aus früherer Zeit ? Der Georg dieses Sommers , der dort oben gewohnt hatte ? Dumme Einfälle . Der Balkon blieb leer , das Haus war stumm , und der Garten schlummerte tief . Enttäuscht wandte Georg sich ab . » Kommen Sie « , sagte er zu Heinrich . Sie gingen und nahmen die Straße zum Sommerhaidenweg . » Wie warm es geworden ist « , sagte Heinrich , zog den Überzieher aus und warf ihn seiner Gewohnheit nach über die Schultern . In Georg war ein ödes , etwas trockenes Erinnern . Er wandte sich an Heinrich . » Ich will es Ihnen lieber gleich sagen . Die Geschichte ist aus . « Heinrich sah ihn rasch von der Seite an , dann nickte er , nicht sonderlich überrascht . » Aber « , setzte Georg mit einem schwachen Versuch zu scherzen hinzu , » Sie werden dringend gebeten , nicht an den Engelsknaben zu denken . « Heinrich schüttelte ernsthaft den Kopf . » Danke . Die Fabel vom blauen Engel können Sie Nürnberger widmen . « » Er hat doch wieder einmal recht behalten « , sagte Georg . » Er behält immer recht , lieber Georg . Man kann nämlich nie und nimmer betrogen werden , wenn man allem auf Erden mißtraut , sogar seinem eigenen Mißtrauen . Auch wenn Sie Anna geheiratet hätten , hätte er recht behalten ... oder es käme Ihnen wenigstens so vor . Aber jedenfalls denk ich ... Sie erlauben mir wohl das auszusprechen ... ist es gut so , wie es gekommen ist . « » Gut ? Für mich gewiß « , erwiderte Georg mit absichtlicher Schärfe , als hätte er durchaus nicht die Absicht seine Handlungsweise zu beschönigen . » In Ihrem Sinn Heinrich , war es vielleicht sogar eine Pflicht gegen mich , daß ich ein Ende machte . « » Dann war es wohl auch Ihre Pflicht gegen Anna « , sagte Heinrich . » Das wird sich doch erst zeigen . Wer weiß , ob ich sie nicht aus ihrer Bahn gerissen habe . « » Aus ihrer Bahn ? « » Erinnern Sie sich noch , wie Leo Golowski einmal von ihr sagte , sie sei bestimmt , im Bürgerlichen zu enden ? « » Meinen Sie , Georg , eine Ehe mit Ihnen wäre etwas sehr Bürgerliches geworden ? Anna war vielleicht geschaffen Ihre Geliebte zu sein nicht Ihre Frau . Wer weiß , ob nicht der , den sie einmal heiraten wird , allen Grund hätte Ihnen dankbar zu sein , wenn die Männer nicht so rasend dumm wären . Reine Erinnerungen haben ja die Menschen doch nur , wenn sie was erlebt haben . Die Frauen so gut wie wir . « Sie spazierten auf dem Sommerhaidenweg weiter , in der Richtung gegen die Stadt , die aus grauem Dunst hervorstieg , und näherten sich dem Friedhof . » Hat es eigentlich einen Sinn « , fragte Georg zögernd , » das Grab eines Wesens zu besuchen , das niemals gelebt hat ? « » Dort liegt Ihr Kind ? « Georg nickte . Sein Kind ! Wie seltsam es immer wieder klang ! Sie gingen längs der braunen Holzlatten hin , über die Grabsteine und Kreuze ragten , an einer niedern Ziegelmauer weiter , zum Eingang . Ein Wächter , den sie fragten , wies ihnen den Weg über die breite , mit Weiden bepflanzte Mittelstraße . Auf einem Wiesenplan , hart an den Planken , auf niedern wie zum Spiel aufgeworfenen Hügeln , reihten sich ovale Plättchen aneinander , jedes mit zwei kurzen Armen in die Erde gerammt . Der Hügel , den Georg suchte , lag in der Mitte der Wiese . Dunkelrote Rosen lagen darauf . Georg erkannte sie . Das Herz stand ihm stille . Wie gut , dachte er , daß wir einander nicht begegnet sind . Hat sie ' s am Ende gehofft ? » Dort wo diese Rosen liegen ? « fragte Heinrich . Georg nickte . Sie standen eine Weile stumm . » Nicht wahr « , fragte Heinrich dann , » an die Möglichkeit dieses Ausgangs hatten Sie wohl innerhalb der ganzen Zeit niemals gedacht ? « » Niemals ? Ich weiß nicht recht . Es gehen einem ja allerlei Möglichkeiten durch den Sinn . Aber ernstlich hab ich natürlich nie daran gedacht . Wie sollte man auch ? « Er erzählte Heinrich nicht zum erstenmal , wie der Professor damals den Tod des Kindes erklärt hatte . Ein unglücklicher Zufall war es gewesen , an dem ein bis zwei Perzent der Neugeborenen zugrunde gehen mußten . Freilich , warum gerade hier dieser Zufall eingetreten war , das hatte der Professor nicht zu sagen gewußt . Aber war Zufall nicht nur ein Wort ? Mußte nicht auch dieser Zufall seine Ursache gehabt haben ? ... Heinrich zuckte die Achseln . » Natürlich ... Eine Ursache nach der andern und seinen letzten Grund im Anfang aller Dinge . Wir könnten gewiß das Eintreten mancher sogenannten Zufälle verhindern , wenn wir mehr Überblick hätten , mehr Wissen und mehr Macht . Wer weiß , ob nicht auch der Tod Ihres Kindes in irgendeinem Augenblick abzuwenden war ? « » Und vielleicht wäre es sogar in meiner Macht gestanden « , sagte Georg langsam . » Das versteh ich nicht . Waren denn irgendwelche Vorzeichen , oder ... « Georg stand da , den Blick starr auf den kleinen Hügel gerichtet : » Ich will Sie was fragen , Heinrich , aber lachen Sie mich nicht aus . Halten Sie es für möglich , daß ein ungeborenes Kind daran sterben kann , daß man es nicht so herbeisehnt , wie man sollte : an zu wenig Liebe gewissermaßen ? « Heinrich legte ihm die Hand auf die Schulter . » Georg , wie kommen Sie , der sonst ein so anständiger Mensch ist , auf derartige metaphysische Einfälle ? « » Nennen Sie