... alles ... verstehst du mich . « Sie nickte wieder . » Und ... und ... morgen früh seh ich dich noch einmal . « Sie schüttelte den Kopf . Er wollte etwas erwidern , wie erstaunt als verstünde es sich eigentlich von selbst , daß er sie noch einmal vor der Abreise sehen müßte . Sie erhob leicht die Hand , als bäte sie ihn zu schweigen . Er stand auf , drückte sie an sich , küßte ihren Mund , der kühl war und seinen Kuß nicht erwiderte , und verließ das Zimmer . Sie blieb zurück , mit schlaffen Armen , stehend , die Augen geschlossen . Er eilte die Treppen hinab . Unten auf der Straße war ihm , als müßte er noch einmal hinauf ihr sagen : » Es ist ja alles nicht wahr ! Das war nicht der Abschied . Ich liebe dich ja . Ich gehöre dir . Es kann nicht zu Ende sein ... « Aber er fühlte , daß er es nicht durfte . Jetzt nicht . Morgen vielleicht . Von heute Abend bis morgen früh würde sie ihm nicht entglitten sein ... Und er eilte umher , planlos , durch leere Straßen , wie in einem leichten Rausch von Schmerz und Freiheit . Er war froh , daß er sich mit niemandem verabredet hatte und allein bleiben durfte . Weit draußen in einem niedern , alten , rauchigen Wirtshaus , wo an Nebentischen Menschen aus einer andern Welt saßen , in einer stillen Ecke nahm er sein Nachtmahl und erschien sich wie in einer fremden Stadt : einsam , ein wenig stolz auf seine Einsamkeit und ein wenig durchschauert von seinem Stolz . Am nächsten Tag um die Mittagsstunde spazierte Georg mit Heinrich durch die Alleen des Dornbacher Parks . Eine Luft , die von dünnen Nebeln schwer war , umgab sie , durchfeuchtetes Laub knisterte und glitt unter ihren Füßen , und durchs Gesträuch schimmerte die Straße , auf der sie gerade vor einem Jahr den rötlich-gelben Hügeln entgegengezogen waren . Die Äste breiteten sich regungslos , als drückte die ferne Schwüle der umgrauten Sonne sie nieder . Heinrich war eben daran , den Schluß seines Dramas zu erzählen , der ihm gestern eingefallen war . Ägidius war auf der Insel gelandet , gefaßt nach der Todesfahrt von sieben Tagen sein vorverkündetes Schicksal zu erleiden . Der Fürst schenkt ihm das Leben , Ägidius nimmt es nicht an und stürzt sich vom Felsen ins Meer hinab . Georg war nicht befriedigt . » Warum muß Ägidius sterben ? « Er glaubte nicht daran . Heinrich begriff nicht , daß man das erst erklären sollte . » Wie kann er denn weiterleben « , rief er aus . » Er war zum Tode verurteilt . Immer mit dem Ausblick auf das Ende , als unumschränkter Herr auf dem Schiff , Geliebter der Prinzessin , Freund von Weisen , Sängern , Sternguckern , aber immer mit dem Ausblick auf das Ende , hat er die herrlichsten Tage erlebt , die je einem Menschen geschenkt waren . Dieser ganze Reichtum hätte sozusagen seinen Sinn verloren , ja , die hoheitsvoll-würdige Erwartung des letzten Augenblicks müßte sich in der Erinnerung dem Ägidius zu lächerlich genarrter Todesangst verändern , wenn diese ganze Todesfahrt sich am Ende als ein schaler Spaß enthüllte . Darum muß er sterben . « » Und Sie halten das für wahr ? « fragte Georg mit noch stärkerem Zweifel als vorher . » Ich kann mir nicht helfen , ich nicht . « » Das macht nichts « , erwiderte Heinrich . » Wenn es Ihnen jetzt schon wahr erschiene , hätte ich es zu leicht . Aber wenn die letzte Silbe meines Stückes einmal geschrieben ist , wird es wahr geworden sein . Oder ... « Er sprach nicht weiter . Sie stiegen eine Wiese hinan , und bald breitete sich das wohlbekannte Tal zu ihren Füßen aus . An der Hügellehne rechts schimmerte der Sommerhaidenweg , auf der andern Seite , hart am Wald , zeigte sich der gelb angestrichene Gasthof , mit den roten Holzterrassen und nicht weit davon , das kleine Haus mit dem dunkelgrauen Giebel . In ungewissem Nebel war die Stadt zu ahnen , noch weiter schwamm die Ebene zur Höhe auf und ganz ferne verdämmerten blasse , niedrig gezogene Berglinien . Nun war eine breite Fahrbahn zu überschreiten , und endlich führte ein Feldweg über Wiesen und Äcker nach abwärts . Weit abgerückt zu beiden Seiten ruhte der Wald . In Georg war ein Vorgefühl der Sehnsucht , mit der er in Jahren , vielleicht schon morgen sich dieser Landschaft erinnern würde , die nun aufgehört hatte ihm Heimat zu sein . Endlich standen sie vor dem kleinen Haus mit dem Giebel , das Georg ein letztes Mal hatte sehen wollen . Tür und Fenster waren mit Brettern verschlagen ; verwittert , wie uralt geworden vor der Zeit , stand es da und wollte von der Welt nichts wissen . » Ja , nun heißt es Abschied nehmen « , sagte Georg in leichtem Ton . Sein Blick fiel auf die Tonfigur inmitten der verblühten Beete . » Komisch « , sagte er zu Heinrich , » daß ich den blauen Knaben da immer für einen Engel gehalten hab . Das heißt , ich hab ihn nur so genannt , denn ich hab ja immer gewußt , wie er aussieht , und daß er eigentlich ein gelockter Bub ist , barfuß , mit Röckchen und Gürtel . « » Heut über ein Jahr « , sagte Heinrich , » hätten Sie doch geschworen , daß der blaue Knabe Flügel gehabt hat . « Georg warf einen Blick nach oben zur Mansarde . Es war ihm , als bestände die Möglichkeit , daß irgend jemand plötzlich auf den Balkon heraustreten könnte . Labinski vielleicht , der sich seit jenem Traum nicht mehr gemeldet hatte ? Oder er selber , ein Georg von Wergenthin