Der Vater ist seit dem Abend nimmer im Haus . « Die Sonne strahlte durch das verbleite Glas und spannte schimmernde Stege über den herbduftenden Rauch der Wacholderkerzen . Nach einer Weile schob die alte Magd das scheue Gesicht durch einen Spalt der Tür herein . » Im Stall beim Moorle ist ein fremder Mensch . Der geht nimmer fort . Will Essen und Trinken haben und ein Bett . « » Bub ? Wer ist das ? « » Mein neuer Knecht . « - Man reichte dem Manne Trank und Speise und gab ihm die Stube des früheren Knechtes , der nimmer kam . Das war ein froher , lustiger Bursch gewesen , der gerne sang und lachte . Dieser Neue war schweigsam und ängstlich . Graue , dumpfe , sorgenvolle Tage . In vielen Häusern mußten die Wacholderkerzen und der Schwefel brennen . Die schwüle , giftige Luft , die über Berchtesgaden dunstete , wurde besser , als ein schwerer Gewitterregen den Brand der Wälder bei der bayerischen Plaienburg erstickte . Nun konnte man in der Krankenstube des Someinerschen Hauses an jenem schönen Morgen das Fenster öffnen , um die Sonne und den Duft der Gartenblumen hereinzulassen . Als das Wundfieber überstanden war , begann sich Lamperts Befinden langsam zu bessern . Um sein Bett frisch überziehen zu können , hob man ihn eines Morgens vom Lager auf eine Matratze , die man auf den Fußboden der Stube gelegt hatte . Und während Frau Marianne den Schilfsack des Bettes wendete und die zerlegenen Binsen locker machte , fiel etwas Schweres auf den Boden , kollerte unter der Bettlade heraus und blieb neben Lamperts Matratze liegen . Er streckte die Hand und griff nach dem kleinen , wunderlichen Ding , das zu ihm gekommen war . Ein Brocken Blei . Wie eine zerquetschte Nuß . » Schau , Mutter ! Eine Büchsenkugel . Die muß man am Hallturmer Elendstag in meine Stube hereingeschossen haben . « » Ich glaub , das muß anders sein . Selbigsmal ist zu Berchtesgaden nicht viel geschossen worden . Und am Fenster ist nie ein Loch gewesen . « » Ich hab sie nicht mitgebracht . Wie kommt die Kugel in meine Stub ? « Lampert betrachtete das zerdrückte Klümplein Blei , das auf seiner flachen Hand lag . » Die Kugel sieht aus , als war sie durch einen Harnisch geflogen . Aber es ist an dem Blei kein trockenes Blut . « Frau Marianne setzte sich neben Lampert auf die Matratze hin und beguckte das rätselhafte Ding . Eine Erinnerung wurde in ihr wach . » Ob die Kugel nicht von dem Buben ist ? « Rasch fragte Lampert . » Der in meinem Bett geschlafen hat ? « » Zwei Nächte lang . Ja ! Und ich besinn mich . Der Bub ist heil gewesen . Aber ich hab auf seinem Küraßbrüstling eine Dull gesehen . « Lamperts Augen wurden groß . Und sein erregtes Gesicht fing zu brennen an , als käme ein Rückfall seines Wundfiebers . » Die Kugel « , sagte Frau Marianne , » muß dem guten Buben zwischen Küraß und Leib gehangen haben . Und wie er sich in seiner Müdigkeit zum Schlaf in das Bett gelegt hat , muß sich das Blei in die Binsen verschloffen haben . « Sie erhob sich und breitete das frische Linnen über das Lager ihres Sohnes . Von dem jungen Harnischer , der dem Someinerschen Haus ein Schutzengel wider die Sackmacher geworden war , hatte die Amtmännin schon viel erzählen müssen . Und immer hatte Lampert so seltsam gefragt , daß ihn die Mutter manchmal verwundert ansah . Jetzt , da sie wieder von dem Buben redete , den sie immer den guten nannte , geschah es zum erstenmal , daß Lampert keine Frage stellte . Schweigend , mit Sorge und Sehnsucht in den Augen , betrachtete er das zerquetschte Ding auf seiner Hand . Und während die Amtmännin die Kissen des Bettes aufschüttelte , preßte Lampert plötzlich die Lippen in heißer Zärtlichkeit auf das graue Blei . » Ach , was für Zeiten das sind ! « seufzte Frau Marianne bei ihrem fürsorglichen Mutterwerke . » Es wird doch der gute Bub nicht auch in der Saalach liegen ? « » Nein , Mutter ! Der war beim Fechten neben dem Runotter gewesen . Meinen Helm mit den Reihergranen hätt ich sehen müssen . Der Bub hat bei Marzoll und Piding nicht mitgefochten . Auch der ander ist nicht dabeigewesen . « » Wer ? « » Der mit der schweren Narb . « Der Jungherr schwieg . Und nach einer Weile sagte er leise : » Der so viel von dem Buben weiß . « Er lächelte wie ein Träumender . » Auf dem Boden ist ein schlechtes Liegen , Mutter ! Laß mich wieder in das Bett heben ! « Der neue Knecht und die alte Magd mußten helfen , um ihn auf das frisch gerichtete Lager hinaufzulupfen , für das dieser zweifellos tapfere Kriegsmann , der sich bei Marzoll wie ein Held für seinen Fürsten geschlagen hatte , eine höchst unkriegerische Vorliebe zu empfinden schien . Er drückte wohlig das Gesicht ins linde Kissen . Im Verlaufe des Tages mußte Frau Marianne sich darüber wundern , daß ein erwachsenes , leidendes Mannsbild stundenlang gleich einem heiteren Jungen spielen konnte mit einem Stücklein Blei . Oder war diese Kugel , die nahe zum Herzen eines jungen Lebens gedrungen , ein Amulett mit geheimnisvollen Kräften ? Denn Lamperts Besserung machte seit diesem Tag so flinke Fortschritte , daß in Frau Marianne die gläubige , hoffnungsvolle Mutterfreude sich in einem steten Kriege gegen ihre Witibstrauer um den seligen Ruppert befand . Neben dieser Trauer hatte die Amtmännin auch beklommene Zeitsorgen . Sie erzitterte bei jeder bösen Botschaft , die von der entfesselten Kriegsfurie der bayerischen Vettern nach Berchtesgaden drang . Vor Schreck wurde sie kreidebleich als sie vernahm , daß Fürst Pienzenauer im Stifte eingetroffen wäre ,