wandte sie allen ihren Einfluß daran , eine ihrer würdige Nachfolgerin an ihrer Stelle als Pröbstin gewählt zu sehen , die sich ganz dazu eigne , ihren Verlust minder fühlbar zu machen ; dann schied sie unter den lauten Klagen derer , welche sie zurückließ und folgte ihrem Herzen , das sie nach Leuenstein zu den Kindern ihrer Wahl mächtig hinzog . Mit einem seltsam aus Wonne und Weh zusammengesetztem Gefühle näherte sich Anna den alterthümlichen Mauern , in deren weiten Räumen sie einst bestimmt gewesen war , an Bernhards Seite als Herrin zu walten , und der Traum ihres Lebens zog noch einmal in lichten Bildern an ihrer Seele vorüber . Die hohen Wipfel der uralten Eichen , unter deren weit hingebreiteten Schatten Bernhard als Kind gespielt hatte , schienen ihr seinen Gruß zuzurauschen ; in ahnendem Schauen fühlte sie seine geistige Nähe überall , im Hauche der Lüfte , im Dufte der blühenden Linden ; jeder ferne Laut klang ihr , als riefe er sie bei Namen , und überall in den weiten dämmernden Sälen glaubte sie die geliebte Gestalt hervortreten zu sehen . Das ganze Schloß war ihr ein dem Andenken geweihter Tempel , mit frommer Freude und tief gefühlter Dankbarkeit preiset sie das Geschick , das ihr erlaubte , die letzten Tage ihres Lebens in ungestörter Ruhe an dieser heiligen Stätte zu weilen , wo Bernhards Wiege einst stand . Was ihrem eignen Leben versagt ward , was während ihrer Jugendzeit nur in schönen Traumgebilden ihr vorschweben durfte , alles das sieht die Tante jetzt in dem geliebten Paare sich zur seltensten Wirklichkeit gestalten , zu dessen Wohles Begründung sich vor kurzem die Stimme geliebter Todten gleichsam noch aus dem Grabe erheben mußte . Vicktorine und Raimund stehen vor ihr wie das Spiegelbild ihrer eignen Blüthenzeit ; beide entwickeln auch im Aeußern und unter ihren Augen eine , jeden Tag sich auffallender zeigende Aehnlichkeit mit dem , was sie selbst und der edle Bernhard von Leuen einst waren , und im Anblicke des jugendlichen Paares versunken , fühlt Anna oft Vergangenheit und Gegenwart vor ihrem Geiste in eins zerfließen . Zwar naht auch ihr die ernste Zukunft unaufhaltsam , von deren Geheimnissen noch kein Sterblicher Kunde erhielt , aber sie naht ihr so leise , mit so langsam schonendem Fluge , daß niemand von ihren Lieben und sie selbst kaum dieses Herannahen gewahr wird . Unverändert im Aeußern wie im Innern sieht Anna ihr ohne Grauen entgegen , und so ziehen ihr liebend und geliebt , beglückend und beglückt , von den Tagen einer nach den andern im Genusse vollkommner Ruhe vorüber . » Die Jugend darf im Morgenstrahle der Hoffnung sich sonnen , « spricht sie oft zu ihren Kindern , » der Mittag gehört der Gegenwart ; im rauschenden Drange der Begebenheiten , bald sengend heiß , bald sanft erwärmend , bald in Wonne , bald in Quaal , geht er auch im Laufe unsers Lebens , wie in dem eines einzelnen Tages so schnell an uns vorüber , daß wir im raschen Wechsel kaum aufzuathmen vermögen ; doch der milde , sanfte , erquickende Abend ist die Zeit der Alten , denn er allein ist der Erinnerung heilig . Und so wie die sinkende Sonne selbst die düstern Tannen mit einer goldnen Glorie verklärt und in rosigen Schimmer sie kleidet , so weiß auch die Erinnerung alle die Wetterwolken , welche unsern Lebensmittag umstürmten , mit goldigen Purpurlichtern zu erhellen . Den Dornen , die einst uns verwundeten , raubt sie mit milder Hand ihren Stachel ; wir fühlen die Schmerzen nicht mehr , wohl aber die Freude , diese einst überwunden und muthig getragen zu haben . « Fußnoten 1 Ich kann jede Hanne zur Lady erheben .