er ein Wort auf den Lippen , mit dem er ihre Befürchtungen zerstreuen konnte . Aber er hielt es zurück . Denn ausgesprochen , hätte es doch nichts anderes bedeutet , als daß er wohl daran dachte , wieder ein paar Stunden der Lust mit ihr zu durchleben , aber daß er nicht geneigt war , irgendeine Verpflichtung auf sich zu nehmen . Er fühlte es : um sie nicht zu verletzen , hätte er nur dies eine sagen dürfen : du gehörst mir für immer ! Du sollst ja ein Kind von mir haben ! Zu Weihnachten , zu Ostern spätestens hol ich dich und nie mehr werden wir voneinander getrennt sein . Er fühlte , wie sie dieses Wort mit einer letzten Hoffnung erwartete mit einer Hoffnung , an deren Erfüllung sie selbst nicht mehr glaubte . Aber er schwieg . Wenn er ausgesprochen hätte , was sie ersehnte , so hätte er sich aufs neue gebunden und nun wußte er es so tief , wie er es noch nie gewußt , daß er frei sein wollte . Immer noch ruhte sie auf seinen Knien , ihre Wange an seine Wange gelehnt ; sie schwiegen lang und wußten , daß dies der Abschied war . Endlich , entschlossen sagte Georg : » Wenn du also nicht mit mir kommen willst , Anna , dann reise ich ganz direkt zurück morgen . Und wir sehen uns erst im Frühjahr wieder . Bis dahin gibt ' s wieder nur Briefe . Es sei denn , daß ich zu Weihnachten , wenn ' s möglich ist ... « Sie hatte sich erhoben und lehnte am Klavier . » Schon wieder ist er leichtsinnig « , sagte sie . » Ist es nicht am Ende sogar besser , wenn wir uns erst nach Ostern wiedersehen ? « » Warum besser ? « » Bis dahin wird alles noch viel klarer sein . « Er wünschte sie nicht zu verstehen . » Du meinst , wegen des Vertrags ? Ja ... da muß ich mich schon in den nächsten Wochen entscheiden . Die Leute wollen ja wissen , woran sie sind . Andererseits , auch wenn ich unterschriebe , auf drei Jahre , und es kämen andere Chancen , gegen meinen Willen werden sie mich nicht halten . Aber bis jetzt scheint es wirklich , daß der Aufenthalt in der kleinen Stadt mir sehr förderlich ist . Nie hab ich so intensiv arbeiten können , wie dort . Hab ich dir nicht geschrieben , wie ich manchmal nach dem Theater bis drei Uhr früh an meinem Schreibtisch gesessen bin ? Und war um acht ausgeschlafen und frisch ! « Sie sah ihn immer nur an , mit einem Blick , schmerzlich und nachsichtig zugleich , der ihn wie ein Blick des Zweifels berührte . Hatte sie nicht einmal an ihn geglaubt ! Hatte sie nicht in einer halbdunkeln Kirche vertrauensvoll und zärtlich zu ihm gesprochen : » Ich will zum Himmel beten , daß ein großer Künstler aus dir werde . « Wieder war ihm , als hielte sie längst nicht mehr so viel von ihm , als in früherer Zeit . Er fühlte sich beunruhigt und fragte sie unsicher : » Du erlaubst doch , daß ich dir meine Violinsonate schicke , sobald sie fertig ist ? Du weißt , auf niemandes Urteil geb ich so viel , wie auf deins . « Und er dachte : wenn ich sie mir doch als Freundin erhalten könnte ... oder einmal wiedergewinnen ... als Freundin ... Wird es möglich sein ? Sie sagte : » Du hast mir auch von ein paar neuen Phantasiestücken geschrieben , für Klavier allein . « » Ganz richtig . Sie sind aber noch nicht ganz fertig . Aber ein anderes , das ich ... das ich ... er fand es selbst töricht , daß er zögerte heuer im Sommer komponiert habe , an dem See , wo diese arme Person ertrunken ist , die Geliebte Heinrichs , das kennst du ja auch noch nicht . Könnt ich nicht ... ich spiel dir ' s vor , ganz leise , willst du ? « Sie nickte und schloß die Tür . Dort , hinter ihm blieb sie regungslos stehen , als er begann . Und er spielte . Er spielte das kleine , leidenschaftlich-schwermütige Stück , das er an seinem See komponiert hatte , als Anna und das Kind für ihn völlig vergessen waren . Es erleichterte ihn sehr , daß er es ihr vorspielen durfte . Sie mußte ja verstehen , was diese Töne zu ihr sprachen . Es war gar nicht möglich , daß sie es nicht verstand . Er hörte sich selbst gleichsam sprechen aus diesen Tönen ; ja ihm war , als verstände er jetzt erst völlig sich selbst . Leb wohl , Geliebte , leb wohl . Es war schön . Und nun ist es vorbei ... Leb wohl Geliebte ... Was uns beiden gemeinsam bestimmt war , haben wir durchlebt . Und was nun kommen mag , für mich und für dich , wir werden einander etwas Unvergeßliches bedeuten . Nun geht mein Leben einen andern Weg ... Und deines auch . Es muß vorbei sein ... Ich hab dich geliebt . Ich küsse deine Augen ... Ich danke dir , du Gütige , Sanfte , Schweigende . Leb wohl , Geliebte ... Leb wohl ... Die Töne verklangen . Er hatte nicht von den Tasten aufgesehen , während er spielte ; jetzt wandte er sich langsam nach ihr um . Ernst , mit leise zitternden Lippen stand sie hinter ihm . Er faßte ihre Hände und küßte sie . » Anna , Anna ... ! « rief er aus . Das Herz wollte ihm zerspringen . » Vergiß mich nicht ganz « , sagte sie leise . » Ich schreib dir , sobald ich wieder dort bin . « Sie nickte . » Und du mir auch , Anna ... Und alles