nur zu richtig gewesen , zeigte ihm jeder Schritt . Die durch die Straße wogende Menge befand sich zwar größtenteils in einem dumpfen Schweigen , aber hier und da hörte man doch den drohenden Ruf : » Nieder mit den Aristokraten , nieder mit den Russenfreunden ! « » Nieder mit den Russenfreunden ! « rollte dann gewöhnlich wie eine Lawine durch die ganze Straße hin . Er fand den alten Grafen in einer Aufregung , wie er sie nie an ihm gesehen . » Da haben Sie den patriotischen Klub , « rief er ihm entgegen , » da haben Sie die gepredigte Zügellosigkeit , das kommt von dem demokratischen Unsinn . - Kanonen , Kanonen , Kavalleriechargen gegen die Canaille : Grand Dieu , und nun ist kein Militär da , und was da ist , wird von diesem gleißnerischen Schurken , dem Krukowiecki , kommandiert ! In solchem Augenblicke solch ein Gouverneur der Stadt ! « Der Graf , welcher einen Angriff auf sein Haus selbst zu fürchten schien , bat den Deutschen , dazubleiben , die Bedienten bewaffnen , postieren zu helfen , und was der Sicherheitsmaßregeln mehr waren . Valerius aber , in seiner ohnehin gereizten Stimmung durch die Ausdrücke des Grafen noch mehr verletzt , lehnte es ab . Er glaubte die vom Affekte überraschte echte Gesinnung des Grafen in dieser aristokratischen Berserkerwut und Besorgnis zu erblicken ; alle die schönen Worte , welche er früher von ihm vernommen , schienen ihm jetzt angelernte Floskeln , von denen das Herz des unverbesserlichen alten Adelshelden nichts gewußt habe . Ein altes schreckliches Wort Hippolyts fuhr ihm durch den Sinn : Diese Erben des alten Systems sind durch und durch infiziert und durch nichts zu heilen , sie müssen aussterben . Niemand kann sie ändern . So ging er entrüstet von dannen , und es war ihm , als höre er einen entsetzlichen Fluch des alten Edelmannes hinter sich her . Aber er mochte es nicht glauben , daß sich ein so ausgebildeter Mann zu solcher Roheit fortreißen lasse , und schob ' s auf einen Irrtum , auf seine eigene erhitzte Phantasie . Die Menschenmenge auf den Straßen war zwar nicht geringer geworden , aber ihre heftige Gärung und Bewegung schien nachgelassen zu haben . Man sah sie mehr in Haufen zusammengedrängt und einzelnen Rednern zuhören , welche ihnen mit der nationalen Lebhaftigkeit die Verhältnisse auseinandersetzten . » Unsere Sache ist eine heilige , « schloß ein solcher Redner seinen Vortrag , zu dessen Gruppe der junge Deutsche eben trat , » unsere Sache ist eine heilige , « wiederholte er mit größtem Nachdruck , » und wir brauchen sie nicht zu verbergen vor dem Sonnenlichte - am hellen Tage , im Angesichte von ganz Europa wollen wir Gericht halten über die Verräter . Wie ? haben wir nicht alles in die Schanze geschlagen , um die Freiheit für unser Vaterland zu erwecken ? Was wüßten denn diese vornehmen Herren von der glorreichen polnischen Revolution ohne uns ? Als wir unsere Köpfe gewagt hatten , als die Russen aus Warschau hinausgeworfen waren , da kamen die vornehmen Herren erst zum Vorschein . Was ? Ist unser Blut nicht so rot wie das ihre , ist es nicht ebenso polnisch wie das ihre ? Und wohin haben sie uns geführt ? Ist der Bauer frei geworden ? Ist der Russe geschlagen ? Nicht doch . In wenig Tagen wird der Russe vor Warschau stehen , und seine Spione , von denen wir umgeben sind , werden ihm die Stadt verraten . Warum hängt man die Spione nicht ? Weil die vornehmen Herren es nicht zum Äußersten kommen lassen wollen , weil sie immer noch ein Brückchen zur Rückkehr haben möchten . - Wollen wir eine Rückkehr ? « » Keine , keine , « schrie der Haufe . » Keine Rückkehr , ihr echten Polen , « fuhr der Redner fort , » Freiheit oder Tod ! Da drüben sitzen die Verräter Jankowski und Bukowski , welche unsere Armee verraten haben . - Bleibt , meine Freunde , unsere Sache ist eine heilige , sie scheut den Tag nicht , sie sucht ihn vielmehr . - Die helle Sonne des Freiheitssommers soll unsere Rache bescheinen , morgen sollen die Verräter am hohen Mittage sterben , damit die Aristokraten erkennen , es gibt ein Volk , wenn sie sich zur Tafel setzen . Freiheit oder Tod ! « Donnernd wiederholte die Masse den Ruf , und nachdem der Redner einigen der Zuhörer noch leiser etwas mitgeteilt hatte , zerstreute sich der Haufe . Valerius sah beim Schein einer Laterne das Gesicht dessen , der eben gesprochen hatte , es war ein blasses , entschlossenes Gesicht , ein junger Mann von hoher , schlanker Gestalt . - Eine Patrouille kam die Straße entlang , und im Nu war der Redner samt allen Zuhörern verschwunden . Die Nacht verging ruhig , und als der Morgen des 15. August anbrach , glaubten viele , das Ungewitter sei vorübergezogen . Valerius war nach dem , was er den Abend vorher gehört hatte , nicht der Meinung . Er ging zeitig aus , um dem Grafen Anton Ostrowski mitzuteilen , was er gehört . Er fand ihn nicht , alles war schon in Bewegung , es war ein Festtag , Mariä Himmelfahrt , alle Straßen waren angefüllt , ein unheilvolles Murmeln lief durch die Straßen . Valerius sah mit Entsetzen , was es heiße um einen Volksaufstand . Gerechte Klagen , törichtes , ausschweifendes Verlangen , blutdürstige Drohungen drangen in buntem Gemisch zu seinem Ohr . Wo ist die Möglichkeit , dachte er , hier aufzuklären , zu belehren , das Übertriebene vom Richtigen zu sondern ! Welch ein entsetzliches Mittel , gesellschaftliche Verhältnisse umzugestalten , bleibt der Aufruhr ! Alle Zivilisation ist wieder dem Chaos anheimgegeben . Graf Anton Ostrowski kam mit einer Abteilung der Nationalgarde daher . Man machte ihm Platz , ja man rief : » Es lebe Ostrowski