zu spät für die frühe Stunde , in welcher er Befehl gegeben hatte , ihn am nächsten Morgen zu wecken . Zehntes Capitel Heimwärts Nach einem ereignißreichen Tage , an welchem sich vielfache Fäden für zukünftige Erlebnisse angesponnen haben , spornt bei tüchtigen Naturen das Erwachen nur zum Muth und zur Entschlossenheit . Alles Das , worauf man in der Frühe sich vom Abend her mit Staunen besinnt und was einmal nun nicht mehr zu ändern ist , tritt jetzt in Form einer Pflicht und einer gewissenhaft durchzuführenden Aufgabe vor die Seele zurück und weit entfernt , zu klagen und sich in Betrachtungen zu verlieren , wie das Alles hätte möglich sein können , rührt ein entschlossener Geist die ihm zugebotestehenden irdischen Hände , kämpft sich durch die Schreckbilder eitler Erwägungen hindurch und beginnt oft von einem solchen schwierigen und aufgabenreichen Tage den Abschnitt eines neuen Lebens . Dankmar , ein freier Naturmensch , war noch keineswegs ein fertiger abgeschlossener Charakter . Er fühlte zu oft noch , daß immer wieder neue Erfahrungen an seinen Gesichtspunkten rüttelten , neue Bekanntschaften , neue Thatsachen ihn ganz aus seinem gewohnten Gleichgewichte werfen konnten . Aber bis zu der Einwurzelung hatte er es denn doch schon gebracht , daß er nicht mehr von jedem Eindrucke , der ihm unvorbereitet kam , sogleich willenlos hin und her geschleudert wurde . Während Siegbert mehr ein Gemüths- und Phantasieleben führte , hatte Dankmar die thatkräftige und verständige Richtung seines Innern vorzugsweise schon entwickelt und sich in ziemlich sichern Grundzügen seine etwanige künftige Laufbahn entworfen . Er liebte das Recht , dessen Studium und Praxis er sich zur Lebensaufgabe gewählt hatte , er liebte es auch an und für sich selbst . Er hatte schon als Kind einen leidenschaftlichen Trieb zur Gerechtigkeit und konnte Denen , die seinen für Das , was ihm wahr schien , aufflammenden Eifer misverstanden , heftig , ja gewaltthätig erscheinen . Er scheute schon als Knabe keine Gefahr , wo ihn das Bewußtsein einer richtigen Handlungsweise , einer Ausgleichung fremder Unbill begeisterte . So war er auf der Universität nicht nur oft in Zweikämpfe verwickelt , die er ohne Tollkühnheit mit besonnenem Muthe bestand , sondern noch weit öfter Zeuge und Vermittler fremder Ehrenhändel und nicht selten Schiedsrichter in Streitfragen , wo er den Ausbruch einer übereilten Berufung an die Waffen hintertrieb . Sein männliches Wesen gewann ihm alle Herzen . Bei jedem Anlaß , wo verschiedene Ansichten sozusagen grell aufeinander platzten , wählte man ihn zum Vorsitzer der Debatte . Er hatte überall die angenehme Genugthuung , daß sich ihm die tüchtigsten Menschen unterordneten , worüber er nicht um seinetwillen , sondern um der Sache selbst willen Freude empfand . Bunten Seifenblasen lief er nicht nach . Er ließ das süße Geschäft des Träumens seinem weichern Bruder . Dennoch verwarf darum Dankmar Siegbert ' s Richtung noch nicht . Er hielt hier eine männliche Befruchtung , dort eine weibliche Empfangnahme in allen Geistern für nothwendig ; denn die Geister , sagte er , haben kein Geschlecht . Für sich selbst aber behielt er Das als Richtschnur , was seinem Wesen entsprach . Er scherzte oft tändelnd ohne gedankenlos zu werden , er spottete ohne zu verwunden . Im Übrigen hielt er sich in seinem gewohnten Ernste , den er gefällig , leicht , ohne Kopfhängerei zur Schau trug . Unterstützt von einer sehr edlen Gestalt , die sichtbar die Kraft und Fülle einer unverdorbenen Jugend ansichtrug , hätte er in der Welt großes Glück machen müssen , wenn ihn nicht die spärlich zugemessenen Mittel beengt und von einer freien Bewegung in größeren Kreisen entfernt gehalten hätten . Wie oft rief er nicht mit dem Dichter : Ich bin ein Fisch auf dürrem Sand ! Seine einzige Schwäche war vielleicht die , daß er auf eine plötzliche Erhebung durch irgend eine hohe Flut hoffte .... In diesem Sinne war er romantischer und abergläubischer als Siegbert . In diesem Sinne glaubte er an Wunder . Ob diese hohe Flut nun in einer Zeitbewegung oder einem günstigen Zufalle , in der Liebe oder wol gar in einem persönlichen Unglück bestehen würde , war ihm fast gleich . Genug er glaubte an die Nothwendigkeit , daß an jeden Menschen einmal vom Schicksal irgend ein Hebel gesetzt wird , der ihn aus der Gewöhnlichkeit und dem träge sich fortspinnenden Genuß eigener Hände- und Geistesarbeit herausschleudern müsse . Die Das bestreiten , sagte er einmal zu Siegbert , der bei all seiner Romantik in gewissen Dingen » praktisch « , ja nüchtern sein konnte ; die Das bestreiten , Bruder , haben wahrscheinlich nicht den Muth gehabt , den ihnen vom Schicksal dargebotenen Finger , das zugeworfene Ankertau kühn zu ergreifen ! Wer da zögert und fürchtet , man könnte vielleicht mitten in den Wolken von der Hand der Himmlischen plötzlich losgelassen werden oder das Tau könnte reißen , Der versäumt sein besseres Erdenloos durch eigene Schuld . In spätern Jahren , wenn man wie eine Schnecke zu seinem solid erfaßten Ziele fortgekrochen ist und vielleicht irgend ein Häuschen zur Unterkunft gegen Regen und Ungemach gefunden hat , später entsinnt man sich dann sehr wohl , daß man einst an einem Seitenwege gestanden hat , wo uns ein unerklärliches Etwas in der Brust zurief : Lenke hier ja ein ! Man steht vielleicht nicht sehr hoch und übersieht nun doch , daß jener Weg zur eigentlichen Hauptstraße führte und daß Viele , die ihn wandelten , es weiter brachten als wir . Eine einzige unterlassene Bekanntschaft kann sich so empfindlich rächen ! Ein einziges Wort von einem edlen , einflußreichen Menschen , nicht aufgegriffen und befolgt , war so für immer verloren . Ja ein Besuch , den man den Muth hätte haben sollen , einem freundlichen Gelehrten oder Staatsmanne oder einer schönen Frau zu machen , die in einer Gesellschaft , wenn auch nur drei holde , ermunternde Worte zu uns sprach , konnte für uns Vortheile , Lebensplane , Lebensrichtungen zeitigen , die sich blöde