ihm ; sie war seiner Gegenwart so gewohnt worden , daß sie kaum wußte , wie sie es anfangen solle , um sich von ihm loszureißen . Der schönste Schmuck ihres jetzigen Lebens ging ihr mit ihm verloren , das konnte sie sich nicht verhehlen , und gestand es auch ihm , offen und wahr . Ihr Mitgefühl milderte die Wildheit seines Schmerzes und machte ihn fähig , Bitten und Gründen seine Aufmerksamkeit zu schenken . Mit der größten Zartheit lenkte Gabriele auch seine Blicke auf ihre eigne häusliche Lage , die er nur zu genau kannte , auf die Gefahr , in welche er in unbedachten Augenblicken sie stürzen könnte , dieses Schattenbild von häuslicher Ruhe zu verlieren , das sie bisher mühsam erkämpft , mit unzähligen Opfern sich erhalten hatte . Selbst auf das Urtheil der Welt , das man ehren muß , ohne es achten zu können , machte sie in leisen Andeutungen ihn aufmerksam . Hippolit war es gewohnt , sie beinahe ohne Worte zu verstehen . Er konnte sich die Wahrheit dessen nicht verhehlen , was sie ihn mehr errathen ließ , als daß sie es ausgesprochen hätte , und der Gedanke , ihrer Ruhe dieß große Opfer zu bringen , ermuthigte ihn . Ihre bittenden Blicke besiegten ihn mehr als ihre Gründe ; der gebietenden Herrin hätte er vielleicht noch lange Widerstand geleistet , der mit ihm fühlenden Freundin mußte er nachgeben . Und so gelangte er denn endlich zu dem Entschlusse , zuerst in Ungarn Freunde und Verwandte zu besuchen , seine Güter zu bereisen und dann nach Italien zu gehen . In Jahresfrist sollte er selbst entscheiden , ob er dann siegreich genug aus dem schweren Kampfe mit seinem Herzen hervorgegangen sey , um zu verdienen , wieder in Gabrielens Nähe zu leben . » Was ich mir und meinem fernen Freunde versagen mußte , darf ich Ihnen erlauben , « sprach sie zu ihm . » Ich bitte Sie sogar , mir wöchentlich zu schreiben . Ich will an allem theilnehmen , was Ihnen begegnet , und auch Sie sollen von mir zuweilen Kunde erhalten , obgleich ich nicht versprechen kann , jeden Ihrer Briefe regelmäßig zu beantworten . Der Reisende hat immer leichter schreiben als der , welcher zu Hause bleibt , doch will ich gern freundlich und rathend Ihnen auch aus der Ferne die Hand reichen . Uebrigens vertraue ich Ihrem eignen Gefühle , ich bin gewiß , Sie werden nur schreiben was ich lesen darf ; Sie werden nie mich zwingen , einen Ihrer Briefe ganz unbeantwortet zu lassen , oder wohl gar alle zuletzt uneröffnet zurücksenden zu müssen . Hippolit wird so das Gemüth der Frau nicht verwunden , die ihn so gern und freudig ihren Edelknaben nannte , « setzte Gabriele , lächelnd unter Thränen , hinzu , indem sie ihm freundlich die Hand reichte , um so den vielleicht zu streng erscheinenden Ernst zu mildern , mit welchem sie diesen Ausspruch that . Hippolits endlicher Abschied von der hochgeliebten Frau duldet keine Beschreibung . Schon in der nächsten Stunde saß er auf seinem prächtigen , stolzen Araber , denn er wollte , nach seinen eignen und Gabrielens Wünschen , die noch am nehmlichen Abend von der Rothenburg zurückkehrende Gesellschaft vermeiden . Als er über den Schloßhof sprengte , sah er noch einmal zu Gabrielens Fenster auf ; sie stand da und winkte ihm das letzte Lebewohl zu . Sein Herz zuckte , als wolle es brechen , da er sie erblickte . Er vermochte es nicht , ihren Gruß zu erwidern , sondern spornte sein edles Roß so , daß es hoch auf sich bäumte und dann , wie vom Sturmwind getrieben , mit ihm zum Schloßthor hinaus den steilen Felsweg hinunterflog . Die ihm am Thore nachsehenden Bedienten schrien alle vor Schrecken darüber laut auf ; Gabriele lauschte bebend am Fenster , bis die Ruhe , mit welcher sie Alle sich dem Schlosse zuwenden sah , sie überzeugte , daß jede Gefahr vorüber sey und kein Unfall ihren jungen Freund betroffen habe . Dann wandte sie sich langsam vom Fenster ab , in stille Trauer und in wehmüthigem Andenken versunken . Sowohl Gabriele als Hippolit waren gleich bei der Ankunft auf der Rothenburg von der Gesellschaft vermißt worden , und obgleich Herr von Aarheim seine Gemahlin durch die ihr plötzlich zugestoßne Unpäßlichkeit sehr umständlich zu entschuldigen suchte , so fehlte es dennoch nicht an mannigfaltigen Muthmaßungen über den sonderbaren Zufall , der zugleich auch Hippolits Abwesenheit veranlaßt habe . Eugenia , mehr vielleicht aus Gewohnheit als aus böser Absicht , trug redlich dazu bei , die Aufmerksamkeit der Gesellschaft so lange als möglich mit diesem Problem zu beschäftigen ; Moritz selbst ward zuletzt dadurch angeregt , doch da niemand in seinem Beiseyn ganz verständlich sich auszudrücken wagte , so begriff er nicht recht , mas man eigentlich meinen mochte , und die ganze Geschichte machte keinen großen Eindruck auf ihn . Anders wurde es als er , wenig Stunden nach Hippolits Abreise , wieder zu Hause angelangt war . Hier vernahm er , daß sein junger Freund , durch dringende Ursachen bestimmt , plötzlich nach Ungarn gereist sey , ohne sich vorher bei ihm zu beurlauben . Das halbverstandne Geflüster und Gezische auf der Rothenburg kam ihm wieder in den Sinn , und brachte ihn jetzt auf den albernen Gedanken , seine Gemahlin könne aus wunderlicher Eifersucht den Augenblick benutzt haben , um den einzigen Menschen , dessen Gesellschaft ihn ergötzte , von ihm zu entfernen . So lächerlich diese Vermuthung auch war , so ermangelte er doch nicht , Gabrielen deshalb anzuklagen , und ihr dadurch manche böse Stunde zu machen . Der Verlust Hippolits und die Verpflichtung , die Fräulein Schöneck wieder in die Arme ihrer Mutter zu geleiten , mußten ihm jetzt zum Vorwande dienen , die Rückreise nach der Residenz zu beschleunigen . Ida und Bella gingen mit eben der fröhlichen Erwartung dem Geräusch der Stadt entgegen , mit der