, - ich fand sie bei meiner Rückkehr von den Ferien als Leiche im Sarg und war untröstlich . Am Abend vor dem Begräbniß , als ich sie noch ein Mal besuchte , schnitt ich ihr eine der breiten Flechten ihres schönen Haares ab , um dieselbe zum Andenken zu bewahren . Es war Mitternacht , als ich ruhelos bei einem Buch in meinem Zimmer , einer ehemaligen Klosterzelle , saß ; hinter mir hing das vorhin beschriebene Bild an der Wand . Zufällig blickte ich vom Buch auf und in den großen Spiegel mir gegenüber . Da sah ich das Portrait sich darin spiegeln , aber - schrecklich ! in veränderter Form : das klar ausgeprägte blasse Leichengesicht , wie ich es eben verlassen , dagegen mit kahlem , aller Haare beraubtem Scheitel ! Ich hatte die Kraft , mich langsam umzuwenden nach dem Bild an der Wand und - dasselbe Todtengesicht ohne den Lockenschmuck starrte mich an . Mein Haar sträubte sich , ich glaubte eine Mahnung der Todten zu sehen , daß ich einen frevelhaften Raub an ihr begangen ; denn selbst ihrem Geliebten hatte sie stets die Gabe ihrer Haare verweigert , aus die sie auffallend hielt . Ohne das Auge von der schrecklichen Erscheinung abwenden zu können , taumelte ich rückwärts zur Thür meines Zimmers und öffnete sie ; - drüben über dem Gang hörte ich das Mädchen noch handthieren und rief dasselbe . Sie kam mit Licht , - ich bat sie , noch ein Mal mit mir zur Leiche zu gehen und - legte still die Flechte wieder in den Sarg , wohin sie gehörte . - Sie sehen , « sagte der Doctor nach einer kleinen Pause , » wohin die aufgeregte Phantasie führen kann . « Der Baron war während der Erzählung aufgestanden und nach dem Eingang des Gartens zu gegangen , wo er mit einem eben Eingetretenen eifrig sprach , der die Kleidung eines jüdischen Handelsmannes trug . Paduani hatte aufmerksam zugehört , doch schien ihn die Erzählung nicht zu befriedigen . » Und die andere , Doctor , die andere ? « » Der zweite Fall , ich muß es gestehen , ist mir selbst unerklärlicherer Natur und beweist mir allen Zweifeln gegenüber die Gabe des zweiten Gesichts bei gewissen Personen . Während meiner Studienzeit besuchte ich von Berlin aus Verwandte in Stendal , einer Stadt in der Nähe von Magdeburg . Eines Abends waren wir in Gesellschaft und man erwähnte einer Dame , die erwartet wurde , und die ich noch nie gesehen , da sie sich fast von allem Umgang zurückgezogen hatte und nur einer nicht auszuschlagenden Einladung diesmal gefolgt war . Es schien mit ihrer Person ein gewisses Geheimniß verknüpft , obschon Niemand recht mit der Sprache heraus wollte , die Meisten aber die Sache verspotteten . Endlich erschien die Dame , eine Frau , bereits im mittleren Alter , wahrscheinlich noch heute lebend , von blassem seinem Aussehen , ohne alles Auffallende , und die Gesellschaft nahm ihren gewöhnlichen Gang . Plötzlich , mein Auge war grade auf sie gerichtet , sah ich die Fremde unruhig und ängstlich werden . Sie versuchte offenbar dies Gefühl mit Gewalt zu unterdrücken , doch schien es ihr nicht möglich , denn sie entfernte sich bald darauf in ein Nebenzimmer und ließ von hier aus um Hut und Mantel bitten . Ich war grade in dem Zimmer anwesend , als Wirth und Wirthin in die Dame , eine Verwandte von ihnen , drangen , zu bleiben , oder ihnen wenigstens den Grund ihres raschen Weggehens zu sagen . Lange weigerte sie sich , endlich sagte sie zitternd und höchst aufgeregt : Sie kennen das unglückliche Geschenk , mit dem mich leider die Vorsehung ausgezeichnet und das mir schon so vielen Kummer und so viele Unannehmlichkeiten bereitet hat , daß ich mich lieber aus allen Kreisen zurückgezogen habe . Während ich vorhin unter den Fröhlichen saß , überfiel mich wieder diese schreckliche Gabe des doppelten Gesichts und ich sah ein Mitglied der Gesellschaft als Leiche vor mir auf dem Tische liegen ! - Der Wirth des Hauses , etwas ungläubiger Natur und auch erst seit Kurzem im Ort , suchte ihr die Grille auszureden und lachte gradezu , als die Dame ihm auf sein Drängen endlich einen Herrn , einen lebenskräftigen kerngesunden Hagestolzen von einigen vierzig Jahren als denjenigen bezeichnete , den sie als Leiche gesehen . Die Dame aber war nicht zu bewegen , wieder zur Gesellschaft zurückzukehren und ich bat daher um die Erlaubniß , sie nach Hause führen zu dürfen . Unterwegs suchte ich sie mit gleichgültigen Gesprächen zu zerstreuen , doch blieb sie still und traurig , und nahm an der Hausthür mit Thränen von mir Abschied . Sie werden leider erfahren , mein Herr , sagte sie , daß ich mich nie täusche . Die traurige Erfahrung hat mich ' s schon zu oft gelehrt . - Als ich in die Gesellschaft zurückkehrte , fand ich , daß der Wirth nicht still geschwiegen , sondern von der Prophezeihung gesprochen hatte , und daß man sich allgemein bemühte , darüber zu lachen . Vor Allem war das bezeichnete Opfer der Ungläubigste und Heiterste . Man spielte ein Pfänderspiel und wirklich war bald in der allgemeinen Lust der unangenehme Auftritt vergessen . Da - nach ungefähr zwei Stunden , während ich eben wieder im Nebenzimmer plauderte , hörte ich plötzlich lauten Hilferuf , Gekreisch und Geschrei . Alles stürzte herbei - der Herr , den die Seherin bezeichnet , hatte frisch und gesund noch einen Augenblick vorher auf seinem Stuhl gesessen und sich nach der Gewohnheit Vieler dabei auf den Rückbeinen desselben hin- und hergewiegt , als er plötzlich das Gleichgewicht verlor und mit dem Stuhl hinten überschlug . Man legte eben in der ersten Angst den Körper auf den nämlichen Tisch , den die Dame bezeichnet : - er hatte im Zimmer den Hals gebrochen und war eine Leiche , ehe man ihn aufhob . «