erwiederte Dübois , daß sie beim ersten Anblicke des jungen Mannes eine schwache Hoffnung hatte , aber da ja seine Mutter lebt , so mußte sie bald das Nichtige derselben erkennen . So sind die vornehmen Leute , grollte seine Freundin . Daß man ein Kind stehlen kann , ist ihr gewiß noch gar nicht eingefallen . Nun ich betrachte es als eine Fügung Gottes , daß ich hieher habe kommen müssen , und ich werde mir die Frau Mutter des Herrn St. Juliens etwas genauer betrachten , ehe der hinweg geht , den ich für unsern kleinen Herrn halte . Der Haushofmeister fing selbst an nach so bestimmten Aussprüchen seiner Freundin Hoffnungen zu nähren und ermahnte nur die lebhafte Frau zur Behutsamkeit und Vorsicht , und Beide beschlossen , weder dem Grafen noch seiner Gemahlin das Geringste von ihren Vermuthungen vor der Ankunft der Mutter des jungen Mannes mitzutheilen , und dann ihr Betragen nach den Umständen einzurichten . Während dieser verschiedenen Unterredungen war der Prediger mit dem Arzte in dessen Zimmer , wo Beide , während sie eifrig Tabak rauchten , sich darin vereinigten , das Betragen des alten Lorenz und seines Sohnes zu tadeln , der Prediger aber dennoch dem Arzte rieth , sich klüger und mit mehr Mäßigung als bisher gegen Beide zu benehmen . Der Doktor Lindbrecht wollte außer sich gerathen , daß ein Geistlicher ihn , wie er es nannte , zur Falschheit ermahnen wollte , da er mit seiner Feuerseele keinen Schurken sehen könne , ohne ihm seine Verachtung zu zeigen , und keinen Verläumder , ohne ihn mit männlicher Kühnheit zu widerlegen . Der Pfarrer bewies mehr Geduld als gewöhnlich gegen den Arzt , um ihm überzeugend zu beweisen , daß dieses thörichte Angreifen des jungen Lorenz nicht allein für ihn selbst unangenehme Folgen haben würde , sondern auch leicht dem Grafen nachtheilig werden könne , so lange die Franzosen noch ihre Besatzung im Lande hätten und noch immer gewissermaßen die Herren spielten . Sie hörten ja selbst , schloß er , daß der elende Mensch , der junge Lorenz , sich wie mit einer ehrenvollen Sache damit brüstete , daß er im Dienste eines französischen Generals sei . Bedenken Sie , was daraus alles entstehen kann , wenn Sie in so offenbarer Feindschaft mit ihm leben , daß Sie ihn angreifen , wo Sie ihn treffen . Der Arzt sah endlich die Nothwendigkeit ein , die Glut seiner Seele zu beherrschen , wie er sagte , und er hatte bald Gelegenheit , eine Probe seiner Mäßigung und Klugheit abzulegen . Als der Geistliche seinen widerstrebenden Freund endlich mit Mühe auf die Bahn der Klugheit geleitet hatte , begaben sich Beide nach dem Gesellschaftssaale , wo sie den Grafen und den Obristen schon fanden , noch in erste Gespräche vertieft , die den Obristen , so schien es , lebhaft angeregt hatten , denn er betrachtete mit Rührung sein schönes Kind , als Emilie mit ihrer Freundin Therese fast zu gleicher Zeit den Saal betrat , begleitet von Marie und den Töchtern des Predigers , die sämmtlich etwas erhitzt nach ihren lebhaften Spielen eintraten . Da die jungen Männer sich ebenfalls mit der Gesellschaft vereinigten und kurz darauf auch die Gräfin erschien , so konnte die Musik beginnen , worauf sich heute St. Julien besonders freute , da er ein zärtliches Duett mit Emilie vorzutragen hatte , welches auch glänzend gelang , weil die eigene Empfindung sich den Tönen vertraute und Beide ihr unschuldiges Geheimniß , welches sie sich selbst noch nicht gestanden hatten , in fremde Worte gehüllt , schwebend auf himmlischen Tönen , öffentlich bekannten . Es gibt wohl wenige Menschen , auf die Musik gar keinen Eindruck macht ; auch war nicht Einer in der Gesellschaft , der sie nicht auf seine Weise empfand , aber doch war Niemand so davon ergriffen , als die Verwandte des Arztes . Die Wangen des jungen Mädchens glühten und die großen blauen Augen strebten vergeblich die Thränen zurück zu halten , die zu ihrer Angst und Qual wie Thautropfen auf Rosen glänzten . Emilie näherte sich ihr nach beendigtem Gesange mitleidig , denn alle Schüchternheit , die sie im Garten bei lebhaften Spielen verloren hatte , war zurückgekehrt in der ernsthaften vornehmen Gesellschaft . Macht Musik einen so traurigen Eindruck auf Sie , fragte Emilie das junge Mädchen leise , daß Sie Ihre Thränen nicht zurückhalten können ? O ! flüsterte Marie lebhaft und leise , ich habe niemals andern Gesang gehört , als in der Kirche und zuweilen von Studenten auf der Straße , weil die Mutter mich nirgends hingehen ließ . In der Kirche habe ich auch so mitgesungen , wie alle Andern , aber lieber Gott , was ist das für ein Unterschied ! Wie Sie hier sangen , war mir zu Muthe , als ob der Himmel geöffnet wäre und die Engel von oben herunter sängen . Ja gewiß , ich habe es schon heute bemerkt , hier sind alle Herrlichkeiten vereinigt in diesem Schlosse und Garten , und die Menschen darin leben , wie die Seligen im Paradiese ; durch diese Mauern dringt keine Noth , und was Jammer und Schmerzen bedeuten , wissen Sie nicht . Emilie lächelte still . Sie dachte an die jammernden Gebete , die hier zum Himmel aufgestiegen waren , an die in diesen Sälen verhallten Seufzer , an die zahllosen Thränen , die beinah alle Bewohner schon vergossen hatten , und entfernte sich von Marie , um nicht durch deren kindliches Gerede sich selbst zur Wehmuth stimmen zu lassen . Die Stimmung der Gesellschaft veränderte sich , als ein Bote , den der Graf nach der nächsten Stadt geschickt hatte , zurückkehrte und unter mehreren Briefen auch ein Schreiben an den Grafen mitbrachte , worin ihm aufgetragen wurde , den französischen Kapitain St. Julien ungesäumt vor den Kommandanten der Festung * * * zu stellen , die Bescheinigung , daß solches geschehen sei , der Behörde einzuliefern und zugleich anzugeben ,