anders gewesen , als der alte Baumann auf dem Brownlock . Oswald hatte ihm gleich am nächsten Tage nach seiner Ankunft in Sassitz mitgetheilt , daß er sich entschlossen habe , bis auf weiteres hier zu bleiben ( auch nach Grenwitz hatte er dieselbe Botschaft geschickt , mit der Bitte , ihm etwa ankommende Briefe nachzusenden ) , und einen Tag später konnte die treue Seele schon einen Brief der vielgeliebten Herrin in Oswalds Hände legen . Es waren wenige Worte nur , auf der Reise , in einer Stadt Mitteldeutschlands , kurz vor dem Schlafengehen in einem Hotel geschrieben - wenige Worte , verwirrt und traurig , aber süß und köstlich , wie Küsse von geliebten Lippen in dem Augenblicke der Trauung . Er hatte Baumann seine Antwort mitgegeben und erwartete nun täglich einen zweiten ausführlicheren Brief mit einer Ungeduld , die keineswegs eine freudige war . Er hatte an sich selbst die schlimme Entdeckung machen müssen , wie tief verborgen der Verrath in einem Herzen lauert , daß sich bis in seine geheimsten Tiefen ganz von Liebe erfüllt glaubt . Zwar hatte er sich über die Scene in der Fensternische auf dem Balle in Barnewitz mit der Entschuldigung zu trösten gesucht : ich war außer mir ; ich wußte nicht was ich that ; aber kann Eifersucht eine Entschuldigung für Treulosigkeit sein ? Und dann : war diese Eifersucht denn nun wenigstens todt ? war sie nicht , als er Melitta ' s Bild in dem Zimmer des Barons hinter dem Vorhang entdeckte , in hellen Flammen aufgeschlagen ? Hatte er nicht der Erzählung Melitta ' s mit athemloser Spannung gelauscht , immer fürchtend , daß jetzt - jetzt ein Umstand erwähnt werden möchte , der seinen Verdacht , daß sie den merkwürdigen Mann dennoch - vielleicht ohne es selbst zu wissen - geliebt habe , bestätigen würde ? hatte sie nicht gesagt : ich glaubte ihn zu lieben ? - und nun gerade in dem Augenblicke , wo die Erzählung bis zu der Katastrophe gekommen war , die Alles und auch die Feindschaft , die jetzt offenbar zwischen ihr und dem Baron herrschte , erklären mußte - wird ihr eine Botschaft gebracht , so sonderbarer , so unheimlicher Art , so ganz geeignet , Oswald ' s ohnedies schon verstörtes Gemüth ganz und gar zu verwirren ! Nicht genug , daß ihm in Baron Oldenburg ein Nebenbuhler , den zu verachten unmöglich war , in Fleisch und Blut gegenüber stand - hier kommt ein Gemahl , das Gespenst eines Gemahls , aus einer sieben Jahre langen Wahnsinnsnacht emporgetaucht und winkt sie zu sich an sein Sterbebett - sie , seine Geliebte , seine Melitta - - Oswald fühlte , daß er selbst wahnsinnig werden würde , wollte er diesen Gedanken zu Ende denken . Er hatte es so ganz und gar vergessen , daß Melitta jemals vermählt gewesen war , daß sie jemals in den Armen eines andern Mannes , gleichviel , ob sie ihn geliebt - und um so gräßlicher , wenn sie ihn nicht geliebt - geruht , daß sie jemals die Liebkosungen eines andern Mannes entgegengenommen hatte - er zerknitterte den Brief Melitta ' s , er hätte laut aufschreien mögen vor wildem Schmerz , er hätte sein Haupt an den Felsblöcken zerschellen mögen . Warum dieses Gift in den köstlichen Trank seiner Liebe ? warum mußte das leuchtende Gewand seines Engels in dem Schmutz des Lebens schleifen ? warum mußte die duftige Blüthe vom schnöden Wurm benagt werden ? - und wäre sie denn nur jetzt wenigstens frei - aber sie ist es nicht - selbst dann nicht , wenn jenes Gespenst aus der Nacht des Wahnsinns in die Nacht des Todes sinkt . Sie ist die Mutter ihres Kindes - seines Kindes , und diese Rücksicht , die sie jetzt für einen Augenblick vergessen hat , wird in den Vordergrund treten und mich wird sie aufgeben - aufgeben müssen . Und wozu soll es auch führen ? so lange dies heimliche Verhältniß dauert , das ein tückischer Zufall seines Geheimnisses berauben kann , steht ihr guter Ruf auf eines Messers Schneide - und kann aus diesem Verhältnisse jemals ein anderes werden ? kann ich , der pfenniglose Abenteurer , der Freiheitschwärmer , jemals daran denken , die reiche Aristokratin zu heirathen ? daran denken , mich in die Gesellschaft der verhaßten Menschen zu drängen , die den Parvenü stets über die Achsel ansehen würden ? nie ! nie ! Lieber leben , wie die armen Fischer , die täglich mit Gefahr des Lebens dem grausamen Meer den kärglichen Unterhalt abringen müssen ! - So irrte Oswald ' s Geist in einem Labyrinth von schmerzlichen Zweifeln ruhelos umher , wie er selbst zwischen den Uferklippen auf dem öden Strande ruhelos umherirrte , als plötzlich ein Ereigniß eintrat , das ihn sehr gegen seine Vermuthung und seinen Wunsch zwang , in die Gesellschaft , die er jetzt so gründlich haßte , zurückzukehren . Siebenunddreißigstes Capitel Als er nämlich an einem der folgenden Tage gegen Abend nach einer Abwesenheit von mehreren Stunden sich wieder dem Dorfe näherte , sah er vor der Thür von Mutter Karsten ' s Wohnung einen mit zwei Pferden bespannten Wagen halten . Dies war etwas so ganz Außerordentliches in dem von allem Verkehr abgeschnittenen Sassitz , daß Oswald sich wohl denken konnte , es müsse auch etwas Besonderes sich unterdessen ereignet haben . Um den Wagen und an die Thür des Häuschens drängten sich Frauen und Kinder und die paar Männer , die nicht mit auf dem Fischfang waren . Sie wollten wissen , ob der alte Steffen , Mutter Karsten ' s Vater , diesmal wirklich sterben müsse , oder ob es dem jungen Doctor , nach dem Mutter Karsten vor einigen Stunden die rasche Stina geschickt hatte , gelingen werde , ihn noch einmal von seinem bösen Stickhusten zu curiren . So erzählten sie Oswald mit verstörten Mienen und gegen die Gewohnheit redselig , als er fragend unter