brannten in allen Räumen die Wacholderkerzen und das beizende Räucherwerk . Bei Anbruch der Nacht hatte ein Siechenwärter das Bettzeug und die Wäsche des Entschlafenen geholt , um alles in einen glühenden Ziegelofen zu werfen . Der Morgen fing matt zu grauen an , als Lampert in seiner kleinen , weißen Stube gebettet lag , in der so viele Wacholderkerzen brannten , daß der Raum sich ansah wie eine Weihnachtsstube . Der gleißende Schein , der in das erste trübe Grau des Tages hinausstrahlte , lockte die Dämmerungsfalter so zahlreich an , daß man meinen konnte , da draußen wären zwei unsichtbare Hände , die rastlos mit den Fingernägeln gegen die Fensterscheiben trommelten . Eine Werbetrommel des Todes ! Jeder klirrende Laut am Fenster rührte von einem kleinen Leben her , das sich in Lichtsehnsucht und Eigensinn am harten Glase den Kopf zerschlug . Erst bei wachsendem Morgen , dessen Helle stärker wurde als der Kerzenschimmer , endete der ruhelose Todesflug der Schmetterlinge . Nach diesem Kriege zwischen Nacht und Helle sah es da draußen auf dem steinernen Fenstergesims wie bei der Hallturmer Mauer aus : Viele Leichname lagen in der Sonne . Nur ein bißchen kleiner waren sie als jene Zweibeinigen ; und der Sieger plünderte ihnen nicht den glänzenden Schuppenpanzer vom toten Leib herunter . Frau Marianne hatte den Medikus holen lassen , der den locker gewordenen Verband erneuerte und die Sorge dieser verstörten Mutterseele durch die heiligsten Schwüre beruhigte . Als die Frühsonne in die weiße Stube hereinglänzte , saß die Amtmännin neben dem Bett ihres Sohnes , liebkoste seine schlaffe Hand und erzählte vom letzten Leiden des armen Ruppert . » Schon gestern in der Früh , wie ' s auf die siebente Morgenstund gegangen , hab ich gemeint , er muß verscheiden . So schwach ist er gewesen , so ganz von Kräften gefallen . Und da ist das Ärgste noch erst gekommen . « » Mutter ? « » Er hat mich schon nimmer kennen mögen , den geistlichen Herren nimmer , den Pießböcker nimmer , keinen Menschen mehr . Und derweil ihm die kalten Tropfen über das magere Gesicht heruntergelaufen sind , hat er allweil angstvoll auf das gleiche Fleckl in der Luft geschaut , hat geredet mit einem Unsichtbaren und hat gerungen mit ihm . Ach , Bub , wie grausam ist das gewesen ! Sechs Stund lang hat der Vater kämpfen müssen wider den Teufel . Und allweil das gleiche Wörtl : Siebzehn ! Siebzehn ! Und noch ein anders hat er allweil gesagt : Nicht schlagen ! Mir ist das Herz schier auseinandergebrochen . « Tränen erstickten die Stimme der Amtmännin . In tiefer Erschütterung bedeckte Lampert das Gesicht mit den Händen . » Nicht schlagen ! Denken ! « » Verstehst du , was er sagen hat wollen ? « Lampert nickte . » Und allweil , allweil , allweil so ! Sechs Stund lang . Bis zum Nachmittag um die zweite Stund . Da hat ihm der gütige Herrgott beigestanden im Krieg wider den bösen Feind . Und da ist er ruhig geworden . Und ist so dagelegen und hat ein lützel leichter geschnauft . Und jählings tut er sich in den Kissen aufsetzen . Erst hatt ' ich gemeint , er kennt mich , weil er allweil gesucht hat nach meiner Hand . Aber mit den Augen ist er im Leeren gewesen . Und ich sag dir , Bub , was Heiliges ist ihm ins magere Gesicht gekommen . In seinen Augen ist ein Glanz gewesen , daß ich gemeint hab , es sitzt ein biblischer Erzvater in dem schiechen Bett . Und da tut er die Hand strecken - grad so , wie ' s im Krieg die Hauptleut machen - und sagt mit einer festen Stimm : Jetzt weiß er ' s ! Jetzt hab ich ' s ihm bewiesen nach Brief und Siegel . Daß keiner schlagen darf ! Auch der nicht . Gottes Recht verbietet ' s. So hat er geredet , Bub ! Und hat sich hinfallen lassen auf meinen Arm . Es ist sein letztes Wörtl gewesen . Um die vierte Stund ist er schön und ruhig eingeschlafen . « Lampert umklammerte die Hand der Mutter . Und nach einer Weile fragte er mit zerdrückter Stimme : » Hat er nimmer geredet - von mir ? « Die Amtmännin stammelte hastig : » Wohl , Bub ! Freilich ! « Eine heiße Röte schlug ihr über das vergrämte Gesicht . » Fürgestern Abend oder gestern in der Früh - recht weiß ich ' s nimmer - da hat er mich bei der Hand genommen und hat gesagt : An unserem Buben wird der Fürst einen guten Amtmann haben . « Ernst sah Lampert die Mutter an , behielt ihre Hand in der seinen und drehte schweigend das Gesicht gegen die weiße Mauer : Frau Marianne atmete schwer . Sie hörte keinen Laut ihres Sohnes . Aber sie merkte es an seinen zuckenden Schultern und konnte es fühlen an seiner Hand , wie der Schmerz in ihm wühlte . » Ach , Bub , was soll ich noch sagen ? Sie haben mich wegtun wollen vom Bett , aber ich hab ' s nicht gelitten und hab ihm selber die letzte Pfleg gereicht . Ohne Beistand hab ich ihn lupfen können . So ein stattliches Mannsbild ist er gewesen , einmal . Und ist auf dem letzten Brett gelegen wie ein Hehndl , so klein und mager . « Unter fließenden Zähren sah die Amtmännin ins Leere . » Dann hat der Pießböcker die Tür versiegelt . Und in der lieben Stub , wo ich sechsundzwanzig Jahr lang mit meinem guten Ruppert gelegen hab in Glück und Sorgen - da brennt der Schwefel , und Stank und Gift ist drin - « Lampert hob sich erschrocken aus den Kissen . » Mutter ? « Er hatte verstanden . Sie sah ihn hilflos an . » Muß ich ' s halt sagen .