der nicht von allem Gefühl des Schicklichen und aller Achtung gegen sich selbst verlassen wäre , eben so , wie du , benehmen müssen ; überdieß lag es wohl nicht an deinem guten Willen , wenn du dich am Ende mit einem Kuß abfinden lassen mußtest . Man ist freilich auf eine so sonderbare Grille nicht gefaßt , wie diese war , die Reise von Sardes nach Rhodus zu machen , um einem guten Freund einen Kuß zu geben ; indessen hängt es immer von einer Schönen ab , wie viel Werth sie auf ihre Gunsterweisungen legen will , und der Kuß , den du zur Entschädigung erhalten hast , war nach deinem eigenen Geständniß so viel werth , daß du ihn nicht zu theuer erkauft hättest , wenn du ihm bis zu den Hyperboreern hättest entgegen reisen müssen . Die Wahrheit zu sagen bin ich mit dir weit besser zufrieden als mit der Dame , die mir in den zwei Jahren ihrer unumschränkten Herrschaft über den königlichen Arasambes von Seiten des Charakters mehr verloren als gewonnen zu haben scheint . Ich fürchte sie hat sich durch die fliegende Eile , womit jeder ihrer Winke befolgt werden mußte , durch die unermüdete Aufmerksamkeit , womit ein eben so großmüthiger als vielvermögender Liebhaber allen ihren Wünschen zuvorkam , kurz , durch die grobe Abgötterei , die zu Sardes mit ihr getrieben wurde , die böse Gewohnheit zugezogen , jede Phantasie , die ihr zu Kopfe steigt , auf der Stelle zu befriedigen , und zu erwarten daß man sich alles , was sie zu sagen und zu thun beliebt , wohl gefallen lasse . Mit Einem Wort , Aristipp , dein weiblicher Alcibiades ist das wahre Wort des Räthsels . Geben die Götter , daß die Aehnlichkeit sich nicht bis auf den Ausgang der Abenteuer erstrecke , in welche sie sich mit einem solchen Charakter noch verwickeln könnte . Das zarte dankbare Herz meiner Musarion leidet nicht wenig bei der Freiheit , die wir uns in unsern Urtheilen über ihre geliebte Pflegemutter heraus nehmen . Sie möchte sich selbst gerne verbergen , daß wir Recht haben , und würde uns zürnen , wenn sie zürnen könnte , daß wir alles im vollen Sonnenlichte sehen , was sie selbst nur in dem sanft verhüllenden und verwischenden Mondlicht , oder in der verschönernden Beleuchtung der Abendsonne sehen will . Demungeachtet bittet sie mich , dir in ihrem Namen für die freundliche Art zu danken , wie du ihrer gegen Lais erwähnt hast . Das holdselige Weibchen gibt mir täglich neue Ursache , mich in ihrem Besitz glücklich zu fühlen . Ich weiß nicht ob du dich erinnerst , daß ich eine Schwester habe , die bei deiner ersten Abreise von Cyrene noch ein Kind von vier bis fünf Jahren war ? Da wir vor einiger Zeit das Unglück hatten unsre gute Mutter zu verlieren , bat Musarion meinen Vater , daß er ihr die junge Kleone anvertrauen möchte , die jetzt gerade in die Jahre tritt , wo die Aufsicht und Leitung einer mütterlichen Freundin einem Mädchen am nöthigsten ist . Du zweifelst nicht , daß es ihr mit der besten Art zugestanden wurde ; und so habe ich schon seit mehreren Wochen das Vergnügen , eine Schwester , die ich nach Musarion über alles liebe , unter ihren Augen , gleich einer lieblichen noch ganz unversehrten Rosenknospe unter den schirmenden Blättern des mütterlichen Stockes , allmählich zur schönsten Blüthe sich entfalten zu sehen . Gedenkst du dich noch lange zu Rhodus zu verweilen , Aristipp ? - Wie gerne wir dir auch die mannichfaltigen Genüsse gönnen , die dir in dem Lande , welches sich Minerva und Apollo mit den Musen und Grazien zu ihrem eigenen Sitz erkoren haben , von allen Seiten zuströmen , so gibt es doch Tage und Stunden ( und es sind gerade die seligsten unsers glücklichen Familienlebens ) , wo wir uns alle nach dir sehnen , und die Athener und Korinthier , Milesier und Rhodier - und wer kann sie alle zählen , die uns das Glück , dich zu besitzen , vorenthalten ? - so herzlich darum beneiden , daß es ihnen unmöglich wohl bekommen kann . 15. An Kleonidas . Die sittenrichterliche Miene , womit du die scherzhaften Stellen meines letzten Briefes beinahe gar zu ernsthaft beantwortest , lieber Kleonidas , läßt dir so gut , daß ich nicht ungehalten über dich werden könnte , wenn ich auch Ursache hätte es - über mich selbst zu seyn . Es ist nicht unmöglich , daß die Asiatische Luft , die ich seit einigen Jahren athme , die Wirkung auf mich thut , die du bemerkt haben willst ; wenigstens wäre dieß eben so natürlich , als daß der zarte Sinn meines Kleonidas für das Geziemende und Schöngute durch die glückliche Beschränktheit , Regelmäßigkeit und halcyonische Stille seines häuslichen Künstlerlebens immer zärter werden , und daher manches mehr oder weniger auffallend finden muß , woran wir andern sorglos und vogelfrei in der Welt herum treibenden Menschen nicht den geringsten Anstoß nehmen . Es ist , denke ich , mit dem moralischen Gefühl , wie mit dem organischen : das Anwehen eines rauhen Lüftchens fällt den zarten Wangen eines fast immer in den Mauern des Frauengemachs eingekerkerten Mädchens , oder eines mit Rosen aufgefütterten Knaben empfindlicher , als das Anprallen des schärfsten Nordwindes der ledernen Haut eines abgehärteten Kriegsmannes oder Seefahrers . Indessen , wenn gleich auch hier das eben Rechte in der Mitte liegt , so gesteh ' ich doch willig ein , daß es in sittlichen Dingen besser ist zu viel als zu wenig Zartgefühl zu haben . Meine Vergleichung unsrer Korinthischen Freundin mit dem berüchtigten Sohn des Klinias hätte ich von dir lieber bestritten als bekräftigt sehen mögen . Vielleicht urtheilen