. Ihre Reimstellung ist freilich anders , sie hat auch nicht acht Zeilen , sondern neun und geht in eben dieser neunten Zeile aus dem fünffüßigen Jambus in den Alexandriner über ... « » Ist aber nichtsdestoweniger eigentlich ein und dasselbe . Ich beneide Sie , Himmerlich , um diese Schlußfolgerung . « Eine gereizte Debatte schien unausbleiblich ; Lewin indessen schnitt sie geschickt ab , indem er bemerkte , daß es nicht Aufgabe dieses Kreises sein könne , die größeren oder geringeren Verwandtschaftsgrade zwischen Spencerstrophe und Ottaverime festzustellen . Er müsse bitten , auf die Dichtung selber einzugehen , wenn es nicht vorgezogen würde , trotz einiger kleiner Ausstellungen des Herrn von Jürgaß , die warmen Worte , in denen sich ihr immer treu befundenes Mitglied Buchhändler Rabatzki bereits geäußert habe , einfach als Urteil und Dankesausdruck der Kastalia selbst zu akzeptieren . Hierauf wurde nicht nur überhaupt eingegangen , sondern auch mit einer Bereitwilligkeit , deren ironischer Beigeschmack von dem unglücklichen Himmerlich sehr wohl herausgefühlt wurde . » Wir wenden uns nunmehr dem zweiten der eingegangenen Beiträge zu « , fuhr Lewin fort . » Es sind Strophen unseres sehr verehrten Gastes , des Herrn Hansen-Grell , den in kürzester Frist als Mitglied dieses Kreises begrüßen zu dürfen ich als meinen persönlichen , übrigens von allen Mitgliedern der Kastalia geteilten Wunsch ausgesprochen haben möchte . Ich bitte , Herrn Hansen-Grell , seine Strophen lesen zu wollen . « Dieser zog , um des Tabakrauches willen , der bereits seine Schleier auszuspannen anfing , das Licht etwas näher an sich heran und begann dann ohne Zögern , mit ruhiger , aber sehr eindringlicher Stimme : » Seydlitz ; geboren zu Calcar am 3. Februar 1721 . « » Ist das die Überschrift ? « unterbrach Jürgaß . » Ja « , war die kurze Antwort . » Nun , da bitt ich doch bemerken zu dürfen , daß mich dieser Titel noch mehr überrascht als Bau und Reimstellung der Himmerlichschen Spencerstrophe . Geboren zu Calcar , am 3. Februar 1721 , das ist die Überschrift eines Nekrologs , aber nicht eines Gedichtes « » Und vor allem eine Überschrift « , erwiderte Hansen-Grell in heiterer Laune , » die niemand anders verschuldet hat als Herr von Jürgaß selbst . Ohne seine Abneigung gegen alles , was einer Captatio benevolentiae ähnlich sieht , würde der Titel meines Gedichtes einfach General Seydlitz gelautet haben ; aber jeder Möglichkeit beraubt , das mir unerläßliche geboren zu Calcar auf dem herkömmlichen Vorredewege zu Ihrer freundlichen Kenntnis zu bringen , ist mir nichts andres übriggeblieben , als jene biographische Notiz gleich mit in die Überschrift hineinzunehmen . « » Und so haben wir doch wieder eine Vorrede gehabt ... « » Weil wir keine haben sollten . - Aber ich bin zu Ende . « Und Hansen-Grell las nun ohne weitere Störung : » General Seydlitz In Büchern und auf Bänken , Da war er nicht zu Haus , Ein Pferd im Stall zu tränken , Das sah schon besser aus ; Er trug blanksilberne Sporen Und einen blaustählernen Dorn - Zu Calcar war er geboren , Und Calcar , das ist Sporn . Es sausen die Windmühlflügel , Es klappert Leiter und Steg , Da , mit verhängtem Zügel , Geht ' s unter dem Flügel weg ; Und bückend sich vom Pferde , Einen vollen Büschel Korn Ausreißt er aus der Erde - Hei , Calcar , das ist Sporn . Sie reiten über die Brücken , Der König scherzt : Je nun , Hie Feind in Front und Rücken , Seydlitz , was würd Er tun ? Der , über die Brückenwandung , Setzt weg , halb links nach vorn , Der Strom schäumt auf wie Brandung - Ja , Calcar , das ist Sporn . Und andre Zeiten wieder ; O kurzes Heldentum ! Er liegt todkrank danieder Und lächelt : Was ist Ruhm ? Ich höre nun allerwegen Eines besseren Reiters Horn - Aber auch ihm entgegen , Denn Calcar , das ist Sporn . « Ein Jubel , wie ihn die Kastalia seit lange nicht gehört hatte , brach von allen Seiten los und legte , wie Hansen-Grell , um sich dadurch weiteren Ovationen zu entziehen , scherzhaft bemerkte , ein vollgültiges Zeugnis von der kavalleristischen Zusammensetzung der Dienstagsgesellschaft ab . Er traf es hiermit richtig : Bninski , Hirschfeldt , Meerheimb waren Kavalleristen von Fach , Tubal und Lewin gute Reiter . Aber auch die Minorität ließ es an lebhaften Beifallsbezeugungen nicht fehlen ; Bummcke , wenn nicht Reiter , war doch wenigstens Soldat , Rabatzki tadelte nie , und Himmerlich fühlte sich erleichtert , seine Verstimmung hinter enthusiastischen , wenn auch kurzen und etwas krampfhaften Ausrufungen verbergen zu können . Gewann er doch für sich selbst und nebenher noch das Wohlgefühl neidloser Charaktergröße . Endlich hatte sich die Aufregung gelegt , und Tubal bat ums Wort , was ihm zu verschaffen , bei einer zwischen Bummcke und Jürgaß über die Zulässigkeit der Wendung » halb links nach vorn « eben wieder ausgebrochenen Privatfehde , einigermaßen schwerhielt . Zuletzt aber gelang es , und Tubal bemerkte nun : » Ich bitte zunächst an einen Satz erinnern zu dürfen , den Doktor Saßnitz vor einiger Zeit an dieser Stelle aussprach : Unsere Strenge ist unser Stolz . Sie fühlen , daß dies die Brücke ist , auf der ich zu einem Angriff vorgehen möchte . Der Reiz des Gedichtes , das wir eben gehört , liegt ausschließlich in seinem Ton und seiner Behandlung ; es ist keck gegriffen und keck durchgeführt , aber es hat von dieser Keckheit offenbar zuviel . « » Kann nicht vorkommen « , warf Jürgaß ein . » Doch « , fuhr Tubal fort . » Unser verehrter Gast hat dies auch selbst empfunden . « Hansen-Grell nickte . » Jedes Kunstwerk , so wenigstens stehe ich zu diesen Dingen , muß aus sich selber heraus verstanden werden können , ohne historische oder