daß dies allein schon beweisen müsse , welche tiefe Religion in Dir sei , denn Du habest den Zustand darin beschrieben , in dem allein die Seele wieder sich zu Gott schwingen könne , nämlich ohne Vorurteile , ohne selbstische Verdienste aus reiner Sehnsucht zu ihrem Erzeuger ; und daß die Tugenden , mit denen man glaube , den Himmel stürmen zu können , lauter Narrenspossen seien , und daß alles Verdienst vor der Zuversicht der Unschuld die Segel streichen müsse , diese sei der Born der Gnade , der alle Sünde abwasche , und jedem Menschen sei diese Unschuld eingeboren und sei das Urprinzip aller Sehnsucht nach einem göttlichen Leben ; auch in dem verwirrtesten Gemüt vermittele sich ein tiefer Zusammenhang mit seinem Schöpfer , in jener unschuldigen Liebe und Zuversicht , die sich trotz aller Verirrungen nicht ausrotten lasse , an diese solle man sich halten , denn es sei Gott selber im Menschen , der nicht wolle , daß er in Verzweiflung aus dieser Welt in jene übergehe , sondern mit Behagen und Geistesgegenwart , sonst würde der Geist wie ein Trunkenbold hinüberstolpern und die ewigen Freuden durch sein Lamento stören , und seine Albernheit würde da keinen großen Respekt einflößen , da man ihm erst den Kopf wieder müsse zurechtsetzen . Sie sagte von diesem Lied , es sei der Geist der Wahrheit mit dem kräftigen Leib der Natur angetan , und nannte es ihr Glaubensbekenntnis , die Melodien waren elend und unwahr gegen den Nachdruck ihres Vortrags und gegen das Gefühl , was in vollem Maße aus ihrer Stimme hervorklang . Nur wer die Sehnsucht kennt ; ihr Auge ruhte dabei auf dem Knopf des Katharinenturms , der das letzte Ziel der Aussicht war , die sie vom Sitz an ihrem Fenster hatte , die Lippen bewegten sich herb , die sie am End immer schmerzlich-ernst schloß , während ihr Blick in die Ferne verloren glühte , es war , als ob ihre Jugendsinne wieder anschwellen , dann drückte sie mir wohl die Hand und überraschte mich mit den Worten : » Du verstehst den Wolfgang und liebst ihn . « - Ihr Gedächtnis war nicht allein merkwürdig , es war sehr herrlich ; der Eindruck mächtiger Gefühle entwickelte sich in seiner vollen Gewalt bei ihren Erinnerungen , und hier will ich Dir die Geschichte , die ich Dir schon in München mitteilen wollte , und die so wunderbar mit ihrem Tode zusammenhing , als Beispiel ihres großen Herzens hinschreiben , so einfach wie sie mir selbst es erzählt hat . Eh ich ins Rheingau reiste , kam ich , um Abschied zu nehmen , sie sagte , indem sich ein Posthorn auf der Straße hören ließ , daß ihr dieser Ton immer noch das Herz durchschneide , wie in ihrem siebenzehnten Jahre , damals war Karl VII. , mit dem Zunamen der Unglückliche , in Frankfurt , alles war voll Begeisterung über seine große Schönheit , am Karfreitag sah sie ihn im langen schwarzen Mantel zu Fuß mit vielen Herren und schwarzgekleideten Pagen die Kirchen besuchen . » Himmel , was hatte der Mann für Augen ; wie melancholisch blickte er unter den gesenkten Augenwimpern hervor ! - Ich verließ ihn nicht , folgte ihm in alle Kirchen , überall kniete er auf der letzten Bank unter den Bettlern und legte sein Haupt eine Weile in die Hände , wenn er wieder emporsah , war mir ' s allemal wie ein Donnerschlag in der Brust ; da ich nach Hause kam , fand ich mich nicht mehr in die alte Lebensweise , es war , als ob Bett , Stuhl und Tisch nicht mehr an dem gewohnten Ort ständen , es war Nacht geworden , man brachte Licht herein , ich ging ans Fenster und sah hinaus auf die dunklen Straßen , und wie ich die in der Stube von dem Kaiser sprechen hörte , da zitterte ich wie Espenlaub , am Abend in meiner Kammer legte ich mich vor meinem Bett auf die Knie und hielt meinen Kopf in den Händen wie er , es war nicht anders , wie wenn ein großes Tor in meiner Brust geöffnet wär ; meine Schwester , die ihn enthusiastisch pries , suchte jede Gelegenheit , ihn zu sehen , ich ging mit , ohne daß einer ahnte , wie tief es mir zu Herzen gehe , einmal , da der Kaiser vorüberfuhr , sprang sie auf einen Prallstein am Wege und rief ihm ein lautes Vivat zu , er sah heraus und winkte freundlich mit dem Schnupftuch , sie prahlte sich sehr , daß der Kaiser ihr so freundlich gewinkt habe , ich war aber heimlich überzeugt , daß der Gruß mir gegolten habe , denn im Vorüberfahren sah er noch einmal rückwärts nach mir ; ja beinah jeden Tag , wo ich Gelegenheit hatte , ihn zu sehen , ereignete sich etwas , was ich mir als ein Zeichen seiner Gunst auslegen konnte , und am Abend , in meiner Schlafkammer , kniete ich allemal vor meinem Bett und hielt den Kopf in meinen Händen , wie ich von ihm am Karfreitag in der Kirche gesehen hatte , und dann überlegte ich , was mir alles mit ihm begegnet war , und so baute sich ein geheimes Liebeseinverständnis in meinem Herzen auf , von dem mir unmöglich war zu glauben , daß er nichts davon ahne , ich glaubte gewiß , er habe meine Wohnung erforscht , da er jetzt öfter durch unsere Gasse fuhr wie sonst und allemal heraufsah nach den Fenstern und mich grüßte . O , wie war ich den vollen Tag so selig , wo er mir am Morgen einen Gruß gespendet hatte ; da kann ich wohl sagen , daß ich weinte vor Lust . - Wie er einmal offne Tafel hielt , drängte ich mich durch die Wachen und kam in den Saal , statt auf die Galerie . Es wurde in die Trompeten gestoßen , bei dem dritten