man erst sehen , was sie allen gewesen . Aber wie nach dem Hinsinken eines guten Soldaten auf dem Felde der Ehre die Lücke schnell wieder ausgefüllt wird und der Kampf rüstig fortgeht , so erwies sich die Art des Lebens und des Todes dieser tapferen Frau auch auf das schönste dadurch , daß die Reihen ohne Lamentieren rasch sich schlossen ; die Kinder teilten sich in Arbeit und Sorge und versparten den beschaulichen Schmerz bis auf die Tage der Ruhe , wo man die Marksteine des Lebens deutlicher ragen sieht . Nur der Oheim äußerte erst einige tiefere Klagen , faßte diese aber bald in das Wort » meine selige Frau « zusammen , das er nun bei jeder Gelegenheit anbrachte . An dem Leichenbegängnisse sah ich Judith unter den fremden Frauen . Sie trug ein städtisches schwarzes Kleid bis unter das Kinn zugeknöpft , sah demütig auf den Boden und ging doch hoch einher . So war in kurzer Zeit die Gestalt des oheimlichen Hauses verändert und durch die verschiedenen Vorgänge alles älter und ernster geworden . Von der traurigen Schaubühne ihres Krankenbettes sah die arme Anna diese Veränderungen , aber schon mehr als äußerlich getrennt von den Ereignissen . Sie hatte eine geraume Zeit im gleichen Zustande verharrt , und alle hofften , daß sie am Ende wieder aufleben würde . Aber da man es am wenigsten dachte , erschien eines Morgens im Herbste der Schulmeister schwarz gekleidet bei dem Oheim , welcher selbst noch schwarz ging , und verkündete ihren Tod . In einem Augenblicke war nicht nur das Haus von Klagen erfüllt , sondern auch die benachbarte Mühle , und die Vorübergehenden verbreiteten das Leid im ganzen Dorfe . Seit bald einem Jahre war der Gedanke an Annas Tod großgezogen worden , und die Leute schienen sich ein rechtes Fest der Klage und des Bedaurens aufgespart zu haben ; denn für eine allgemeine Totentrauer war dieser anmutige , schuldlose und geehrte Gegenstand geeigneter als die eigenen Verluste . Ich hielt mich ganz still im Hintergrunde ; wenn ich auch bei freudigen Anlässen laut wurde und unwillkürlich eine anmaßende Rolle spielte , so wußte ich dagegen , wo es traurig herging , mich gar nicht vorzudrängen und geriet immer in die Verlegenheit , für teilnahmlos und verhärtet angesehen zu werden , und dies um so mehr , als mir von jeher nur die aus Schuld oder Unrecht entstandenen Mißstimmungen , die innere Berührung der Menschen , nie aber das unmittelbare Unglück oder der Tod Tränen zu entlocken vermochten . Jetzt aber war ich erstaunt über den frühen Tod und noch mehr darüber , daß dies arme tote Mädchen meine Geliebte war . Ich versank in tiefes Nachdenken darüber , ohne Schrecken oder heftigen Schmerz zu empfinden , obgleich , ich das Ereignis mit meinen Gedanken nach allen Seiten durchfühlte . Nicht einmal die Erinnerung an Judith verursachte mir Unruhe . Nachdem der Schulmeister seine Anordnungen getroffen , wurde ich endlich aus meiner Verborgenheit hervorgezogen , indem er mich aufforderte , nunmehr mit ihm zurückzugehen und einige Zeit bei ihm zu wohnen . Wir machten uns auf den Weg , indessen die übrigen Verwandten , besonders die noch im Hause lebenden Töchter , versprachen , sogleich nachzukommen . Auf dem Wege faßte der Schulmeister sein Leid zusammen und gab ihm durch die nochmalige Schilderung der letzten Nacht und des Sterbens , das gegen Morgen eintraf , Worte . Ich hörte alles aufmerksam und schweigend an ; die Nacht war beängstigend und leidenvoll gewesen , der Tod selbst aber fast unmerklich und sanft . Meine Mutter und die alte Katherine hatten die Leiche schon geschmückt und in Annas Kämmerchen gelegt . Da lag sie , nach des Schulmeisters Willen , auf dem schönen Blumenteppich , den sie einst für ihren Vater gestickt und man jetzt über ihr schmales Bettchen gebreitet hatte ; denn nach solchem Dienste gedachte der gute Mann diese Decke immer zunächst um sich zu haben , solange er noch lebte . Über ihr an der Wand hatte Katherine , deren Haar nun schon ganz ergraut war und die aufs heftigste und zärtlichste lamentierte , das Bild hingehängt , das ich einst von Anna gemacht , und gegenüber sah man immer noch die Landschaft mit der Heidenstube , welche ich vor Jahren auf die weiße Mauer gemalt . Die beiden Flügeltüren von Annas Schrank standen geöffnet , und ihr unschuldiges Eigentum trat zutage und verlieh der stillen Totenkammer einen wohltuenden Schein von Leben . Auch gesellte sich der Schulmeister zu den beiden Frauen , die vor dem Schranke sich aufhielten , und half ihnen die zierlichsten und erinnerungsreichsten Sächelchen , deren die Selige von früher Kindheit an gesammelt , hervorziehen und beschauen . Dies gewährte ihm eine lindernde Zerstreuung , welche ihn doch nicht von dem Gegenstande seines Schmerzes abzog . Manches holte er sogar aus seinem eigenen Verwahrsam herbei , wie zum Beispiel ein Bündelchen Briefe , welche das Kind aus Welschland an ihn geschrieben ; diese legte er , nebst den Antworten , die er nun im Schranke vorfand , auf Annas kleinen Tisch , und ebenso noch andere Sachen , ihre Lieblingsbücher , angefangene und vollendete Arbeiten , einige Kleinode , jene silberne Brautkrone Einiges wurde sogar ihr zur Seite auf den Teppich gelegt , so daß hier unbewußt und gegen den sonstigen Gebrauch von diesen einfachen Leuten eine Sitte alter Völker geübt wurde . Dabei sprachen sie immer so miteinander , als ob die Tote es noch hören könnte , und keines mochte sich gern aus der Kammer entfernen . Indessen verweilte ich ruhig bei der Leiche und beschaute sie mit unverwandten Blicken ; aber ich ward durch das unmittelbare Anschauen des Todes nicht klüger aus dem Geheimnis desselben oder vielmehr nicht aufgeregter als vorhin . Anna lag da , nicht viel anders , als ich sie zuletzt gesehen , nur daß die Augen geschlossen waren und das blütenweiße Gesicht beständig zu einem leisen Erröten bereit schien . Ihr Haar glänzte frisch