In aufwallendem Zorn faßte Graf Egge das Geweih , zerbrach mit einem Druck seiner Faust die Hirnschale und schleuderte die Stücke unter das Bett . Der Tag verging , und die Telegramme und Kränze kamen in ununterbrochener Folge . Gegen Abend kehrte Roberts Bursche aus München zurück mit einem Berg von Schachteln und Paketen . Er brachte auch einen kleinen Lederkoffer und dazu einen Strauß weißer Rosen . Wieder einmal trug Fritz ein Dutzend Depeschen in die Kruckenstube . Graf Egge überflog die Adressen und gab die Telegramme , die an ihn selbst gerichtet waren , dem Diener zurück . » Für Robert ! « Drei Depeschen behielt er und las die erste . » Professor Werner ? « Er schüttelte den Kopf und öffnete die zweite . » Hans Forbeck ? « Ohne sich weiter um den Inhalt der beiden Blätter zu kümmern , reichte er sie dem Diener . » Für meine Tochter ! « Als er die letzte Depesche geöffnet hielt , befiel ein Zittern seine Hände . Mit heftiger Geste winkte er dem Diener zu gehen . Nun las er . Wie von einer Schwäche befallen , ließ er sich in den Lehnstuhl sinken . » Er hat ihn liebgehabt ! « Ungestüm die weiche Regung von sich abschüttelnd , die ihn wider Willen erfaßt hatte , sprang er auf . » Wir sind zu Ende miteinander , er und ich ! « Mit zuckenden Händen zerriß er die Depesche , warf die zu einem Knäuel geballten Fetzen in einen Winkel und öffnete die Tür . » Robert ! « Laut hallte der Ruf im Flur . » Ja , Papa ! « klang aus dem Billardzimmer die Antwort . Graf Egge ging der Stimme nach ; als er die Schwelle betrat , fuhr ihm das Blut ins Gesicht . Der Raum war anzusehen wie die Verkaufshalle eines Bestattungsgeschäftes . Offene Schachteln , ein Wust von Packleinen und Seidenpapier , Wachsfackeln , ein Bahrtuch mit gesticktem Wappen und langen Silberfransen , kunstvoll gebundene Kränze mit langen Atlasschleifen , ein Samtkissen mit Helm und Degen , Halbbuketts aus Palmzweigen und seltenen Blumen - alles kunterbunt durcheinander , auf der Erde , auf dem Billard , auf den Stühlen . Robert legte die Zigarette weg und trat auf den Vater zu . » Verzeih ' , Papa , das ist ein peinlicher Anblick für dich . Aber wir müssen unserem Rang und Namen Rechnung tragen , und ich habe diese schmerzlichen Pflichten mir aufgeladen , um dich damit zu verschonen . « Graf Egge schien nicht darauf zu hören ; von einer mit Gold bedruckten Kranzschleife leuchtete ihm ein Wort entgegen , das ihn näher zog . Er faßte das Doppelband und las : » Dem heißgeliebten , unvergeßlichen Sohn - von seinem tiefgebeugten Vater . « Er ließ die Schleife fallen . » Moser ! « rief er in Zorn dem alten Jäger zu , der eben eine neue Schachtel öffnete . » Weg mit dem Schwindel und ins Feuer damit . « » Aber Papa ! « stammelte Robert . Ein kalter Blick des Vaters . » Äußere du deinen Schmerz , wie dir beliebt . Was meine Trauer zu sagen hat , das bitt ' ich mir zu überlassen ! « Graf Egge ging zur Tür und kehrte auf der Schwelle wieder um . » Herr Doktor Egge hat sich für morgen mit dem Frühzug angemeldet . Dieser Besuch ist überflüssig . Du wirst ihn vor dem Parktor erwarten und ihm bedeuten , daß ich mir die zwecklose Unbehaglichkeit einer solchen Begegnung morgen erspart wissen möchte . Die Form überlaß ich dir ! « Es zuckte wie Hohn um Graf Egges Mund . » Daß du diese Mission mit prompten Erfolg erledigen wirst , daran zweifle ich nicht ! « Ohne Roberts Antwort abzuwarten , verließ er das Zimmer , kehrte in die Kruckenstube zurück und stieß den Riegel vor . 10 Die herbstlichen Frühnebel , die einen schönen Tag versprachen , verzogen sich langsam über den Wipfel des Parkes , als um die neunte Morgenstunde alle Glocken des Kirchturms zu läuten begannen . Der Platz vor dem Schlosse war schwarz von Menschen . Aus dem Dorf und allen benachbarten Ortschaften waren die Bauern zusammengeströmt und rissen die Augen auf , als sie den feierlichen Prunk des Kondukts unter den getragenen Klängen des Trauermarsches sich entwickeln sahen . Die Mannsleute musterten neugierig die Pferde mit den nickenden Federbüschen , während die Neugier der Weiber und Mädchen den uniformierten Fackelträgern und den in schwarze Seide gekleideten Pagen galt . Hinter dem Sarge gingen Graf Egge und Robert mit vier Offizieren , die Willys Regiment geschickt hatte . An die Honoratioren schloß sich der Schwarm der Dorfbewohner an . Unbekümmert um Choral und Trauermarsch , beteten sie nach ihrer Gewohnheit mit lauten Stimmen und hatten dabei für alles ein Auge , besonders für den Adlerkäfig , an dem der Zug vorüber mußte . Eng aneinander gedrückt saßen die fünf Vögel auf der höchsten Stange und drehten unruhig die Köpfe mit den blitzenden Augen . Im Gottesacker gab es eine lange Feier ; nach der Grabrede des Geistlichen sprach einer der Offiziere , und dann fielen die Sänger ein : » Es ist bestimmt in Gottes Rat - « Graf Egge schien nicht zu sehen , nicht zu hören , bis ihm der Geistliche die kleine Schaufel reichte , schon mit Erde gefüllt . Polternd fiel die Scholle über den Sarg . Dann nahm die Schaufel ihren Weg durch hundert Hände . Als die Bauern sahen , daß die Offiziere , wenn sie die Schaufel weiterreichten , auf den Grafen zutraten und ihm die Hand drückten , befolgten sie dieses Beispiel mit würdevoller Umständlichkeit - und Graf Egge bekam blaue Finger von der Teilnahme , die sich mit derben Fäusten an ihn herandrängte . Hinter dem Rücken der Bauern , die sich vor dem Grafen hin und her schoben , kam einer scheu bis zum Grab geschlichen ,