. Gott im Himmel weiß auch , wie es zugeht , daß ich immer heftiger und zorniger bei der Erinnerung an Elisens verfehltes Leben werde , und meine Seele ordentlich darnach dürstet , mit dem Grafen anzubinden ! Fürchten Sie indeß keine Unbesonnenheit , gute Mutter ! Ich vermeide es , selbst nur nach der Gegend hinauszureiten , wo Wehrheim und die Burg liegen . Ich meide die Einsamkeit , ich meide mich , meine eigenen Gedanken . Könnte nur die Gräfin schweigen , und wollte Agathe mich nicht durch häßliche Gesichter demüthigen . Es gelingt mir mit vieler Mühe , kaum an mich zu halten . Nun lassen wir ' s , wie es ist ! Der Himmel verhüte Unglück ! Antwort Lieber Sohn ! Du erschreckst mich . Du weißt gar nicht , wie sonderbar Dein Brief lautet . Mein Gott ! was ereiferst Du Dich denn über fremde Angelegenheiten ! Laß doch den Grafen thun , was er will . Bist Du denn dazu gesetzt , ihn zur Rechenschaft zu ziehen ? Was das für Begriffe sind , die Du Dir von Dir selbst und von Deinen Pflichten machst ! Eben erst verheirathet , und für eine Andere den Ritter spielen zu wollen ! Du darfst gar nicht mehr an Elise denken . Stelle Dir einmal vor , was Deine Frau sagen würde , wenn ihr solch ' Gerücht zu Ohren käme ! Nein , lieber Sohn ! jedes Wort , was Du mir sagst , ist mir durch Mark und Bein gegangen . Ei mein Gott ! das fehlte noch . Und alles das um das Unglückskind , die Elise ! Die arme Seele ! Ja , darin hast Du recht , wenn er sie jetzt täuscht , wenn er sie noch einmal ins Verderben brächte - ! Der Himmel müßte ihn strafen . Ich habe es immer gesagt , die erstaunlich klugen Leute , die machen ihre Nebenmenschen nur unglücklich . Hat der Graf nun wohl ein Herz , und kann es mit ansehen , daß die Person , die ihm ihr ganzes zeitliches , und wer weiß , auch ihr ewiges Glück , aufgeopfert hat , sich abhärmt , und vor der Welt die Heitere nur darum spielt , damit man ihn nicht tadeln soll ? Sie hat mir vor ein Paar Tagen einen solchen sorglosen , gleichgültigen , kleinen Zettel geschrieben , lieber Sohn ! wie Du wohl von sonst her noch von ihr kennst . Ich lege ihn Dir hier bei , Du wirst wohl gleich fühlen , was es damit ist . Mir ward recht beklommen seitdem . Ich glaube aber , es kommt doch hauptsächlich von Deinem Brief , Curd . Gieb ja auf Dich Acht . Ich weiß nicht , Du kommst mir darin ganz anders vor . Ich finde , Du kriegst jetzt etwas von Deinem seligen Vater . Du hast ihn nicht gekannt , und was man so von ihm erzählt , darnach kommt er Dir vielleicht ein Bischen laut und wild , gar nicht so vornehm wie die heutige Jugend , vor . Nun , das ist wahr , mehr Erziehung hast Du , und von dem modischen Wesen , wie jetzt in der Stadt und auf dem Lande getrieben wird , davon hatte seine Seele keine Ahndung . Er war immer draußen auf dem Felde und auf der Jagd , und wenn ich es so deutsch ausdrücken soll , zuweilen war er wohl roh zu nennen . Feinere Manieren hast Du , das ist keine Frage . Aber eine feinere Seele , solch ' zärtlich Gemüth , und so gar nicht vergessen können , was er liebte , das hattest Du bis jetzt noch nicht gezeigt . Ich werde ewig daran denken , wie mein seliges Lottchen starb ! hat der Mann das wohl je verschmerzen können ? Das kleine Bettchen mußte immer bei ihm in der Kammer stehen , und wenn er manchmal noch so lärmend von einer mißglückten Jagd nach Hause kam , und er hing in der Kammer seine Flinte und Jagdtasche an die Wand , dann blieb er wohl bei der leeren Bettstelle stehen , setzte beide Arme in die Seiten , bückte den Kopf , und starrte hinein , als wollte er das Kind mit Gewalt wieder darin sehen . » Hm ! « sagte er dann vor sich in Gedanken , halb stöhnend , halb ungeduldig , schnippte mit den Fingern , ( was er immer sehr laut und schallend zu thun pflegte ) und kam ganz still und in sich gekehrt wieder heraus . Es währte eine Weile , ehe er dann zu irgend einem Menschen sprach . Ja , er hatte ein weiches Herz und ein treues , bis in den Tod . Aber das ist wahr , dem Doktor wurde er nicht wieder gut , seit er ihm das Kind hatte sterben lassen . Er sah ihn nachdem niemals in seinem Hause , und wo er wußte und konnte , ging er ihm aus dem Wege . Einmal trafen sie gerade bei einer Kindtaufe zusammen . Ich mag nicht daran denken , es war ein schlimmer Tag . - Daher weiß ich , daß er unversöhnlich und nachtragend war , wie Du es jetzt auch zu sein scheinst . Das ist aber nicht das beste Erbstück von Deinem Vater . Sei ja auf Deiner Huth . Man kann sich da etwas auf das Gewissen laden , und kriegt es dann nachher nicht wieder herunter . Nicht lange nach dem Kindtaufsschmauße starb der Doktor . Es glaubten Viele , und ich auch , er sei vor Aerger gestorben . Dein Vater that nicht , als denke er weiter daran ; aber er ist ihm bald gefolgt . So zieht Eins das Andere nach sich . Lebe recht wohl , mein lieber Sohn ! Bedenke Alles , was ich Dir gesagt habe , und grüße Deine Frau , die ich sehr begierig bin , kennen zu lernen .