Stoß erschien er in einem roten Sammetmantel , den ihm zwei Kammerherren abnahmen , er ging langsam mit etwas gebeugtem Haupt . Ich war ihm ganz nah und dachte an nichts , daß ich auf dem unrechten Platz wäre , seine Gesundheit wurde von allen anwesenden großen Herren getrunken , und die Trompeten schmetterten drein , da jauchzte ich laut mit , der Kaiser sah mich an , er nahm den Becher , um Bescheid zu tun und nickte mir , ja , da kam mir ' s vor , als hätte er den Becher mir bringen wollen , und ich muß noch heute daran glauben , es würde mir zuviel kosten , wenn ich diesen Gedanken , dem ich so viel Glückstränen geweint habe , aufgeben müßte , warum sollte er auch nicht , er mußte ja wohl die große Begeistrung in meinen Augen lesen ; damals im Saal bei dem Geschmetter der Pauken und Trompeten , die den Trunk , womit er den Fürsten Bescheid tat , begleiteten , ward ich ganz elend und betäubt , so sehr nahm ich mir diese eingebildete Ehre zu Herzen , meine Schwester hatte Mühe , mich hinauszubringen an die frische Luft , sie schmälte mit mir , daß sie wegen meiner des Vergnügens verlustig war , den Kaiser speisen zu sehen , sie wollte auch , nachdem ich am Röhrbrunnen Wasser getrunken , versuchen , wieder hineinzukommen , aber eine geheime Stimme sagte mir , daß ich an dem , was mir heute beschert geworden , mir solle genügen lassen , und ging nicht wieder mit ; nein , ich suchte meine einsame Schlafkammer auf und setzte mich auf den Stuhl am Bett und weinte dem Kaiser schmerzlich süße Tränen der heißesten Liebe , am andern Tag reiste er ab , ich lag früh morgens um vier Uhr in meinem Bett , der Tag fing eben an zu grauen , es war am 17. April , da hörte ich fünf Posthörner blasen , das war er , ich sprang aus dem Bett , vor übergroßer Eile fiel ich in die Mitte der Stube und tat mir weh , ich achtete es nicht und sprang ans Fenster , in dem Augenblick fuhr der Kaiser vorbei , er sah schon nach meinem Fenster , noch eh ich es aufgerissen hatte , er warf mir Kußhände zu und winkte mir mit dem Schnupftuch , bis er die Gasse hinaus war . Von der Zeit an habe ich kein Posthorn blasen hören , ohne dieses Abschieds zu gedenken , und bis auf den heutigen Tag , wo ich den Lebensstrom seiner ganzen Länge nach durchschifft habe und eben im Begriff bin , zu landen , greift mich sein weitschallender Ton noch schmerzlich an , und wo so vieles , worauf die Menschen Wert legen , rund um mich versunken ist , ohne daß ich Kummer darum habe . Soll man da nicht wunderliche Glossen machen , wenn man erleben muß , daß eine Leidenschaft , die gleich im Entstehen eine Chimäre war , alles Wirkliche überdauert und sich in einem Herzen behauptet , dem längst solche Ansprüche als Narrheit verpönt sind ? Ich hab auch nie Lust gehabt , davon zu sprechen , es ist heute das erstemal . Bei dem Fall , den ich damals vor übergroßer Eile tat , hatte ich mir das Knie verwundet , an einem großen Brettnagel , der etwas hoch aus den Dielen hervorstand , hatte ich mir eine tiefe Wunde über dem rechten Knie geschlagen , der scharfgeschlagne Kopf des Nagels bildete die Narbe als einen sehr feinen regelmäßigen Stern , den ich oft darauf ansah während den vier Wochen , in denen bald darauf der Tod des Kaisers mit allen Glocken jeden Nachmittag eine ganze Stunde eingeläutet wurde , ach , was hab ich da für schmerzliche Stunden gehabt , wenn der Dom anfing zu läuten mit der großen Glocke , es kamen erst so einzelne mächtige Schläge , als wanke er trostlos hin und her , nach und nach klang das Geläut der kleinen Glocken und der ferneren Kirchen mit , es war , als ob alle über den Trauerfall seufzten und weinten ; und die Luft war so schauerlich , es war gleich bei Sonnenuntergang , da hörte es wieder auf zu läuten , eine Glocke nach der andern schwieg , bis der Dom , so wie er angefangen hatte zu klagen , auch die allerletzten Töne in die Nachtdämmerung seufzte ; damals war die Narbe über meinem Knie noch ganz frisch , ich betrachtete sie jeden Tag und erinnerte mich dabei an alles . « Deine Mutter zeigte mir ihr Knie , über dem das Mal in Form eines sehr deutlichen regelmäßigen Sternes ausgebildet war , sie reichte mir die Hand zum Abschied und sagte mir noch in der Tür , sie habe niemals hiervon mit jemand gesprochen als nur mit mir ; wie ich kaum im Rheingau war , schrieb ich mir aus der Erinnerung so viel wie möglich mit ihren eignen Worten alles auf , denn ich dachte gleich , daß Dich dies gewiß einmal interessieren müsse , nun hat aber der Mutter Tod dieser kindlichen Liebesgeschichte , von der ich mir denken kann , daß sie kein edles männliches Herz , viel weniger den Kaiser würde haben ungerührt gelassen , eine herrliche Krone aufgesetzt und sie zu etwas vollendet Schönem gestempelt . - Im September wurde mir ins Rheingau geschrieben , die Mutter sei nicht wohl , ich beeilte meine Rückkehr , mein erster Gang war zu ihr , der Arzt war grade bei ihr , sie sah sehr ernst aus , als er weg war , reichte sie mir lächelnd das Rezept hin und sagte : » Da lese , welche Vorbedeutung mag das haben , ein Umschlag von Wein , Myrrhen , Öl und Lorbeerblättern , um mein Knie zu stärken , das mich seit diesem Sommer anfing zu schmerzen , und endlich hat sich Wasser unter der Narbe