eine schlichte Frau Ehrhardt werden könne , ohne daß die Welt darüber aus den Fugen ging . Das Resultat dieser schlaflosen Nächte war eine geheime Mission , die er in die Hände der Frau mit der feinen Zunge und den klugen , scharfen Augen vertrauensvoll niederlegte . Die Gräfin Schliersen machte eines Tages der Braut einen Besuch im Pfarrhause und ließ den anwesenden Bräutigam mit ausgesuchter diplomatischer Feinheit merken , daß der Fürst » den ersten Industriellen « seines Landes durch das Adelsdiplom auszuzeichnen gedenke ... Mit derselben ausgesuchten Feinheit vergoldete » der starrköpfige Portugiese « seine Antwort – der bittere Kern aber , der trotz alledem geschluckt werden mußte , ließ sich nicht anders übersetzen , als : Der also Beehrte gehöre nicht zu denen , die den Adel so lange bekämpften , als sie ihn nicht selbst besäßen . Die Neuzeit habe derartige Renegaten genug aufzuweisen , die unter dem Motto : » Nur im Interesse meiner Kinder « sich selbst wieder zu Stützen und Bausteinen einer altersmorschen Institution machten , die sie vorher bespöttelt und verlacht hatten . Er finde an seinem Namen nichts auszusetzen und wünsche ihn nicht zu verändern . Die Diplomatin kehrte unverrichteter Dinge nach A. zurück . Übrigens erhielt die Braut sehr bald einen Beweis , daß sich die fürstliche Ungnade nicht auch auf sie erstreckte . Unter der Petition der Neuenfelder Gemeinde , die um Belassung ihres Pfarrers im Amte bat , hatte auch der Name » Gisela , Gräfin Sturm « gestanden . Man behauptete allgemein , diese Unterschrift sei schwer ins Gewicht gefallen – die Neuenfelder behielten ihren Pfarrer ... Eine leichte Dämmerung webt bereits um das Waldhaus . » Der Portugiese « hält sein junges Weib umschlungen und tritt mit ihr heraus auf die Terrasse . Noch fließt der Brautschleier von ihrem Haupt , und auf der weißen Stirn liegen die zartgebogenen Myrtenblätter . Mit zurückgeworfenem Kopf sieht sie unverwandt in das schöne Antlitz dessen , der sie hier im tiefen , dämmernden Wald gleichsam einmauern will ... Wie leuchtet dieses Antlitz ! ... Der Mann , hinter dem eine düstere Vergangenheit voller Kämpfe und Schmerzen liegt , steht am himmlischen Ziel . Sein höchstes Kleinod hält er in den Armen . Er steht auf einer Art Oase im Weltgetriebe . Draußen lauert das protestantische Papsttum und schlägt mit Ruten auf die Geister , die sich aufwärts bäumen , und hier , in seiner selbstgeschaffenen Kolonie , darf die freie Anschauung von Gott und seinem Wort ungestört die Flügel entfalten ... Draußen herrscht und regiert fort und fort der unbegrenzte Egoismus , und eine Kaste sucht der anderen auf den Nacken zu steigen ; hier aber waltet die Liebe , und man erhält den unwiderleglichen Beweis , daß sich das Musterbild der Menschheit , wie es die oft verlachte Humanität anstrebt , in der Tat verwirklichen läßt . Der Mann im Waldhause sieht glückliche , zufriedene Gesichter , wohin sein Blick sich wendet . Das lächerliche Jagen nach Ämtern und Orden dringt nicht herein – dafür kommt das höchste Streben , das die Menschenseele erfüllen soll , das Streben nach innerer Entwicklung und Befreiung um so besser zur Geltung . » Gisela ! « ruft es schnarrend und mißtönend neben der jungen Dame . Sie wendet sich überrascht um – der Papagei schwingt sich lustig auf seinem Ring , und in der Haustür steht lachend der alte Sievert ... Das bräutliche Weib streckt ihm beide Hände entgegen ; er hat dem Vogel mit unsäglicher Mühe den Namen der künftigen Hausfrau eingelernt und die letzten schauerlichen Worte des sterbenden Herrn von Eschebach aus dem Gedächtnis des Tieres verwischt ... Er nimmt sacht und behutsam die gebotenen feinen Finger zwischen seine großen , braunen Hände , und , was Gisela nie geglaubt , die alten , finster dräuenden Augen können auch feucht schimmern . Und jetzt tritt auch die Pfarrerin aus der Halle – sie hat einen Schal um die Schultern geschlagen und will heim . » Junges Frauchen , ich habe den Teetisch drin hergerichtet , denn von der Liebe allein lebt man nicht « , meinte sie schelmisch und deutet nach dem einen Fenster des südlichen Turmzimmers , das nach der Terrasse mündet ... In der heimlichen Dämmerung da drin , fast auf derselben Stelle , wo einst die Teemaschine der alten , blinden Frau gestanden , lodert die kleine , blaue Flamme , die den Abend in der Wohnstube so behaglich und gemütlich macht . » Und nun , Gott sei mit euch , ihr lieben , lieben Leute ! « sagt die Frau , und ihre klangvolle Stimme schmilzt in Weichheit . Der » Portugiese « küßt ihr ehrfurchtsvoll die hartgearbeitete Hand , und Gisela legt die Arme um ihren Hals . Dann steigt sie die Treppe hinab und schreitet festen , kräftigen Fußes in den Wald hinein . Allmählich fließt ein silberglänzendes Licht über Waldwipfel , Haus und Wiese – der Mond steigt groß und voll herauf . Wieder sieht er auf der Terrasse eine hohe , majestätische Männergestalt stehen , an die sich ein junges Wesen hingebend schmiegt ; aber diesmal werden die Schwüre , welche die flüsternden Lippen austauschen , nicht gebrochen werden !