rollte der erste Milchwagen , gezogen von zwei unmutigen Hunden , um die Ecke der Grinsegasse , endlich , endlich war der Tag so weit vorgeschritten , daß Hans sein Suchen nach dem Fränzchen beginnen konnte . Er rannte natürlich , trotz dem Berichte des Assessors Weitzel , zuerst nach der Parkstraße und zog die Glocke an der Gartentür und stand mit klopfendem Herzen und horchte . Er stand und horchte vergeblich , weder Jean noch ein anderer zeigte sich ; das Haus war so stumm und tot wie die verschneite Fontäne auf dem verschneiten Grasplatz . Der Bäckerjunge , welcher seinen Semmelkorb vorbeitrug , bestätigte die Erzählung des Assessors : der Bäckerjunge erklärte , » abbestellt « zu sein , und dasselbe erklärte die Milchfrau . Der Briefträger kam mit einem Briefe Kleopheas an die Tür und schob ihn achselzuckend wieder in seine Ledertasche . Hans Unwirrsch hätte viel darum gegeben , wenn er das Geschrei des grünen Papageis vernommen hätte , aber der Papagei war ebenfalls gestorben oder mit der gnädigen Frau zu der alten Kusine gezogen . Eine frühe Droschke nahm den Kandidaten auf und führte ihn , viel zu langsam für seine qualvolle Aufregung , nach dem Polizeihause . Der Brief Kleopheas war noch an den Vater gerichtet , wie ihm ein flüchtiger Blick auf die Adresse gezeigt hatte : der Poststempel trug das Wort » Paris « . Den Kandidaten fror noch mehr , als er in dem klappernden Fuhrwerk , das ihn durch die schmutzigen Straßen trug , an diesen Brief dachte , dem sich die Tür des Hauses in der Parkstraße auch nicht geöffnet hatte , der nie mehr an seine Adresse gelangen konnte . Wir haben das Zentralpolizeihaus bei einer andern Gelegenheit , aber bei ähnlichem Wetter geschildert und sind deshalb einer nochmaligen Beschreibung überhoben . Nach mehrfachen Fragen und längerm Umherirren in den endlosen , labyrinthischen Gängen des Gebäudes fand Hans die gewünschte Tür und fand dazu , daß er nicht der einzige war , der den Aufenthaltsort eines Nebenmenschen ausfindig machen wollte . Sehr viele Menschen wissen nicht , wo sehr viele Menschen wohnen . Gläubiger erkundigen sich mit unendlicher Zärtlichkeit nach den Schlupfwinkeln ihrer Schuldner ; junge Mädchen mit verweinten Augen erkundigen sich nach jungen Männern , die plötzlich unerklärlicherweise ihre Wohnung gewechselt haben . Abgehärmte Weiber mit oder ohne Kinder erscheinen auch ; es kommen Lohndiener ; es kommen Fremde - Volk aus allerlei Völkern ! Tausenderlei Formen und Gestalten nimmt die Frage an , und es ist auch ganz und gar nicht selten , daß die hochlöbliche Polizei ihr Honorar einstreicht , ohne es zu verdienen . Selbst die Polizei weiß sehr oft nicht , wo sich der und der , die und die aufhalten . Es gibt viele Leute , die viele Kunst und viel Geschick drauf wenden , sich und ihren Aufenthaltsort allen polizeilichen und sonstigen Nachforschungen zu entziehen . Eine gute Stunde stand Hans und wartete , bis die Reihe an ihn kam ; dann reichte er seinen Zettel mit seiner Frage in das Gitter des Beamten und erhielt nach fünfzehn weiteren Minuten den Zettel zurück mit der Antwort unter der Frage : » Annenstraße Nr. 34 , 4 Treppen , bei der Witwe Brandauer , Wäscherin . « Das Papier war grau , das Gekritzel der Polizeipfote im höchsten Grade unkalligraphisch , aber beides gab den glänzendsten Schein in der Hand des Kandidaten ; still und warm wurde es ihm ums Herz , verschwunden war alle Angst und Unruhe da war Sicherheit , Gewißheit - da war das freie Fränzchen , das Fränzchen , erlöst von den bedrückenden Banden des Hauses in der Parkstraße ! » Annenstraße Nummer vierunddreißig , vier Treppen hoch ! « Ein grimmiger Stoß seines Hintermannes weckte den Kandidaten aus seiner Verzückung ; er wußte wieder , wo er sich befand , und eilte fort , da er den Zettel an dieser Stelle doch nicht küssen konnte . Wie ein Nachtwandler auf den Dächern , so fand sich Hans auf dem Wege nach der Annenstraße zurecht . Es war keine Zeit zwischen dem Augenblick , in welchem er das Gekritzel des Polizeibeamten las , und zwischen dem Augenblick , in welchem er an die Tür klopfte , hinter der Franziska Götz wohnen sollte . Ein Jahrhundert lag zwischen seinem ersten und seinem zweiten Klopfen , und eine Viertelstunde später saß er still neben dem Fränzchen , beide Hände des Fränzchens in den seinigen haltend , und - das Wichtigste war gesagt ; er hatte sogar bereits das Mädchen geküßt ! Die Erde stand noch , der Himmel war nicht eingefallen , aber die Sonne war auch nicht strahlend hinter dem winterlichen Gewölk hervorgebrochen , es war nicht auf der Stelle Frühling geworden , und des Fränzchens schwarzes Trauerkleid hatte sich nicht in ein lichtblaues Gewand der Freude verwandelt . Sie hatten einander soviel zu sagen , und wenn auch das Wichtigste in den flüchtigsten Augenblicken ausgesprochen werden konnte , so blieb doch viel , viel zurück , was nicht an einem Tage , in einer Woche oder einem Monat erzählt werden konnte . Was Hans zu berichten hatte , wissen wir ; wir wollen jetzt versuchen , nachzuerzählen , was dem Fränzchen geschehen war und wie es lebte , seit der Kandidat Unwirrsch das Haus des Geheimen Rates Götz verließ , und das ist um so schwieriger , da das Kind von sich selber eigentlich gar nicht sprach , sondern nur von den andern . Die Lebendigkeit , welche Kleophea in dem Hause ihrer Eltern verbreitete , war eine unnatürliche gewesen ; das Licht , welches ihr Dasein über die Umgebung ausstrahlte , war ein ungesundes , irrwischartiges gewesen . Als beides aber für immer verschwand , setzten sich Schweigen , Kälte und Dunkelheit an dem trostlosen Herde so dräuend nieder , daß der tolle Leichtsinn , all die buntschillernden , glänzenden Fehler des entflohenen Mädchens fast als Tugenden erschienen . Die frische Stimme , der leichte Fußtritt ,