Grünwald ? Vorläufig wenigstens . Ich concurrire hier mit einem trefflichen Mann , der jedenfalls ein viel gewiegterer Praktiker ist , wie ich Gelbschnabel , trotzdem aber durch mich in den Schatten gestellt wird , weil ich das Glück gehabt habe , ein paar gute Kuren zu machen , wie sie ' s nennen , und weil die Leute immer nach dem Neuen laufen , auch wenn es nicht das Bessere ist . Zwei Aerzte aber trägt die Gegend nicht , und mein College ist alt und hat eine zahlreiche Familie zu ernähren ; ich bin jung und vorläufig nur verlobt , folglich werde ich ihm den Platz räumen . Das ist sehr edel . So scheint es , aber scheint auch nur . Ich gieße das reine Wasser nur fort , weil ich noch reineres in Aussicht habe . Mein Schwiegervater ist einer der bedeutendsten Aerzte in Grünwald . Die Hälfte seiner Praxis ist mir , wenn er sich zur Ruhe setzt , wozu er sich noch immer , trotz seiner wankenden Gesundheit , nicht entschließen kann , gewiß ; und da meine Braut eine Grünwälderin ist , jedes Fischlein sich aber in seinem Teich am wohlsten fühlt , ich überhaupt die Gesellschaft der Cyklopen und Ichthyophagen , mit denen ich hier verkehren muß , herzlich satt habe , so - sehen Sie , daß mein Edelmuth die Grenzen des Erlaubten noch keineswegs überschreitet . Ist es indiscret , nach dem Namen Ihrer Fräulein Braut zu fragen ? Bewahre : Sophie Robran . Ich hatte während meines Aufenthaltes in Grünwald leider nicht das Vergnügen , mit Fräulein Robran in Gesellschaft zusammenzutreffen . Mein würdiger Freund , der Professor Berger , nannte sie den einzigen Schwan in einer gewaltigen Heerde von Gänsen . Sie waren längere Zeit in Grünwald ? Ich komme eben von dort , nachdem ich ein halbes Jahr in den schattig-stillen Straßen der trefflichen Stadt ein äußerst idyllisches Leben geführt , und unter Berger ' s Auspicien meine Examina absolvirt hatte . Aber - Sie werden jetzt mit größeren Recht über meine Indiscretion klagen - was bestimmte Sie , wenn Sie diese Brücke der Lahmen und Blinden hinter sich haben , der Wirksamkeit in einem größeren Kreise , für die Sie doch offenbar vorzüglich befähigt sind , das Stillleben eines Hauslehrers in einer adeligen Familie vorzuziehen , wo es Ihnen geradezu unmöglich wird , Ihre Kräfte frei zu entfalten ? Was mich dazu bestimmte ? antwortete Oswald , ich weiß es selbst kaum . Einmal wohl der gründliche Abscheu vor dem , was die Menschen mit jenem , für ein planetarisches Gemüth so äußerst bedenklichen Ausdruck : eine feste Anstellung , bezeichnen ; sodann der Einfluß Berger ' s , der mir dringend rieth , mich nicht vor der Zeit zu binden , sondern noch ein paar Jahre in der Welt herumzusinbadesiren , wozu ich jetzt , wenn meinen Zöglingen die Flügel erst noch ein wenig gewachsen sein werden , sogar contractlich verpflichtet bin . Wissen Sie , daß ich fürchte , oder vielmehr hoffe , Sie werden nicht im Stande sein , diesem Rath Ihres wunderlichen Freundes bis zum Ende zu folgen ? Weshalb ? Weil - Sie erlauben , daß ich ganz offen bin - weil Sie sich hier in einer schiefen Stellung befinden , die über kurz oder lang unleidlich für Sie werden muß . Eine solche Stellung ist nur gut für Jemand , der , weil er nicht auf eigenen Füßen stehen kann , gezwungen ist , sich an Andere anzulehnen ; der von Jugend auf gewohnt ist , seinen Willen , seine Meinung dem Willen Anderer unterzuordnen , oder besser noch , der überhaupt gar keinen eigenen Willen und keine eigene Meinung hat . Von dem Allen ist bei Ihnen das Gegentheil der Fall . Sie sind viel zu bedeutend für diese unbedeutenden Menschen . Sie ärgern sich über diese Menschen , und vice versa . Das ist einmal nicht anders , wo so heterogene Elemente eine Verbindung eingehen sollen . Sie halten die Baronin für das , was sie ist , für eine dünkelhafte , adelsstolze , trotz ihrer Belesenheit bornirte , engherzige , geizige Person , die Baronin hält Sie für das , was Sie nicht sind : für einen unendlich in sich verliebten , hochmüthigen Narren . Sie leben in einem Hause , Sie essen an einem Tisch , und haben doch so wenig Berührungspunkte , als ob Sie durch eine Welt getrennt wären ; Sie bleiben bei einander , weil Keiner aus diesem oder jenem Grunde das Wort der Trennung sprechen will , bis ein Augenblick kommt , der den Einen und den Andern gebieterisch zur Entscheidung drängt . Habe ich recht ? Ich kann es nicht in Abrede stellen . Sehen Sie . Und die Sache wird , glaube ich , jetzt noch schlimmer werden . Warum jetzt ? Bis jetzt hatten Sie in diesem Narrenhause nur ein edles Geschöpf , das Sie lieben und bemitleiden konnten : den köstlichen Bruno ; jetzt , wenn Sie zurückkehren , werden Sie noch einen zweiten Clienten , oder vielmehr eine zweite Clientin finden . Ich fürchte , das arme Kind ist , um die erste Rolle einer Familientragödie zu übernehmen , aus der Idylle ihres Hamburger Pensionats hierher nach Grenwitz geschleppt worden . Ich fürchte , es steht eine schwere Gewitterwolke über dem schönen Haupt des unglücklichen Mädchens . Sie werden , wie ich Sie kenne , versuchen wollen , den Schlag abzuwenden , und untröstlich sein , daß Sie es nicht vermögen . Sie blicken mich mit großen Augen fragend an , und ich sehe , daß Sie von den Geheimnissen der Familie , in der Sie schon seit einem Vierteljahr leben , noch so gut wie gar nichts wissen . Die Sache ist die : Anna-Maria lebt in beständiger Furcht vor dem Tode des alten Barons , weil , wenn der Baron stirbt , sie nicht nur einen alten Gemahl , sondern auch die angenehme Aussicht verliert