sie demütigten ihn , entwürdigten sie . Von der höchsten zur tiefsten Stufe des Besitzes hinab stößt die Hilfsbereitschaft auf unüberwindliche Hindernisse ; es ist keine Zartheit möglich , keine Klausel , kein liebevoller Betrug , da steht der Reichtum vor der Armut so ratlos wie diese vor ihm . Entschlossen , der Not des Musikers zu steuern , hatte sich Sylvia an ihre Mutter gewendet . Auf den Beistand der Freifrau war nicht zu zählen , sie war von Andreas Döderlein so nachhaltig gegen Daniel beeinflußt worden , daß sie drohend die Stirn runzelte , wenn man von ihm redete . Agathe von Erfft setzte sich mit einigen Personen in Korrespondenz , die ihr dienliche Winke geben konnten . Durch diese wurde sie insofern gefördert , als sie ohne zeitraubende Irrwege an die rechte Stelle gelangte . Eines Tages erschien sie vor Eberhard und Sylvia mit dem fertigen Projekt . Ein angesehenes Mainzer Verlagshaus hegte schon seit Jahren die Absicht , eine Sammlung mittelalterlicher Kirchenmusik zu veranstalten und herauszugeben . Viel Material lag schon vor , ein inzwischen verstorbener Musikschriftsteller hatte es zusammengetragen ; anderes mußte erst beschafft werden ; hiezu waren Reisen nötig , bedeutende Geldopfer , ein Mann vor allem , der die Mühe nicht scheute und dessen Sachkenntnis keinen Zweifel zuließ . Da nun schon im Beginn des Unternehmens die Kosten den zu hoffenden Ertrag bei weitem überstiegen hatten , war der Verleger bedenklich geworden und hatte , weil auch eine geeignete Kraft fehlte , auf die Ausführung des Planes verzichtet . Agathe hatte schon früher davon gehört . Daß die Angelegenheit wieder in Fluß gebracht werden konnte , erfuhr sie durch eine mittelbare Erkundigung , eine unmittelbare bestätigte es . Der Verleger wollte jedoch die geschäftliche Gefahr nicht mehr allein tragen , er suchte einen Mäzen , der sich mit einem Kapital beteiligte . Kam dies zustande , so war er bereit , Daniel Nothafft , dessen Name ihm von ungefähr bekannt war , die verantwortungsvolle Aufgabe anzuvertrauen . Da die verschiedenen Arbeiten , als : das Sammeln in Archiven , Bibliotheken und Klöstern ; die Korrekturen ; Erläuterungen ; Überwachung des Drucks usw. sich über eine Reihe von Jahren erstrecken würden , müßte man ihn der Firma verpflichten und sei erbötig , ihm bis zur Beendigung des Werkes einen Jahresgehalt von dreitausend Mark zu zahlen . Eberhard zog verläßliche Nachrichten über den Ruf und Kredit jenes Hauses ein , und da diese günstig lauteten , erklärte er , die bedungene Kapitalshilfe leisten zu wollen . Ein paar Tage nach dem Gespräch zwischen Sylvia und Marianne erhielt Daniel mit der Frühpost einen Brief des Verlags Philander und Söhne , worin er aufgefordert wurde , dem nach Art und Ziel genau bezeichneten Unternehmen seine Dienste zu widmen . Im Falle seiner Einwilligung hatte er nur seine Unterschrift auf den mitgeschickten Kontrakt zu setzen . Er las alles ruhig von Anfang bis zu Ende durch . Seine Miene erhellte sich nicht . Er schritt einige Male auf und ab , trat dann aus Fenster und schaute hinaus . » In diesem Sommer scheint ' s bloß Regen zu geben , « sagte er . Marianne war zum Tisch gegangen . Sie nahm den Brief samt dem Vertrag und las beides . Ihre Pulse klopften vor Freude , doch drängte sie jede Äußerung aus Furcht vor Daniels Widerspruchsgeist und unberechenbarer Laune zurück . Kaum traute sie sich nach ihm hinzublicken und wartete bang auf das , was er tun würde . Endlich trat er wieder an den Tisch , zog eine Grimasse , starrte eine Weile auf die Schriftstücke und sagte lakonisch : » Kirchenmusik ? Ja ; das will ich machen . « Langte nach dem Federhalter , tauchte ihn ein und kritzelte seinen Namen unter den Vertrag . » Gott sei Dank ! « flüsterte Marianne . Am selben Mittag verabschiedete sie sich von Daniel . Eva hing am Hals ihres Vaters und wollte sich gar nicht trennen . Ohne Scheu küßte sie ihn unzählige Male voll natürlicher , sprudelnder Leidenschaft und lachte dabei . Daniel ließ es geschehen . Er blieb ernst . Wenn sein Blick dem Blick des Kindes begegnete , schauderte ihm vor der grenzenlosen Fülle des Lebens , aber er empfand auch eine Verheißung , und dagegen sträubte er sich mit aller Macht . 12 Es war ein sonniger Septembertag . Eberhard , der den ganzen August in Erfft verbracht hatte , war zurückgekehrt , um einige dringende Geschäfte zu erledigen , sowie die Anstalten zur bevorstehenden Hochzeit zu beschleunigen . Um die Stunde , wo die Gassen voll von spielenden Kindern waren , schritt er versonnen den Burgberg hinan . Er wollte sein Häuschen aufsuchen , das er seit Monaten nicht betreten hatte , es verlangte ihn nach der Stille dort , der tiefen Stille , nach einem Blick in die Vergangenheit , nach einem der schattenhaften Bilder seiner selbst , die er in allen Zeiten wandeln sah , in allen Räumen , wo er gewesen , auf vielen Wegen , wo er gegangen , auf den vergilbten Seiten von Büchern sogar , die er in der Einsamkeit zu Gefährten gehabt . Er zögerte häufig , blieb stehen , schien unschlüssig . Auf einmal kehrte er um und wandte sich mit ziemlich raschen Schritten gegen den Egydienplatz . Als er die Tenne von Daniels Wohnhaus betrat , kam dieser die Treppe herunter . Daniel begrüßte Eberhard und reichte ihm die Hand . » Ich wollte Sie gerade abholen , « sagte der Freiherr , » wollte Sie bitten , mit mir in meine Eremitage zu gehen . « Daniel schaute durch seine Brillengläser einer Schwalbe nach , die in fabelhaftem Schwung über die ganze Weite des Platzes schnellte . » Offengestanden , Baron , zum Schwatzen fehlt mir die Lust , « antwortete er so schonend , wie es ihm möglich war , zu sein . » Es muß nicht geschwatzt werden , « sagte Eberhard . » Mich drückt ein