» Anleihe « bedeutet Anerbieten der Bestechung . Setzt sich doch das litterarische Leben hinter den Coulissen nur aus Bestechung und Händewaschung zusammen . Daher endeten auch die Pump-Circulare der Waffenbrüder Haubitz und Edelmann mit dem steten Postscriptum : Sie würden sich übrigens revanchiren , indem sie in den ihnen nahestehenden Blättern eine empfehlende Recension über den geehrten Herrn Collegen brächten . Um jedoch ganz gerecht zu bleiben , muß zugestanden werden , daß sie dies schöne Versprechen niemals hielten oder höchstens in Erwartung eines neuen Darlehns . Hierin zeigte sich eben wieder ihre vornehme Gesinnung , die unausrottbare . Tribut empfangen darf der Messias , aber andere loben - nun und nimmermehr . Das wäre doch eine gar zu schnöde Verletzung seiner Integrität . Es giebt kaum etwas Trostloseres , als das Loos eines armen Aristokraten . Und nun gar , wenn man an seine Armuth nicht glaubt . Fortwährend spielt er eine falsche Rolle . Auf der einen Seite verstärkt es das Ansehen und dadurch den Erfolg eines Menschen , wenn man ihn für vermögend hält . Auf der andern Seite setzt er sich der Gefahr aus , von Jedermann angepumpt zu werden . Entspricht er diesem Vertrauens-Wechsel auf sein angebliches Vermögen , so begeht er einen Leichtsinnstreich . Entspricht er ihm nicht , kommt er in den Ruf eines gemeinen Geizhalses . Jetzt wurde es Krastinik innerlich klar , warum Leonhart jeden Versuch übergroßer Familiarität , wenn ihm z.B. der Graf vertraulich über seine Verhältnisse Aufklärungen gab , mit kühler Reservirtheit ablehnte . Wenn er sonst wohl einfach » Krastinik « gesagt , wendete er dann plötzlich die steife Redeformel » Herr Graf « an . Krastinik begriff diesen wahren Stolz , welcher stets die äußeren gesellschaftlichen Schranken berücksichtigte und den bekannten Anwandlungen von Liberalismus-Verbrüderung , die grade den hochmüthigsten Aristokraten oft belieben , nur ein ablehnendes Lächeln entgegenbrachte . II. Die Wirthin des » Café Liedrian « ( unechter Wein und echte Mädchenbedienung ) in der Dresdenerstraße , Helene Meyer , erwachte erst spät am Nachmittag . Sie hatte erst um 7 Uhr Morgens ihre Champagnergäste , einen ungeschlachten Fabrikbesitzer mit Millionärs-Allüren und einen freiherrlichen Rittmeister in Civil , gehörig ausgerupft und nach einem Gratis-Morgencafé entlassen . Nach so schwerer Arbeit verschlief sie denn auch den ganzen Tag . In ihrem Zimmer sah es immer aus , als ob Geburtstag wäre . Auf einem Marmortisch zu Füßen des Bettes stand ein Aquarium mit Goldfischen , fünf an der Zahl . Auf einem anderen Tisch ein Schmuckkasten aus Crystall mit allen möglichen Schmucksachen . Und oben darauf ein fettes Marzipanschweinchen mit schnüffelnder Schnauze . Außerdem lagen da umher ein Carton , mit blauem Atlas gefüttert und mit Brokatstreifen bestickt , und ein Parfümeriekasten . Schon lugte der nahende Abend scheu durch die Gardinen . Helene lag in jenem Dämmerzustand da , den das Halbwachen mit sich führt . Die Goldfische , überfüttert wie dies bei kinderlosen Familien der Fluch , aller Hausthiere zu bleiben pflegt , hatten zufällig am Morgen keine Atzung erhalten . Man hatte sie über dem vielen Trubel vergessen . Jetzt regten sie sich , schossen unruhig hin und her . In der lautlosen Stille hörte man deutlich ihr heißhungriges Schmatzen , so deutlich , daß Helene aus wirrem Halbschlummer emporzuckte . Als ob dies lüsterne Schmatzen , in dem zugleich eine Bitte und eine Mahnung lag , einen Geistergruß aus anderen Welten bedeute . Auf seinem Todtenbette hatte ihr vor einem Jahr verstorbener Gatte noch Zeit gefunden , sie zu erinnern : » Helen ' ken , Du wirst mir doch meine Goldfische nicht verhungern lassen ? « Ein Schauder durchschüttelte sie , rieselte durch ihre vollblütigen Glieder . Sie riß die Augen weit auf , streckte sich gerade aus und starrte zur Decke empor . Ein Schatten , tiefster Verzweiflung huschte über ihre Züge hin . Dann raffte sie sich zusammen , ergriff die vor ihrem Bette auf einem Fellteppich liegenden Pantoffeln und schleuderte sie kräftig gegen die Thür . Das war das Zeichen für eine ihrer Mamsells , ihr den Café ans Bett zu bringen . Bald darauf saß sie in ihrem eleganten Frisirmantel mit langen aufgelösten Haaren vor dem Spiegel , goß Eau de Cologne in ihre Locken , ehe sie dieselben mit dem Brenneisen zu kräuseln anfing , und parfümirte mit Eau de Mille Fleurs ihr Morgenkleid . Dann kam ihr der Gedanke , ein warmes Bad zu nehmen . Andere Gedanken , als die einer entsprechenden rationellen Körperpflege und Ernährung , kamen ihr ja überhaupt nie . Den Rest ihrer Zeit verwandte sie auf die Toilette ihrer schönen Seele , indem sie sämmtliche Romane einer umfangreichen Leihbibliothek verschlang . Während sie noch in ihrem Badezimmer sich bewunderte und vorm Spiegel ihre Reize in allen möglichen Stellungen besichtigte , klopfte die eine Mamsell , die sogenannte Kneifer-Mary ( Rother ' schen Angedenkens ) , an die Thür und benachrichtigte sie : » Madame , Ihr Freund ist da ! « In der That saß Leonhart gähnend in einem Winkel und bepustete als ironischer Blasebalg die Bierheben mit schnoddrigen Redensarten . Auf den Wahnsinn des Kneipens » hinten « fiel er ohnehin als alter kundiger Thebaner nirgends herein ; hier aber genoß er uralte Stammgastrechte und durfte sich mit einem bescheidenen Glase Bier begnügen . Unter den Kellnerinnen , so oft sie wechseln mochten , fand er stets alte Bekannte . Und so vertrauten sie ihm auch heute allerlei Klatsch . » Wahrhaftig , « dachte er , » früher stand die Kunst unter dem Sternzeichen der Madonna , heut unter dem der litterarischen Kellnerin . « Kneifer-Mary erzählte ihm eine gräßliche Geschichte , wie sie als Backfisch ihrem Vormund entlaufen sei , weil dieser sie habe nothzüchtigen wollen . » Züchtigen - was ? Die Noth hast Du zugesetzt . Man verspricht sich so leicht ! « gähnte er . Mit Hochgenuß hatte er oft bemerkt , wie sonst recht gewitzte Leute sich fast immer von den Rührgeschichten dieser