Du schöne , weiße Rose , Du neigtest Dich zu mir , daß ich Dich pflücke , und da ich es tun will , wehren es Deine Dornen ! “ Ernestine legte die noch freie Hand auf seine gesenkte Stirn : „ Johannes , teurer — ja — unendlich teurer Freund , haben Sie Nachsicht mit mir ! Vermöchten Sie sich doch nur einmal in meine Seele zu denken ! Von frühster Kindheit an , in einer Zeit , wo alle Menschen auf den Armen der Liebe getragen , im Schoß der Liebe gebettet werden , ward ich getreten , herumgestoßen , fast zu Tode gequält , weil ich — ein Mädchen war . Jeder Schmerzensschrei meiner Brust , jeder Gedanke meiner Seele , jedes Gefühl meines jungen Herzens fragte : Warum , warum muß ich es so furchtbar büßen , daß ich kein Knabe bin ? Und in jede Wunde , die mir geschlagen , ward die Saat gestreut , die Saat der Rache für mich und mein Geschlecht , des Ehrgeizes , es denen gleich zu tun , welchen ich so erbarmungslos hintangesetzt ward . Sie reifte schnell in der Glut des Zornes über die Ungerechtigkeiten , die ich mein Geschlecht erdulden , die Schwierigkeiten , mit denen ich es kämpfen sah , wo es sich über das Gewöhnliche erheben wollte . Sie wuchs mit mir , sie ward groß , sie durchzweigte mein geistiges Sein , wie die Adern und Nerven meinen Körper ; reißt sie heraus und fordert dann noch , daß ich lebe ! “ Johannes hielt ihre Hand in der seinen und hörte ihr sinnend zu . „ Es ist , “ fuhr Ernestine fort — , ,als ob mein Herz erstarrt wäre , als es am Schmerzlichsten jenes < < Warum bin ich weniger wert als ein Knabe ? > > gen Himmel schrie , und als ob sich diese Frage darin versteinert hätte , daß ich nichts mehr wünschen und erstreben könnte , als die Antwort aus dies Warum ? ! Warum sind wir dem Manne untertan . Warum hängen wir von seiner Großmut ab und müssen elend werden , wo sie fehlt ? Weil der Mann der stärkere ist ? Die Zeiten des Faustrechts sind vorüber ! — Ob nur das uralte Vorurteil seit Menschengedenken die Entwicklung des Weibes zurückhielt , oder ob dieser wirklich physische Hindernisse entgegenstehen , darauf kommt Alles an . Und nicht eher werde ich Frieden finden , als bis ich mich durch die Wissenschaft hiervon überzeugt ! “ „ Und glaubst Du nicht , Ernestine , daß es noch eine dritte Macht gibt , die das schwächere Geschlecht dem stärkeren unterordnet , eine Macht höher als die des Faustrechts , zwingender als die des Geistes : die Liebe ? “ Ernestine sah ihn groß und ruhig an : „ Ich glaube nicht , daß die Liebe vollbringen darf , was die Vernunft nicht billigt . “ „ Wirklich ? “ Johannes schwieg eine Sekunde , dann schritt er mit unterschlagenen Armen im Zimmer auf und nieder und trat endlich vor sie hin . „ Du sprichst von einem Gefühl , das Du nicht kennst — aber , wie Du auch heute manche keimende Hoffnung in mir zerstörtest , die eine nimmst Du mir nicht . Du wirst es noch kennen lernen ! “ Die Staatsrätin kam herein . „ Mein Fräulein , Ihr Zimmer ist bereit , beliebt es Ihnen , mir zu folgen ? “ „ Mutter , “ rief Johannes , „ sei nicht so kalt und förmlich gegen Ernestine . Wer mir so nahe steht , darf Dir nicht ferne bleiben . “ „ Ich wüßte nicht , worin ich gegen Fräulein von Hartwich gefehlt hätte , wir sind uns ja noch gänzlich unbekannt . “ „ Gewiß , Frau Staatsrätin , Sie haben Recht , “ sagte Ernestine . „ Ich bin nicht so unbescheiden , mehr von Ihnen zu fordern , als was Sie dem Fremdesten gewähren — schon das fällt mir schwer , von Ihnen anzunehmen . Ich folge Ihnen auf mein Zimmer , um Sie nicht länger von der eigenen Ruhe abzuhalten — aber seien Sie versichert , ich werde es nur für eine Nacht in Anspruch nehmen ! “ Sie wandte sich zu Johannes und reichte ihm mit einem unbeschreiblichen Blick die Hand : „ Schlafen Sie wohl , mein guter Herr ! “ „ Gott schütze Deinen ersten Schlummer unter meinem Dach ! “ sagte Johannes bewegt , und es war , als nehme dieser Wunsch die lichte Gestalt ihres verlorenen Schutzengels an und schwebe vor ihr her die Treppe hinauf bis in das trauliche Mansarden-Stübchen , in das die Mutter sie führte , als stelle er sich zu Häupten des schneeigen Lagers und fächle mit seinen Schwingen ihrer brennenden Stirn Kühlung zu . „ Mutter , “ sprach Johannes ernst , als die Staatsrätin wieder herunter kam . „ Heute warst Du zum ersten Mal in meinem Leben nicht meine Mutter ! “ Viertes Kapitel . Unversöhnliche Gegensätze . Der Morgen strahlte golden durch die weißen Mousselinevorhänge herein , die Ernestinens Fenster verhüllten , und noch schlief sie fest und friedlich wie ein Kind . Zum ersten Male seit vielen Jahren schreckte sie die Hast der Arbeit nicht auf , stand das Gespenst des Oheims nicht pochend hinter der Tür ; der Schutzengel , den Johannes ihr mitgegeben , ließ es nicht heran . Er hielt noch immer zu ihren Häupten treulich Wache und es war , als empfände das ganze Haus seine heilige Nähe , denn es herrschte darin eine feierliche Stille wie in der Kirche . Alle seine Bewohner waren auf , aber das Gebot des Hausherrn bannte jede Hand , die eine Tür zu schließen hatte , daß sie es leise tat , jeden schreitenden Fuß , daß er sachte ging . Johannes schützte Ernestinens Schlummer , er war ihr so nötig ! Und wie laut sein Herz ihrem Morgengruße entgegenschlug , auch