Geheimnis , und ich kann es Ihnen mitteilen , ohne daß wir zu reden brauchen . « Daniel ging mit . In dem Häuschen herrschte eine muffige Luft . Eberhard machte aber die Fenster nicht auf ; es sollte so still bleiben , wie es war . Daniel setzte sich auf einen der Stühle in der ehemaligen Wohnstube des Freiherrn , Eberhard meinte , er setze sich aus Müdigkeit und nahm gegenüber seinem Gaste Platz . Die Abendsonne fiel schräg auf einen alten Stahlstich , der eine Schäferszene darstellte ; eine Maus rumorte in einer Ecke . » Was ist es also mit dem Geheimnis ? « fragte Daniel nach langem Schweigen ziemlich brüsk . Eberhard erhob sich und machte eine Gebärde , die Daniel aufforderte ihm zu folgen . Sie schritten über den schmalen Gang , eine winzige Treppe hinauf , und oben , auf dem winzigen Stiegenabsatz , öffnete Eberhard eine Tür , die in die Dachkammer des Häuschens führte . Ein betäubender Modergeruch schlug ihnen entgegen . Daniel kehrte sich unwillkürlich ab , der Freiherr jedoch deutete stumm auf die Wände . » Was ist das ? Was für ein Raum ist das ? « stieß Daniel hervor . Alle vier Wände des Raumes waren vollständig von Sträußen , Girlanden und Kränzen verwelkter Blumen bekleidet . Von den meisten Blumen waren längst die Blütenblätter abgefallen und bedeckten ringsherum den Boden . Die grün gewesenen Blätter waren braun geworden , hingen zusammengekrümmt da , die Gräser waren zerfasert , die Zweige morsch . Manche Sträuße und Gewinde hatten Bänder , deren Rot oder Blau abgeblaßt war , manche hatten Goldfäden , an denen sich Rost angesetzt hatte . Auf manche fiel die schräge Sonne , wie unten auf den Stahlstich mit der Schäferszene , und in den purpurnen Strahlen zitterte ein dicker Strom von Staub . Es war ein Blumengrab-Gewölbe , eine Leichenkammer der Erinnerungen . Daniel ahnte . Schwer lag ihm die Zunge im Gaumen , Frost überlief seinen Rücken , und als Eberhard nun doch sprach , wälzte es sich glühendheiß und naß in seine Augen . » Die Blumen sind von ihren Händen gepflückt und gebunden worden , von Lenores Händen , « sagte Eberhard . Dann , nach einer Pause : » Sie hat die Sträuße für einen Händler angefertigt , und ich habe sie , ohne daß sie es wußte , gekauft . « Dann sagte er nichts mehr . Da schaute Daniel in sein Leben zurück , als risse ihn ein unsichtbarer Arm auf einen Gipfel . Und er schaute , und seine Seele verging vor Angst und Qual und Reue . Was war ihm denn geblieben ? Zwei Gräber waren geblieben . Und eine zerbrochene Harfe ; und verwelkte Blumen ; und eine Maske aus Gips . Er sah die abgestorbenen Stengel und die zerfallenen Kelche ; einst hatten Lenores Finger sie alle berührt , und wie Geisterfiguren schwebten die Finger noch um die toten Blumen . In den staubigen Spinnengeweben nisteten die ungenutzten Stunden , versäumte gute Worte , versäumter Trost , versäumte Aufmunterung , versäumte Rücksicht , versäumtes Glück . O , dies Nichtwissen um eine Gegenwart , um ein lebendiges Leben , um den wunderbaren Tag , die atmende Stunde , dies Hinschlurfen , Hinstürzen , Hinwüten in die Nacht des Wunschs und Wahns , dies eitle , verbrecherisch eitle Ungenügen ! O , Flügelwesen , Flügelwesen , wo bist du , wo ruft man dich an ? Nichts geblieben als zwei Gräber , eine zerbrochene Harfe und verwelkte Blumen und eine Maske . Und ein helles Kind dort und ein dunkles hier , und ein drittes , das ins Leben getreten war , um zu sterben . Und über alldem , hoch über dem Gipfel noch , das Ungeheure , Unausdrückbare , das Meer der Träume , erträumten Klänge , Odem Gottes und höllischer Finsternis Verkündigung , Botschaft der Ewigkeit und Wunder der Zeitlichkeit , Tanz und Schalmei , Donnerschall und süßes Weben , Musik ! Es war Abend geworden . Der Freiherr schloß die Tür . Daniel reichte ihm schweigend die Hand und ging nach Hause . Prometheische Symphonie 1 Herbst und Winter hindurch führte Daniel ein schweigsames , einsames Leben . Im Frühjahr schrieb ihm Sylvia von Auffenberg , er möge zu ihr und Eberhard nach Siegmundshof kommen und einige Wochen bei ihnen zubringen . Er schlug es ab , versprach später zu kommen . Bisweilen besuchte ihn der alte Herold . Er erzählte von den Mißständen , die unter Döderleins Regiment an der Schule eingerissen waren und sagte , die Welt sei drauf und dran , ein Saustall zu werden . Auch der Provisor Seelenfromm stellte sich ein , ferner der Architekt mit dem Zungenfehler , und Martha Rübsam kam hie und da . Gegen Ende des Winters erschien auch Herr Carovius . Er hatte ein umgänglicheres Wesen denn ehedem und gab originelle Ansichten über Musik zum besten . Alles Reden klang an Daniels Ohr vorüber . Oft waren mehrere Menschen um ihn , er schien ihnen zuzuhören , und doch war in seinem Gesicht eine vollständige Geistesabwesenheit . Wandte sich jemand mit einer Frage an ihn , so geschah es nicht selten , daß ein kindliches Lächeln auf seine Lippen trat . Keiner hatte dieses Lächeln früher an ihm bemerkt . Er gab Philippine das Geld zurück , das sie ihm damals geliehen , als das Klavier gepfändet worden war . Philippine sagte : » Joi ! mir scheint , Daniel , du schwimmst in Geld . « Sie brachte ihm den Schuldschein , trug das Geld in ihre Kammer und rechnete lang auf einem Stück Papier , ob die Zinsen stimmten . Das Agneslein saß am Boden und schnullte an einem Süßholz . Es freute sich , wenn Philippine da war . Vor seinem Vater hatte es Angst . Die Freunde hatten gemeint , die Wohnung sei jetzt zu geräumig , Daniel möge sie aufgeben und eine kleinere und billigere nehmen .