; in wilder Hast wühlte er sich durch pfadloses Gebüsch , die gewaltsam niedergebogenen Zweige knackten und schlugen rauschend zurück in das Gesicht des nächtlichen Störers ... Halbverloren taumelten noch einzelne Klänge der Ballmusik herüber , dann verstummten auch sie , und jetzt , mit dem letzten zwölften Schlag , den das Neuenfelder Turmglöckchen zitternd verhallen ließ , rollte und donnerte es noch einmal von ferne – das war der letzte Wagen , der von dannen fuhr . Das Auge des Ministers richtete sich starr auf den feurigen Würfel des Schlosses , der noch einen kurzen Moment feenhaft durch das flüsternde Laub flimmerte ... Da sanken die Kronleuchter des Saales , und geschäftige Hände löschten Kerze um Kerze , die einem schauerlich gestörten Fest geleuchtet hatten . Die langen , strahlenden Linien der Korridore verschwanden spurlos in der Nacht – ein Licht um das andere versank – dort huschte noch eins hin und wider , es lief mit dem Feuerwächter , der seine Runde machte ... da erlosch es – und mit ihm fiel ein Schuß in den abgelegenen Bosketten des Arnsberger Schloßgartens ... » Da wildert einer « , sagten die aufgeschreckten Schläfer in Neuenfeld , drehten sich um in ihren Betten und schliefen weiter den Schlaf des Gerechten ... Es war im Monat September . Der erste herbe Hauch des Herbstes mischte sich in die Sommerlüfte und betupfte die Waldwipfel hier und da mit schwachrötlichen Tinten und einem leichten Goldduft . Tief im geschützten Herzen des Waldes aber hielt sich noch die volle , wonnige Sommerwärme versteckt ; sie lag auf dem kräftig wuchernden Rasen , der den Kiesplatz vor dem Waldhause einfaßte , und bestreute ihn unermüdlich mit Blumenglocken . Und die Blätter der Aristolochia lagen so breit und glänzend und zuversichtlich auf dem grauen Mauerwerk , als könne nie eine Zeit kommen , wo sie sich schmerzlich zusammenkrümmen und als unscheinbare Mumien auf den Atem der Winterstürme die traute Wohnstätte verlassen würden . Sie waren übrigens heute nicht der einzige Schmuck des Waldhauses . Über der Terrasse , einen Turm mit dem anderen verbindend , schwebten Blumengewinde , und auch die gewaltige eichene Haupttür , die in die Halle führte , umsäumte eine dicke Eichenlaubgirlande . Selbst auf den lockigen Köpfen der steinernen Edelknaben lagen Efeukränze , und lange blätterreiche Brombeerranken wanden sich um die Jagdhörner , in denen das Halali versteinert schlief . Diese seltsame Ausschmückung hatte » Pfarrers Röschen « durchgesetzt – » die armen Männer « sollten doch auch ihre Freude haben . Noch festlicher geschmückt aber erschien das traute Haus innen . Wohin der Blick fiel , in Girlanden und Vasen , selbst auf den Steinfliesen der Halle lachten und strahlten die bunten Häupter der Georginen , Astern und Spätrosen , und aus der geöffneten Tür des südlichen Turmzimmers wehten die Düfte der vornehmen Heliotropen . Wir haben das Turmgemach zu verschiedenen Zeiten gesehen : jetzt hat es sich abermals eine Umwandlung gefallen lassen müssen – es ist das Wohnzimmer einer jungen Frau geworden . Weiße Mullvorhänge schweben vor den hohen Fenstern und nehmen dem Zimmer sofort den düsteren Charakter . Helle bequeme Möbel , wohlgefüllte Blumentische stehen an den Wänden , und auf dem Fußboden liegt ein dicker , warmer Smyrnateppich . In einer der tiefen Fensternischen , vor dem gestickten Lehnstuhl , steht ein Nähtisch , und darüber hängt ein blanker Messingkäfig mit kleinen , buntgefiederten brasilianischen Vögeln ... An den Hauptwänden hängen sich zwei große Ölbilder gegenüber – ein schönes , junges Mädchen , das Feldblumen im Schoße und in den schlanken , weißen Händen hält , sieht mit den großen , glückseligen Taubenaugen hinüber in das Gesicht des jungen Mannes , dem der prächtige Vollbart blond vom Kinn niederwallt und der in den über der Nasenwurzel zusammengewachsenen Brauen den Stempel des Unglücks , eines traurigen Schicksals trägt . Um beide Bilder legen sich Blumengewinde frisch und glänzend und hauchen einen schwachen Lebensodem über die jugendlichen Gestalten , die längst unter der Erde schlafen . Was alles wußte heute die geschwätzige Fontäne vor dem Waldhause zu erzählen ! ... Der Mann mit der majestätischen Rittergestalt , der dort hauste , hatte heute in der Abendstunde neben » dem schönen , blonden Mädchen im blauen , wallenden Gewande « gestanden – nicht in der fein ehrbaren Weise , wie sie der Brauch und das Herkommen vorschreiben – nein , sein starker Arm hatte fest und innig die zusammenschauernde , schlanke Gestalt umschlungen in dem Augenblicke , als die Abendsonne golden durch das Fenster der Neuenfelder Dorfkirche auf sein und des Mädchens Haupt gesunken war und der Pfarrer mit ergreifenden Worten den Bund ihrer Herzen eingesegnet hatte ... Dann waren sie still und glücklich , nur zu zweien durch den Wald gewandelt , und der Mann hatte sein junges Weib buchstäblich über den blumenbestreuten Kiesplatz in sein Haus getragen . Bertold Ehrhardt hatte in einer fast fieberhaften Angst seine möglichst rasche Vereinigung mit Gisela betrieben . Der Pfarrerin gegenüber war ihm das Geständnis entschlüpft , daß ihm das schreckliche Schicksal seines Bruders , der Verrat , den ein Weib an ihm geübt , einen unauslöschlich schlimmen Eindruck gemacht habe – er würde nicht eher ruhig sein können , bis er sein unschuldiges Mädchen in das Waldhaus gerettet habe ... Nie durfte die Witwe des Barons Fleury in seiner Gegenwart genannt werden . Sie selbst machte aber auch im Lande nicht mehr von sich reden – sie hatte sich mit der kleinen Pension , die ihr der Fürst gewährte , nach Paris zurückgezogen ... Auch Frau von Herbeck war aus der Gegend verschwunden . Sie bezog ein Jahrgeld von Gisela und lebte vergessen in einer kleinen Stadt » ihren Erinnerungen « . Am Hofe zu A. erregte die Wahl der jungen Sturm gewaltiges Aufsehen . Der Fürst konnte einige Nächte nicht schlafen über den Gedanken , daß der Portugiese abermals die Axt an die Wurzeln des hochfürstlichen Prinzips lege , indem er vor aller Augen beweise , daß eine geborene Reichsgräfin Sturm