zu , schüttelte auf die roheste Weise die Kissen auf , warf die Decke zurecht und behandelte die Leidende nicht anders als ein fühlloses Stück Holz . » Leon , Leon , hilf deiner armen Mutter ! Wo bist du , Leon ? « rief die Kranke im Fieberwahn , unter den rohen Fäusten sich sträubend . » Elise , Elise , ich schenke dir meine rote Samtmantille , wenn du mir hilfst . O sei nicht böse , Elise , schicke diese weg ; ich will dich auch niemals wieder schelten , gewiß niemals ! Bitte , bitte , bitte ! « Mamsell Elise winkte der Wärterin und hauchte : » Aber Rosenmeiern , was machen Sie denn ? Sehen Sie denn nicht , daß die gnädige Frau das so nicht leiden kann - mein Gott , wie gemein . « Dabei ließ sich die Kreatur affektiert seufzend in eine Causeuse sinken ; aber jetzt zerriß auch die Portiere in der krampfhaft zitternden Hand des Freifräuleins , zur Seite flog der Vorhang , und so unvermutet erschien Juliane in der Tür , daß die Kammerzofe im jähesten Schrecken mit abwehrenden Händen in die Höhe fuhr , daß die Wärterin die Tasse , welche sie eben zum Munde führen wollte , fallen ließ . Von ihrem Pfühl hob sich die Kranke und schrie : » Da , da - da ist sie , ich fürchte mich nicht mehr vor ihr ! Juliane , Juliane , komm her , du sollst das letzte Wort haben . Komm herein , du lebst , und ich muß sterben . Treibe die weg - die , die ! Sie wollen mich umbringen . Jage sie fort , komm herein - bald - morgen , wirst du ja doch kommen , und ich werde es dir nicht wehren können ! « An die Hand ihrer Schwägerin klammerte sich die sterbende Viktorine , und mit der gewohnten Energie bemächtigte sich Juliane sogleich der Herrschaft über das Krankenzimmer . Sie hatte ritterlich schon wildere Geschöpfe gebändigt , als die Kammerzofe und die Wärterin waren , und so bezwang sie auch diese beiden Tiere . Die ganze Nacht saß sie am Bette der Verwandten , und die Baronin regte sich nicht , sondern starrte immer nur ganz fest auf die kleine schwarze Gestalt , das verrunzelte Gesicht , die spitze Nase . Gegen Morgen schlief die Kranke ein und erwachte erst , als die Sonne in das Fenster schien . Das Freifräulein beugte sich dann über die Kissen der Leidenden und sagte freundlich und liebevoll : » Guten Morgen , Viktorine , Sie haben einen gesunden Schlaf getan , und ich habe Sie gut bewacht . Sie zürnen mir doch darum nicht ? « Viktorine von Poppen gab keine Antwort . Sie warf die Arme unruhig umher , sie fuhr mit den Händen über das Gesicht , als wolle sie allerlei böse Gedanken von sich scheuchen . Mit ihrer sanftesten Stimme fuhr Juliane fort : » Bitte , bitte , liebe Viktorine , dulden Sie mich so lange um sich , als Sie krank sind . Vergessen Sie , was zwischen uns gelegen hat . - Sind Sie durstig ? Hier - nehmen Sie sich Zeit . - Liebe Viktorine , sobald Sie wieder gesund sind , mögen Sie mich fortschicken . Sie liegen nicht gut , warten Sie , ich will Ihre Kissen zurechtlegen ! « Die Kranke ließ wie ein Kind alles mit sich geschehen , immer noch starrte sie das Freifräulein an ; aber sie murmelte dabei fort und fort den Namen Juliane . Da trat die Kammerzofe in das Zimmer , und hinter ihr erschien die unförmliche Figur , das rote gemeine Gesicht der Wärterin . Beim Anblick dieser beiden Personen warf Viktorine beide Arme um den Hals der Schwägerin und rief in höchster Angst : » Ich bitte dir alles ab ! Verlaß mich nicht , verlaß mich nicht ! Ich bin schlecht gegen dich gewesen und Leon auch . Leon ist tot , o verlaß mich nicht - geh nicht von mir , solange ich noch lebe . Ich will dir alles abbitten . Schicke die fort , jage sie aus dem Hause ; ich bitte dir alles ab . « Das Freifräulein zwang sich , heiter zu lachen , obgleich sie blutige Tränen hätte weinen mögen . » Du hast mir gar nichts abzubitten , liebe Viktorine . Du hast mir nicht mehr Püffe gegeben , als ich dir gab . Und wenn du es willst , so sollen die beiden auf der Stelle dein Haus verlassen . Ich bleibe bei dir ; habe keine Angst . Um Gottes willen - Sie - Weib - nach dem Doktor , nach dem Medizinalrat Pfingsten ! Sie stirbt , sie stirbt ! « Noch starb die Baronin Viktorine von Poppen nicht ; aber von Stunde zu Stunde wurde sie schwächer . Sie verschied erst am Nachmittag , und die Hand Julianes ließ sie bis zum letzten Augenblick nicht los . Sie starb , indem sie flüsterte : » Ich bitte dir alles , alles ab ! « Mit zitternden Händen drückte das Freifräulein Juliane von Poppen die blinden Augen der Toten zu . Das Gericht kam und versiegelte die Zimmer des Hauses Nummer fünfzig bis auf das , in welchem die kalte starre Leiche lag . Auf diese allein machten die Gläubiger keine Ansprüche . Tot und öde war das alte Gebäude , wie das Haus gegenüber . Baptiste und Elise zogen mit reicher Beute und dem Entschluß , gemeinschaftlich einen Viktualienkeller zu halten , ab . Viele Gläubiger waren auf die Nachricht vom Tode der Baronin herbeigeeilt , und von dem einst so stattlichen Besitz der Familie von Poppen konnte das letzte Fräulein von Poppen nur den armen , kleinen , halbverhungerten Hund nehmen . Sie trug ihn auf dem Arme fort , und dankbar winselnd leckte er ihr die Hand . Fünfunddreißigstes Kapitel Es gewinnt den Anschein , daß die Sterne