so leidenschaftlichen Antheil genommen , wenn ich sie mit denen verglich , die ich jetzt so herzlich lieben gelernt hatte : wenn ich den » Wilden « verglich mit seinem milden , weisen Bruder ? Und da ich nun einmal im Vergleichen war , so mußte es sich auch der riesenhafte , schwerfällige , verschlafene Hans von Trantow - wo war er jetzt der gute Hans , wenn er nicht todt war ? - der Hans mußte sich gefallen lassen , neben den kleinen , beweglichen , geistvollen Doctor Snellius gestellt zu werden ; selbst der alte verkommene Christian mußte neben den strammen Wachtmeister Süßmilch treten . Aber am allerlebhaftesten drängte sich mir doch der Vergleich auf zwischen der schönen , phantastischen Konstanze und Paula ' s schlichtem , keuschen Wesen . War doch ein größerer Gegensatz kaum denkbar ! Vielleicht rief gerade deshalb das Bild der Einen immer das der Andern hervor . Und dabei war ein sonderbarer Umstand : ich empfand vor Paula , trotzdem sie so jung war , daß sie fast noch jenem Alter angehörte , für welches unsere heutige Jugend , wenn ich recht verstanden , einen Namen aus dem Kochbuche entlehnt hat , eine größere Ehrfurcht , als ich je vor der um mehrere Jahre älteren , so sehr viel schöneren Konstanze empfunden . Zwar auch dieser gegenüber hatte ich eine Scheu zu überwinden gehabt ; aber diese Scheu war ganz anderer Art gewesen , und schließlich hatte ich sie doch überwunden , und ich war , als ich den letzten Morgen das Schloß verließ , entschlossen gewesen , sie zu heirathen - trotz meiner neunzehn Jahre ! Und was mich nicht minder überraschte : ich konnte Konstanze , die mich so schnöde verrathen , die ich zu hassen glaubte , jetzt nicht gedenken , ohne den Wunsch zu empfinden , ich möchte sie wiedersehen und ihr sagen können , wie sehr ich sie geliebt und wie tief sie mich gekränkt habe . Wo war sie jetzt ? Sie hatte zuletzt aus Paris geschrieben . War sie noch da und wie lebte sie ? Daß sie von ihrem Geliebten verlassen sei , wußte ich bereits ; ich hatte , als ich es zuerst erfuhr , laut gelacht . Jetzt lachte ich nicht mehr ; ich dachte nicht ohne Gefühl tiefsten Mitleids an sie , die man so ungeheuer beleidigt hatte , die vielleicht , ja wohl gewiß , nun schutzlos , heimathlos durch die Welt irrte , eine Abenteurerin , wie ihr Vater ein Abenteurer gewesen war . Und doch konnte es ihr im gewöhnlichen Sinne des Wortes nicht schlecht gehen ; sie hatte ja mit Stolz und Verachtung jeden Anspruch auf die Erbschaft ihres Vaters zurückgewiesen . Wußte sie jetzt , daß ihr Vater es verschmäht hatte , ihre Mutter zu seiner Gattin zu erheben ? Hatte sie es immer , hatte sie es schon damals gewußt ? Und , wenn sie es gewußt , reichte dieser Umstand nicht hin , das feindliche Verhältniß , in welchem sie zu ihrem Vater gestanden , zu erklären ? Konnte sie den Mann lieben , der ihre Mutter so grenzenlos unglücklich gemacht ? der ihr nie im guten Sinne Vater gewesen war , der , wenn man der Aussage seiner Spielgesellen glauben wollte , ihre Schönheit nur als Lockspeise benützt hatte für die dummen Fische , die sich in seinen Netzen fangen sollten ? Konnte man mit ihr , der von solchen Eltern Abstammenden , in der Einsamkeit , in solcher Umgebung Aufgewachsenen , den plumpen Zudringlichkeiten , den frechen Schmeicheleien roher Krautjunker vom zarten Alter an Ausgelieferten - konnte man mit ihr so streng in ' s Gericht gehen , wenn sie Pflichten verletzt hatte , deren Heiligkeit sie nie begriffen ? wenn sie das Opfer eines Wüstlings geworden war , der mit all den Lockungen des Reichthums , des hohen Ranges , mit dem ganzen Zauber der Jugend vor sie trat ? Unglückliche Konstanze ! Dein Lied von dem Schlimmen , dem Einen , an den Du die Seele , die arme , verloren - es war grausam prophetisch - der Eine war schlimm , sehr schlimm gegen Dich gewesen ! Und der Andere ! Er hatte die Drachen tödten sollen , die auf Deinen Wegen lauerten ! Dein treuer Georg , Dein wackerer Knappe ! Du hattest seine Dienste verschmäht , und es war auch wohl nur zu gerechtfertigt gewesen das Mißtrauen , das Du in die Kraft und Klugheit des Knappen setztest , der sich Dir geweiht . Würde er Dich je wiedersehen ? Ich wußte , daß sie abgelehnt , sich an der bevorstehenden Familien-Conferenz zu betheiligen . Dennoch , je näher der Termin heranrückte , desto öfter kam mir der Gedanke , sie könnte sich doch , unberechenbar wie sie war , eines Anderen besinnen und plötzlich vor mir stehen , gerade so , wie mein Freund Arthur eines Abends , als ich mit Paula vom Belvedere zurückkam , im ganzen Glanze seiner neuen Fähnrichs-Uniform vor mir stand . Dreißigstes Capitel . Der Tag war regnerisch und unfreundlich gewesen und meine Stimmung trüb wie der Tag . Der Director hatte am Morgen einen Anfall von Blutsturz gehabt ; ich war zum erstenmale allein in dem Bureau und hatte oft von der Arbeit nach dem Platze hinübergesehen , der heute leer war , und dann wieder aufgehorcht , wenn ein leichter , schneller Schritt auf dem Gange vorüberkam von dem Zimmer , wo der Director lag , nach dem Kinderschlafzimmer , an das den kleinen Oscar schon seit einer Woche ich weiß nicht mehr welche Krankheit fesselte . Immer hatte ich gehofft , der leichte , schnelle Schritt würde an meiner Thür stehen bleiben ; aber die Fee hatte heute gar viel zu schaffen - und so mochte sie mich denn wohl vergessen haben . Aber sie hatte mich nicht vergessen . Es war gegen Abend ; ich hatte , da ich nichts mehr sehen konnte , meine Sachen zusammengepackt und