, daß sie wieder Gewalt über ihn gewinnt ! Sie ist noch immer von hinreißender Schönheit ! « Ich preßte meinen Kopf zwischen die Hände - mußte nicht die ganze Welt über mir zusammenstürzen ? » Wie sie das schlau eingefädelt hat ! « fuhr Fräulein Fliedner tief erbittert fort . » Wie sie alle Beteiligten überrumpelt mit der ersten , wie ein Blitz hereinfahrenden Ueberraschung ! ... Auf einmal erinnert sie sich zärtlich ihrer schmerzlich entbehrten Kinder , die sie so schändlich verlassen hat - « » Ist sie wirklich Dagoberts und Charlottens Mutter ? « stieß ich heraus . » Kind , zweifeln Sie noch an allem , was Sie gehört und gesehen haben ? « » Ich habe geglaubt , sie seien seine « - ich deutete nach Lothars Bild - » und der Prinzessin Kinder , « stöhnte ich . Sie fuhr zurück und starrte mich an . » Ach , jetzt fange ich an , klar zu sehen ! « rief sie . » Das ist der Schlüssel zu Charlottens unbegreiflichem Wesen und Gebaren ! Sie denkt ebenso wie Sie ? Sie meint , sie sei in der Karolinenlust geboren ? Ist ' s nicht so ? ... Nun , ich werde ja erfahren , wer das streng gehütete Geheimnis gelüftet und in so hirnverbrannter Weise ausgelegt hat . Einstweilen sage ich Ihnen , daß allerdings zwei Kinder in der Karolinenlust das Licht der Welt erblickt haben - das eine starb nach wenigen Stunden , und das andere halbjährig an Zahnkrämpfen - zudem waren es zwei Knaben . Dagobert und Charlotte sind die Kinder des Kapitän Mericourt , mit welchem Ihre Tante in Paris verheiratet war , und der in Marocco gefallen ist ... Armes Kind , Ihr guter Engel hatte Sie verlassen , als Sie dieses Weib unter Ihren Schutz nahmen - sie bringt Unglück über uns , über uns alle ! « Ich vergrub mein Gesicht in den Händen . » Als Erich Zutritt in ihrem Hause fand , war sie bereits Witwe und Primadonna an der Pariser großen Oper , « fuhr die alte Dame fort . » Sie ist mindestens sieben Jahre älter als er ; aber bei Frauen ihres Schlags kommt das nicht in Betracht . Ihre Kinder hat sie fremden Händen übergeben ; sie sind bei einer Madame Godin erzogen worden - Erich hat sie lieb gehabt , als seien sie die seinen , und obgleich durch die Mutter tödlich beleidigt und verwundet , ist er doch so großmütig gewesen , sich der Kleinen anzunehmen , als die ehr- und pflichtvergessene Frau sie ohne alle Subsistenzmittel in der Pension zurückgelassen hat ... Madame Godin ist bald darauf gestorben , und mir , der er allein die Herkunft der Kinder anvertraut , hat er das strengste Stillschweigen auferlegt - er wollte den Geschwistern den demütigenden Schmerz , eine entartete Mutter zu haben , zeitlebens ersparen - sie danken ihm schlecht genug dafür ! « Sie rang leise die Hände ineinander und ging auf und ab . » Nur das nicht - « murmelte sie . » Die Stimme da drüben bestrickt mit einer wahrhaft dämonischen Gewalt - ich höre es ! Wie das schmeichelt und klagt und weich fleht - sie wirft ihm neue Schlingen über - « » Onkel , Onkel - ich leide furchtbar ! ... O , ich elendes , ich undankbares Geschöpf ! « schrie Charlotte drüben markerschütternd auf . Ich stürzte zur Thür hinaus , die Treppe hinunter , durch die Gärten ... Ich war verstoßen aus dem Paradiese durch eigene Schuld , durch eigene Schuld ... Trotz Ilses energischer Abwehr und Warnung , gegen den entschiedenen Willen meines Vaters hatte ich heimlich und versteckt den Verkehr mit dieser verfemten Tante unterhalten . Ich hatte ihr durch meine Briefe den Aufenthalt ihrer Kinder verraten und auf diese Weise dem Manne , den ich mit allen Kräften meiner Seele liebte , den bösen Dämon seiner Jugend wieder zugeführt , dem er aufs neue verfiel , und der ihm voraussichtlich das Leben vergiftete ! ... In der Halle , wo das helle Lampenlicht auf mich fiel , hielt ich in meinem rasenden Laufe inne - nein , in diesem Zustande durfte ich nicht vor meinen Vater treten - Haar und Gesicht und Kleider troffen von Nässe von dem Märzregen , der draußen warm und lautlos niedersank ; jeder Nerv bebte an mir , und die Wangen brannten im Fieber . Ich ging in meine Schlafstube , kleidete mich um und trank ein Glas kaltes Wasser . Ruhig , vollkommen ruhig mußte ich sein , wenn ich erlangen wollte , was ich für meine einzige Rettung hielt . Mein Vater saß in seiner Stube , im bequemen Lehnstuhl , und las und schrieb abwechselnd , und neben ihm stand die dampfende Theetasse . Er sah so munter und wohlgemut aus , wie ich ihn selten vor seiner Krankheit gesehen , und das liebe , alte , zerstreute Lächeln war auch wieder da . Im Wohnzimmer strich Frau Silber , die Wärterin , Butterbrötchen für ihn , regulierte nach dem Thermometer die Zimmerwärme , und winkte mir freundlich , nicht zu hastig einzutreten - sie war die verkörperte Fürsorge selbst , in besseren Händen konnte ich meinen Vater nicht wissen . Ich setzte mich neben ihn auf ein Fußbänkchen , doch so , daß mein Gesicht völlig im Dunkeln blieb . Er erzählte mir freudig , der Leibarzt sei bei ihm gewesen und habe ihm die Mitteilung gemacht , daß er morgen zum erstenmal ausfahren dürfe , der Herzog werde ihn selbst im Wagen abholen - dann strich er mir schmeichelnd über den Scheitel und meinte , er freue sich , daß der Thee im Claudiushause nicht gar so lange gedauert habe und ich wieder bei ihm sei . » Wie wird das aber werden , Vater , wenn ich auf vier Wochen in die Heide gehe ? « fragte ich und bog mich noch tiefer in den Schatten