oder vielmehr in die nämliche Welt , die den gemeinen Vorstellungen vom Hades zum Urbild gedient hat ; in eine Welt , wo alles sich dem Auge ganz anders darstellt , als wir es bei Tage sehen ; wo wir Mühe haben in den zweifelhaften farbenlosen Gestalten , die ein mattes oft unterbrochnes Schattenlicht bald erscheinen bald wieder verschwinden läßt , die gewohntesten Gegenstände wieder zu erkennen ; wo es ohne Hülfe des Gefühls fast immer unmöglich ist , Schatten und Körper nicht zu verwechseln ; kurz , in eine von der Sonnenwelt so verschiedene Zauberwelt , daß der Einbildungskraft bei der geringsten Veranlassung nichts leichter ist , als Gegenstände des Homerischen Schattenreichs dem , was wir wirklich sehen , unterzuschieben . In dieser Lage stellt sich dir auf einmal die Gestalt einer Person dar , für welche du seit mehrern Jahren eine besondere Anmuthung fühlst , und mit welcher du dich unmittelbar zuvor in Gedanken unterhalten hattest ; eine Person , die , deiner gegründeten Meinung nach , jetzt zu Milet seyn muß , und die du dir in diesem Augenblick so wenig in Rhodus , als dich selbst in Milet , denken kannst . Was ist da natürlicher , als daß du , bei dieser Disposition deiner Sinne und - deiner Einbildung , nicht - was du in diesem Momente für unmöglich hältst - diese Person selbst im Leben , sondern die bloße wesenlose Gestalt der nicht mehr Lebenden zu sehen wähntest ? Denn , wie viel auch die Philosophie gegen dergleichen Erscheinungen einzuwenden hat , ihre Unmöglichkeit kann sie nicht beweisen ; und wenn gleich deine Vernunft die Gespenstergeschichten , die du von Kindheit auf erzählen hörtest , aus ihrem eigenen Kreise verwiesen hat , aus deiner Seele konnte sie dieselben nicht hinausbannen ; sie zogen sich in die nächtlichste Region deiner Phantasie zurück , und es brauchte nichts als das Zeugniß deiner Augen , die dir die Gestalt einer weit entfernt geglaubten Person unmittelbar darstellten , um nicht nur deine Phantasie plötzlich ins Spiel zu setzen , sondern deine Vernunft selbst zu einem Trugschluß zu verleiten , dessen Täuschung sie keine Zeit hatte wahrzunehmen . Du wirst sagen : eben darum , weil ich die Gestalt der Lais auf mich zugehen sah , hätte ich sogleich gewiß seyn sollen , daß sie es selbst sey : denn es war doch unendlichmal wahrscheinlicher , daß sie ihren Reiseplan geändert , und anstatt nach Milet zu gehen , den Weg nach Rhodus genommen , meine Wohnung ausgekundschaftet , und sich vielleicht ein Vergnügen daraus gemacht habe , mich unversehens zu überraschen . Ich antworte : alles dieß war vernünftiger Weise nichts weniger als wahrscheinlich ; wenn du es aber auch bei ruhiger Ueberlegung wahrscheinlicher hättest finden müssen , als die Erscheinung eines Geistes , so bedenke , daß die Phantasie in einem solchen Augenblick ihr Gaukelspiel viel zu behende macht , als daß sie dir Zeit zu Abwägung der Wahrscheinlichkeiten gelassen hätte . Das Zeugniß der Augen , das Vorurtheil , was du sahst könne nicht Lais selbst seyn , und die Einbildung es müsse also ihr Geist seyn , wirkten so unendlich schnell zusammen , daß alle drei in eine einzige sinnliche Vorstellung , deren du dir klar bewußt warst , zerflossen ; und , wie gesagt , eben dasselbe wäre jedem andern an deiner Stelle begegnet . Ich wenigstens stehe dir nicht dafür , daß mir selbst , ungeachtet ich durch dein Beispiel gewarnt bin , mit Musarion oder dir nicht eben dasselbe begegnen könnte , wenn ich euch zu einer Zeit , da ich euch weit von mir entfernt wüßte , unter ähnlichen Umständen , plötzlich auf mich zuschleichen sähe . Denn freilich gehört auch der langsame gespenstmäßige Gang und das weißgraue Gewand so gut zur Sache als Einsamkeit , Mondschein und nächtliche Stille . Um dir meine Behauptung noch einleuchtender zu machen , frage ich dich : wenn du die schöne Lais nicht umarmt , nicht mit ihr gesprochen , und dich also nicht durch Gefühl und Ohr von ihrer Körperlichkeit hättest überzeugen können ; - wenn zum Beispiel ( was wenigstens an einem andern dazu geschickten Orte durch künstliche Veranstaltungen hätte bewirkt werden können ) , wenn , einen Augenblick zuvor ehe du ihr in die Arme fielst , plötzlich eine Flamme zwischen dir und ihr aufgefahren , und ein dichter Rauch , unter einem vermeinten Donnerschlag , ihre Gestalt deinen Augen plötzlich entzogen hätte , - würdest du ( vorausgesetzt daß dieß alles täuschend genug ausgeführt und der Betrug dir nicht von Lais selbst entdeckt worden wäre ) nicht vielleicht noch jetzt deinen Sinnen mehr glauben als deiner Philosophie , und alles für eine Erscheinung aus der Geisterwelt zu halten geneigt seyn ? Wenigstens bin ich versichert , daß unter zehntausend , denen ein solches Abenteuer begegnete , nicht Einer wäre , der es für etwas anders nähme . Ich kenne sehr verständige Leute , die , wenn von solchen Wunderdingen die Rede war , gegen alles , was von Andern erzählt wurde , die erheblichsten Einwendungen zu machen hatten , aber immer damit aufhörten , mit der größten Ueberzeugung von der historischen Wahrheit der Sache , irgend eine Gespenster- oder Zaubergeschichte zu erzählen , von welcher sie sich selbst als Augenzeugen aufstellten . Noch einmal also , ich sehe nicht was für Ursache du hättest es dich verdrießen zu lassen , daß du der schönen Lais nicht durch unzeitige Besonnenheit einen Spaß verderbt hast , um dessentwillen sie sich eine Reise von dreizehnhundert Stadien zu Land und zu Wasser nicht verdrießen ließ . Ich kann mir zwar wohl einen Menschen denken , der auf dem Wege des philosophischen Todes , den uns Plato in seinem Phädon empfiehlt - dadurch , daß er den Sinnen , der Phantasie und allen Trieben und Leidenschaften der menschlichen Natur schon bei lebendigem Leibe abgestorben ist - sich in die Unmöglichkeit gesetzt hat , von ihnen getäuscht zu werden : aber ich weiß daß ich dieser