, was du anderen predigst ? Bist du deiner Thekla genüber der himmlischen Minne fähig ? « Ach , ich suchte täglich in mir die verlorene Eheliebste , und zärtlich kam sie mir alleweil entgegen . Mein Herz war der Abendburgfelsen , sein heimlicher Schatz aber meine Thekla . Ein süßes Feuer rann durch meine Adern , wenn ich das dunkle Auge betrachtete und der Stimme lauschte , die weich wie einer Rose Schoß . Und am sanften Busen lag ich tausendmal , wie damals in der Gruft der magdeburgischen Kirche . War das nun jene Minne , die bei den Seraphim gilt ? Allerdings nicht . Immerhin verschmolz mit meiner Zärtlichkeit eine Anbetung , wie man sie Engeln erweist . Wenn ich gar bedachte , daß ich sie nimmer irdisch umarmen könne , erschien mir Thekla als eine rechte Geisterbraut , nicht unähnlich der weißen Königin im Felsendom . Aus Bergen schleicht der Abendhauch , ein Raunen Im wüsten Hain . Das Tannenvolk umringt mit scheuem Staunen Den Sagenstein . Hie stund ein Schloß ; sein Glitzern machte trunken Wie Abendstrahl . Verwunschen ward ' s. Und wo die Pracht versunken , Bezeugt dies Mal . Verdüstert hockt der Stein , wie seinen Sorgen Ein Bettler grollt . Verkappter Fürst ! Im Grunde dir geborgen Ruht Perl und Gold . Kein Gräber drang noch durch die Felsenrinde Zum güldnen Schacht . Ein Glimmen winkt nur dem Johanniskinde In Zaubernacht . Sein Träumeraug erschaut in Höhlenwildnis Den Perlenschrein . Auch marmorweiß ein Königinnenbildnis Im Dom von Stein . Ich kenne sie , die heilgen Heimlichkeiten Der Innenschau . Verwunschen sank auch mir ins Grab der Zeiten Mein Königsbau . Doch was dereinst an Seligkeit erblühte , Ist nimmer tot , Es bleibt mein Schatz , versunken im Gemüte , Der magisch loht . Ich selber bin das Schloß mit güldner Tiefe , Der Sagenstein . Und ob ich ganz der Oberwelt entschliefe , Der Traum ist mein . Die Königin ward diesen heißen Sinnen Hinweggebannt . Verklärt zum Engel weiht sie nun mein Minnen Dem Geisterland . Ein Dom von Tropfgestein , soll mich umflechten Die Innenwelt . Braut meiner Jugend , throne mir zur Rechten Im Höhlenzelt ! Am Tage nach dem Besuch der Kiesewaldischen kam ein Brief , den ein Knabe vom Breiten Berge brachte . » Lieber Herr Johannes ! Nichts für ungut , daß ich nicht aufhöre , um Vergünstigungen zu bitten . Ihr habt uns eine Predigt zugesagt . Meine Schwäherin Agnete ist darob hoch erfreut . Doch hanget der Sache noch ein Bedenken an . Wie schon gesagt , hat Agnete ein sehr verschämt Gemüte . Nur mit Beben könnte sie Euch unter die Augen treten , nachdem Heinrich ihre Art Euch enthüllet hat . Später wird sie ihre Schüchternheit Euch gegenüber abtun . Bei der allerersten Begegnung jedoch ist sie befangen und würde keinen vollen Gewinn von Eurer Predigt heimtragen , so Ihr nicht ihrer Schwäche schonet . Darum so hab ich zu Agneten gesprochen : Komm du getrost zur Predigt des Herrn Johannes ; ich will ihn bitten , daß dabei jedes nahe Zusammensein mit uns vermieden werde , und daß weder vor der Predigt noch hinterher Gespräche mit uns erfolgen . Habet also die Gewogenheit , lieber Herr Johannes , einen derart geeigneten Ort zur Predigt zu wählen und Euch diesmal von uns zurückzuhalten , gleichwie ja auch ein Prädikant in der Kirche von erhabener Kanzel auf seine Gemeinde niederschaut . Mir ist allerdings nicht klar , wie dies zu ermöglichen . Ihr aber findet wohl Rat . Insonderheit wollet die Sache so einrichten , daß Agnete sich nicht vor Heinrich zu schämen braucht . Ist es möglich , lieber Herr , so werde von Euch der Vorschlag getan , es solle diesmal keinerlei Gespräch erfolgen . Bitt Euch ! Ihr würdet zagen Frauenherzen eine Wohltat erweisen , so ihr ein Briefel an unsern Heinrich schriebet und darin ausmachtet , unter welchen Formen und Konditionen die Predigt erfolgen soll . Vielleicht könnet Ihr geltend machen , daß jedwedes nähere Beisammensein den Prediger wie die Gemeinde zerstreuen und die Andacht beeinträchtigen würde . Das ist ja auch keine Unwahrheit . Dürfen wir nach der Predigt die Grabkreuze betrachten , so Ihr nahe Eurer Klause habt , so mag Euer Oheim uns den Ort weisen . Ehrerbietig grüßt Euch Eure Jüngerin Sibylle . « Durch meinen Oheim ließ ich dem Knaben Speise und Trank reichen und überlegte , wie auf den Brief zu antworten . Kam zu dem Ende , Agnetens übergroße Schüchternheit müsse geschont , Sibyllens Vorschlag beherziget werden . Verfaßte dahero folgendes Schreiben : » Lieber Heinrich Kiesewald ! Euren Wunsch , ich solle in einer Predigt die Zweifel Eures seufzenden Herzens behandeln , möchte ich am nächsten Sonntag erfüllen und lade Euch nebst Eurer Ehefrau und Eurer Schwester ein , um die Zeit des Kirchenläutens auf der Abendburg einzutreffen . Doch wollet mich entschuldigen , so ich an diesem Tage jedwedem Gespräche mit euch dreien ausweiche , also daß ihr von mir lediglich eine Predigt vernehmet . Ohne mein Beisein wird Euch mein Oheim Tobias empfangen . Alsodann wollet zunächst in meiner Stube rasten und einen Imbiß nehmen . Hernach wird euch Tobias in meinen Felsendom führen . Gleich nach der Predigt wollet den Heimweg antreten . Die Hand reichen wir uns eine Woche später , wann ich euch in eurer Baude besuche . Diesmal indessen wollet mir erlauben , daß ich nicht anders zum Vorschein komme , denn auf der Felsenkanzel . Halte nämlich dafür , daß es Herzen gibt , deren Sammlung gestört wird , so sie durch weltliche Unterredung beansprucht werden . Was aber den sogenannten Dom anlanget , das ist die große Höhle , so ich im Grunde der Abendburg entdeckt habe . Ihr brauchet nicht zu besorgen , daß sie Dämonen beherberge und mir als Laboratorium schwarzer Kunst diene . Ich wähle sie zur Stätte unserer gemeinsamen Erbauung , weil aus ihrem Schlunde ein Psalm