. Es war bei ihm , wie bei Aurel , mehr der unwiderstehliche Hang nach buntem , abenteuerlichem Leben , als die Lust an verbotenen Genüssen , die sie in bedenkliche Kreise führte und den Rigoristen ausreichenden Grund gab , den Stab über sie zu brechen . » Bei Gott , Junge , ich weiß es selbst nicht bestimmt ! « entgegnete Aurel in bester Laune . » Sie heißen ' s Salon , was heute Nacht so viel junges Volk in diese Stadtgegend führt . Ob aber daselbst getanzt , gesungen oder gespielt wird , das müssen wir abwarten ! Es soll lustig hergehen , hab ' ich gehört , und die schönsten Mädchen Hamburgs , doch nicht immer die Tugendhaftesten , machen in diesen Salons die Honneurs . Das wollen wir uns denn ein Mal auf gut Glück mit ansehen . « Gilbert war es zufrieden , eine neue Seite des Lebens kennen zu lernen , wenn es auch nur eine tief dunkele Schattenseite sein sollte . Ihre Schritte beschleunigend kamen sie an ein stattliches Haus , dessen Thorweg hell erleuchtet war und aus dessen Innerem verworrenes Geräusch vieler Stimmen und die dumpfen Töne rauschender Tanzmusik erklangen . Männer und Frauen oder Mädchen bald einzeln , bald paarweise , oder zu Dreien und Vieren , traten in den Thorweg und stiegen eine ziemlich breite Treppe im Hinterhause hinauf , die auf beiden Seiten mit grünen Tannenzweigen garnirt war . Eine hohe , ebenfalls mit frischem Laubwerk geschmückte Pforte , in der buntfarbige Lampen sich drehten , eröffnete den Eingang zu einem geräumigen Saale . Dieser endigte in einer Spiegelwand , wodurch er ungleich größer und gewühlvoller erschien , als er wirklich war . Auch an den Wänden waren zwischen weichen und breiten Polstern hohe Spiegel angebracht . Drei große Kronleuchter mit zahllosen Flammen schwebten gleichsam aus der geheimnißvollen Nacht des gestirnten Himmels herab , denn die in leichter Schwingung gewölbte Decke des Saals war mattblau , fast etwas in ' s Schwarze schillernd , gemalt und mit einer Unzahl glänzender silberner Sterne von allen Größen ausgeschlagen . Schien es doch , als bedürfe das Laster , das sich in blendendstem Schmuck , in verführerischstem Liebreiz , in kokettester Anmuth , in reizendster Schönheit in diesen Räumen tummelte und dem Götzen der Welt seine Huldigungen darbrachte , dieses künstlichen Deckmantels . Unter dem nachgeahmten Sternenzelt der keuschen heiligen Nacht fühlte die Sünde keine Reue , keine Scham . Das Gewissen schwieg bei den Orgien , zu denen die schönsten Töchter der Erde hier geschmückt erschienen ! - An der einen Seite des Saales kredenzte eine Statue des eppichumlaubten Gottes der Freude und des Weines in goldener Schaale sprudelnden Champagner . Diese Statue gab dem Saale seinen Namen . Links und rechts zu beiden Seiten führten breite Thüren auf hell schimmernde Corridore . Diese Thüren wurden häufig von erhitzten Tänzerinnen geöffnet , um sich in der weichen Kühle der Vorräume einsam oder in Gesellschaft zu erholen . Die Musik war nicht vorzüglich , aber rauschend und wild . Sie harmonirte mit der Stimmung der meisten Tanzenden , die im raschesten Tempo , mehr fliegend und stürzend , als sanft schwebend , den Saal durchrasten . Mit anderthalb Mark erkauften sich Aurel und Gilbert das Recht , an den wüsten Freuden des Bacchussaales bis nach Mitternacht Theil nehmen zu dürfen . Gilbert war ein leidenschaftlicher Tänzer . Es währte daher nicht lange , so hatte er schon ein Mädchen gewählt und flog in ihren Armen die sich immer von Neuem ergänzende Reihe tanzender Paare hinab . Aurel tanzte weniger gern und nur dann , wenn ihm ein Mädchen als Tänzerin besonders gefiel . Das Rasen im Tanz war ihm zuwider . Er fand in diesem reizlosen , gegen alle Schönheit verstoßenden Toben Nichts , was Herz und Sinne berücken konnte , und doch hielt er künstlerisches Tanzen wesentlich dazu geeignet , die Schönheit in strahlendstem Glanze erscheinen zu lassen . Die gepolsterten Sitze entlang schreitend , musterte er die geschmückten jungen Mädchen , die vom Tanz ausruhten oder auf neue Tänzer harrten . Viele von diesen Töchtern des Bacchussaales waren ihrer ungewöhnlichen Schönheit entsprechend gekleidet . Weiche Seiden umrauschten die vollen und doch zarten Glieder , falsche Brillanten waren in die Flechten ihrer reichen Haare gestreut , die natürliche und künstliche Blumenkränze geschmackvoll umwanden . Aurel pflegte in der Regel nicht zu reflectiren . Als Mann der That auf das Practische gerichtet , von Jugend auf zu tüchtiger Regsamkeit angehalten , konnte sich eine ohnehin schwach vorhandene Anlage zur Philosophie in ihm nicht entwickeln . War er also nicht geradezu in seinem Fache , für das er mit ganzer Seele lebte , beschäftigt , so liebte er den ungebundenen , freien , grenzenlosen Genuß . Der Augenblick und seine Freuden waren alsdann die Götter , denen er opferte , die er allein anerkannte . Seltsamerweise wollte sich dieser stürmische Drang zu freudiger Hingabe an den Genuß diesmal bei Aurel nicht einfinden . Er sehnte sich nach Freude , nach tosendem Jubel , nach völliger Vergessenheit , aber jener berauschende Taumel , der wie eine Sturzsee des Menschen ganzes Wesen ungerufen überströmen und in seine schäumenden Brandungen hineinreißen muß , soll er absichtslos und ohne Rückhalt genießen , dieser entfernte sich mehr und mehr von ihm . Der leichtsinnige , allen Freuden leidenschaftlich ergebene Kapitän mußte wider Willen denken . Die leidende , blutig geschlagene Gestalt der tugendhaften Elwire mit dem stummen Verzweiflungsschrei in dem großen nachtdunklen Auge drückte sich wie eine Geistererscheinung in den Spiegel seines Auges . Er konnte das ergreifende , zu tiefem Ernste stimmende Bild nicht verwischen . Selbst dem perlenden Feuer des Weines wich es nicht . Vor ihm , zur Seite , an seinen Fersen rauschte es mit ihm durch das Gewühl der hundert reizenden Evastöchter - der einzige unbefleckte Engel unter lauter Kindern und Zöglingen der Sünde ! - Aurel suchte an Vergnügungsorten ähnlicher Art immer die ausgelassensten Dirnen auf , um in munterer Weise