gleich , lassen Sie mich nur erst sagen , daß seit einigen Monaten eine Freundschaft zwischen Ihrer Frau Gemahlin und meiner Frau entstanden war , deren Intimität mich einigermaßen in Verwunderung setzte , besonders nachdem ich bemerkt hatte , daß sich zu diesen Zusammenkünften , die rein poetische Zwecke verfolgen sollten - Sie wissen , Herr von Cloten , daß meine Frau Directrice des lyrischen Kränzchens ist - stets , oder doch wenigstens sehr oft , eine dritte Persönlichkeit gesellte , gegen die ich , offen gestanden , von früher schon eine unüberwindliche Antipathie hatte . Diese Persönlichkeit ist - Der Doctor Stein , weiß schon , weiter , sagte Cloten mit athemloser Hast . Sie wissen schon - in der That , sagte der Professor mit einem Lächeln , das unheimlich hinter den Brillengläsern hervorglitzerte ; o , so ist mir ja der schwerste Theil meiner Mittheilungen erspart . Nun , Herr von Cloten , wenn Sie es bereits wissen , will ich nicht weiter erwähnen , wie in meine ahnungslose Seele der erste Feuerfunke des Verdachtes fiel , wie dieser Funke durch mancherlei höchst eigenthümliche Beobachtung zur Flamme angeschürt wurde , die mein Herz , das für das Glück meiner Brüder schlägt - hier legte der Professor die schwarzbehandschuhte Hand auf die linke Brust - zu verzehren drohte . Meiner Frau den Umgang mit der betreffenden Persönlichkeit zu verbieten , wagte ich nicht . Sie wissen , Herr von Cloten , Dichtergemüther sind exaltirt , und der ästhetische Standpunkt , - Aber ich bitte Sie , Herr Professor , kommen Sie zur Sache , rief Cloten , was steht denn auf dem Blatte ? Gehen Sie ! sagte Jäger , das Papier auseinanderfaltend , es ist das Concept eines Gedichtes , das ich , noch naß , auf dem Schreibtisch meiner Frau , die , wie mir das Mädchen sagte , einen Besuch zu machen , ausgegangen war , so eben fand . Darf ich es Ihnen lesen ? Ja , in des Teufels Namen , rief Cloten ; obgleich ich nicht begreife - Sie werden es sofort ; erwiederte der Professor Jäger , rückte sich seine Brille zurecht , schob das Licht etwas näher und las mit halblauter , schnarrender Stimme , während ihm der junge Edelmann über die Achsel auf das Papier sah : Grünwald , den zehnten December 1847 - Sie sehen , das Datum stimmt genau . In ' s Album einer Fliehenden . Du fliehst ! - es leuchten die funkelnden Sterne Bei der sausenden Jagd durch kimmerische Nacht ; Du fliehst ! und ach , es folgte Dir gerne , Die so treu deine heimliche Liebe bewacht ! Doch die eh ' lichen Ketten , die harten , die kalten , Mich fest auf dem Lager , dem freudlosen , halten - Du fliehst - ich bleib in kimmerischer Nacht . Sie sehen diese poetischen Uebertreibungen einer sonst so keuschen , liebevollen Seele , sagte der Professor , der die letzten Verse mit etwas unsicherer Stimme gelesen hatte . Weiter , weiter , rief Cloten . Der Professor fuhr fort : Du fliehst ! es blitzen die schnee ' gen Gefilde , Es donnert der Huf auf der Fläche von Eis , Es schreckt Dich die Nacht nicht , die schaurige , wilde , Es lockt Dich der Liebe unendlicher Preis . Du fliehst ! und mit Recht , was soll denn die Stolze , Die Schöne beim Gatten , der Puppe aus Holze Und Leder ? was soll ihr ein Lager von Eis ? Das geht auf mich ! sagte Cloten vor Wuth mit den Zähnen knirschend . Ohne Zweifel , ohne Zweifel , erwiederte der Professor , aber hören Sie weiter ! Du fliehst ! und drüben am felsigen Strande , Im Häuschen der Amme , so traut und so klein , Da fallen die schweren , die fesselnden Bande , Da nennst Du ihn Dein , da nennt er Dich sein . Da stürzen die feurigen Bäche zusammen , Da lohen zum Himmel die sprühenden Flamen , In der Kammer der Alten , so nieder und klein . Du fliehst ! doch ach ! nicht dort ist der Hafen ; Zu nah ist der Späher ; sein Auge , es wacht ; Wollt Ihr selig den Schlaf der Vergessenheit schlafen , Flieht , bis ein milderer Himmel Euch lacht ! Flieht bis zur » Seine « geweihetem Strome , Wo » Notre-Dame « vom heiligen Dome Mit Mutteraug ' über Liebende wacht . Der Professor faltete das Blatt zusammen , schob es wieder in die Tasche und sagte : Dieses Gedicht machte mich , der ich die Dichtweise meiner Gattin kenne und weiß , daß sie ihre Stoffe gern aus dem Leben nimmt , sehr bestürzt . Wie erschrak ich aber , als ich , von dem Vorrechte des Gatten Gebrauch machend und weiter zwischen den umhergestreuten Papieren kramend , dies Zettelchen fand - hier faßte der Professor in die Westentasche - kennen Sie diese Handschrift , Herr von Cloten ? Es ist die Hand meiner Frau ! rief der junge Edelmann , einen Blick auf das Papier werfend : Es bleibt bei der Verabredung , liebe Primula ! Alles ist bereit . Rendezvous drüben bei der Lemberg . Morgen um diese Zeit liegt eine Welt zwischen uns . Werde ich Sie noch einmal umarmen ? Ich bin bis drei Uhr zu Haus . Gern , sehr gern sähe ich Sie - aber dürfen Sie es wagen , ohne Verdacht auf sich zu lenken ? Ich überlasse es Ihnen . Adieu , adieu , Theuerste ! Noch heute frei ! O , ich kann den Gedanken nicht fassen . Adieu ! tausendmal adieu ! - Himmelhöllenelement ! rief Cloten , das Papier in der Hand zerknitternd und in die Tasche steckend . Jetzt wird mir Alles klar ! wußte ich doch gar nicht , was dies ewige Besuchen der alten Person in Fährdorf zu bedeuten hatte ! Aber ich